Sogar der Wolf hat die Brücke schon passiert
16.04.2026 Wynental, GränichenGekostet hat sie 13,9 Millionen Franken, fertiggestellt wurde sie im Juni 2021: die Wildtierbrücke Rynetel über die Autobahn A1 zwischen Suhr und Gränichen. Beinahe fünf Jahre ist das Vorzeigeprojekt nun also in Betrieb – und wird rege genutzt.
...Gekostet hat sie 13,9 Millionen Franken, fertiggestellt wurde sie im Juni 2021: die Wildtierbrücke Rynetel über die Autobahn A1 zwischen Suhr und Gränichen. Beinahe fünf Jahre ist das Vorzeigeprojekt nun also in Betrieb – und wird rege genutzt.
In der dichtbesiedelten Schweiz haben es Wildtiere nicht einfach. Verkehrswege wie Autobahnen oder Bahnlinien zerschneiden ihre Lebensräume, Populationen werden isoliert. Vor 30 Jahren, 1996, verpflichtete sich der Aargau als erster Kanton überhaupt, die Durchgängigkeit von Vernetzungskorridoren zu sichern und zu verbessern.
Einer der wichtigsten Wildtierkorridore im Mittelland ist der «Suret». Im Frühling 2021 wurde als einer seiner zentralen Bestandteile die Wildtierbrücke Rynetel über die Autobahn A1 zwischen Suhr und Gränichen eingeweiht. Die mit Eingangsbereichen 75 Meter lange und 50 Meter breite Brücke mit Blendschutz soll helfen, die Fauna des Juras mit jener des Mittellandes zu verbinden.
Monitoring über vier Jahre
Die in Gränichen wohnhafte Zoologin Cristina Boschi weiss wohl am besten Bescheid über die Wildtierbrücke. Boschi ist spezialisiert auf Wildtierbiologie. Neben anderen beruflichen Verpflichtungen verfügt sie bereits seit 2009 über ein Mandat des Kantons Aargau für die fachliche Beratung aller Wildtierkorridore.
Beim Projekt der Wildtierbrücke Rynetel erfüllte sie zudem einen Auftrag des Bundesamts für Strassen Astra. Dieser umfasste die fachliche Begleitung der Planung und des Baus bis hin zur Durchführung des wildtierökologischen Monitorings.
Das Monitoring mit genau definierten Methoden lief während vier Jahren von der Inbetriebnahme der Brücke bis Mitte 2025. Unter anderem wurden mittels Hilfsmittel Spuren aufgenommen. Und zweimal während eines ganzen Jahres – vom 1. Juli 2022 bis zum 30.
Juni 2023 und vom 1. Juli 2024 bis zum 30. Juni 2025 – standen in der Mitte der Wildtierbrücken vier Fotofallen im Einsatz. «Mit den verschiedenen Methoden konnten alle terrestrischen Säugetiere plus Amphibien und Reptilien erfasst werden», erklärt Boschi.
Bisher keine Wildschweine
Dokumentiert werden konnte so die Querung unzähliger Rehe, vieler Füchse und Dachse; äusserst selten auch jene von Hermelinen, Iltissen und Rothirschen. Und: Kurz vor Ende der zweiten Aufnahmeperiode, am 25. Mai 2025, tappte ein Wolf in die Fotofalle. Er überquerte die Brücke von Süden nach Norden. In der zweiten Fotophase wurden auch einige neue Kleinsäuger, etwa die Haus- oder Waldspitzmaus und eine Wühlmausart, registriert. «Ansonsten habe ich die gleichen Tierarten nachweisen können wie beim ersten Mal», so Boschi.
Rothirsche wurden in der zweiten Aufnahmeperiode nicht mehr fotografiert. «Und noch kein einziges Mal festgestellt haben wir das Wildschwein», weiss Boschi. Aber eben, die Aufnahmen sind nicht lückenlos. Und seit vergangenem Sommer werden bis auf weiteres keine mehr durchgeführt.
Das sei häufig so, führt die Zoologin aus. Denn eine Erfolgskontrolle sei eine kostspielige Angelegenheit. Auch deshalb habe sie während des Monitorings die Fotofallen nicht durchgehend vier Jahre lang einsetzen können.
Kein Durchgang für Menschen
In den beiden Perioden tappten auch je fast 50 Menschen in die Fotofalle – meistens zu Fuss, vereinzelt auf dem Bike. Die gut sichtbaren Verbotstafeln, eine umfangreiche Bevölkerungsinformation und das Anlegen von Totholzhindernissen sowie das Verschieben beziehungsweise Aufheben der Forstwege in unmittelbarer Nähe konnten dies nicht verhindern. «Aber im Vergleich mit anderen Wildtierüberführungen ist das sogar wenig», zeigt sich Boschi mit dieser Bilanz durchaus zufrieden. «Es hat halt immer ein paar Leute, die sich nicht an die Verbote halten.»
Wildtierkorridor ist noch inkomplett
Die Bedeutung der «Rynetel» dürfte dereinst noch zunehmen. 2028 soll Baubeginn sein für die Wildtierüberquerung über den Autobahnzubringer T5 zwischen Aarau und Hunzenschwil. Boschi geht davon aus, dass nach der Eröffnung dieser Brücke im ganzen Bereich nochmals ein Monitoring gemacht werden wird. «Das würde am meisten Sinn machen. Denn im Moment ist der Wildtierkorridor eigentlich noch immer unterbrochen.»
Die Wildtiere gelangten zwar über die A1, «doch anderthalb Kilometer weiter nördlich besteht noch immer eine Barriere». Erst mit der kompletten Wiederherstellung des Wildtierkorridors Suret wäre nicht nur die lokale Vernetzung, die momentan durch die Wildtierbrücke Rynetel bereits gegeben ist, sondern auch die überregionale Vernetzung zwischen Jura und Mittelland gewährleistet.
Entwicklung der Flora auf der Wildtierbrücke
Nach der Fertigstellung der Brücke wurde diese bepflanzt. Die angesäte Magerwiese hätte sich «sehr gut entwickelt», sagt Cristina Boschi. Bei den gepflanzten Sträuchern hingegen sei der Verbissdruck durch die Rehe auf der Brücke enorm. «Rehe nutzen die Brücke nicht nur als Durchgangsmöglichkeit, sondern auch als Lebensraum. Sie weiden nachts auf der Brücke.» Folglich seien viele Sträucher eingegangen oder nur sehr langsam gewachsen. «Es braucht viel mehr Geduld als gedacht, bis sich ein durchgehender Strauchgürtel bildet.»
Allerdings sei gerade dies eben auch Beleg dafür, dass die Brücke von den Wildtieren intensiv genutzt werde. Sehr erfreulich sei auch die Entwicklung der Tümpel in den Eingangsbereichen der Brücke. Sie werden etwa von Grasfröschen und verschiedenen Libellenarten zur Fortpflanzung genutzt, wie Boschi beobachtet hat.
Achim Günter



