Rodeo – Die Faszination und ihre Schattenseiten
15.10.2026 Suhren-/Rueder-/UerkentalDie Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Heute erzählt ...
Die Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Heute erzählt sie von ihrem ersten Besuch an einem Rodeo-Event.
Cowboy-Hüte, farbenfrohe Cowboystiefel, dazu eine weisse Bluse oder ein Hemd und hellblaue Jeans. Der Dresscode für mein erstes Rodeo in Yukon, Oklahoma, erinnert mich sehr an einen Western. Wo ich auch hinschaue, sehe ich Amerikaner wie aus dem Bilderbuch. Und obwohl ich das Gefühl habe, in eine andere Welt zu treten, erkenne ich Aspekte, die mich durchaus an Events zu Hause im Suhrental erinnern.
Der Austragungsort des Rodeos war Yukon, zwanzig Minuten vom Zentrum Oklahoma Citys entfernt. Und doch erinnerte kaum noch etwas an die Stadt. Im Gegenteil, der Standort und die Stimmung liessen durchaus an eine Abendaufführung eines kleineren Zirkus denken – wenn auch ohne Zelt. Die Manege hatte die Grösse eines Fussballfeldes, mit einer provisorischen Tribüne auf der einen Seite und Steintreppen zum Sitzen auf der anderen. Also ein bisschen wie eine Billigversion des Aarauer Brügglifeld Stadions.
Doch als die Rodeo Show mit einer Lobrede auf Amerika begann, erinnerte mich kaum noch etwas an unsere Region. Nach einem sehr patriotischen Start, der Erinnerung des Moderators daran, dass wir alle stolz darauf sein sollten, Amerikaner zu sein, sowie einem Gebet, in dem sich der Moderator für dieses Privileg bedankte, ging es dann endlich mit dem Rodeo los!
Nicht ungefährlich
Dieses hatte mehrere Runden und begann damit, dass Cowboys und Cowgirls versuchten, ein Rind zu jagen, einzufangen und zu fesseln. Verschiedene Disziplinen erforderten unterschiedliche Techniken. Weiter ging es mit der Herausforderung, dass sich die Teilnehmer möglichst lange auf dem Rücken eines Pferdes festhielten, ohne abgeworfen zu werden. Nach gut einer Stunde war ein sehr unterhaltsamer Zwischenteil an der Reihe. Bei diesem kamen Kinder zum Einsatz, die sich möglichst lange auf einem Schaf festklammerten, während dieses wegrannte. Was auf den ersten Blick sehr unterhaltsam schien und mich an eine Dorffestaktivität erinnerte, stellte sich jedoch als nicht ganz ungefährlich heraus. Denn das eine oder andere Kind wurde beinahe von den Hufen des Schafes getroffen, nachdem es abgeworfen worden war. Und Schutzkleidung oder gar ein Helm scheinen Fremdwörter für Cowboys und Cowgirls zu sein!
Weiter ging es mit dem Spektakel von Kindern, die versuchten, drei rennenden Kälbern ein Klebeband abzureissen, darauffolgend ein Hindernisrennen zu Pferd für erwachsene Reiter auch «Barrel Racing» genannt und zu guter Letzt das Highlight: Bullenreiten!
Rund fünf Sekunden
Darauf hatten wir alle gewartet! Auch wenn sich das ganze relativ weit entfernt von unseren Sitzplätzen abspielte, da die Reiter nicht wirklich weit kamen, bis sie abgeworfen wurden, war es ein Spektakel! Der Bulle schoss aus dem Startgehege und begann sofort zu bocken, während der Reiter versuchte, sich einhändig auf dessen Rücken zu halten. Meistens dauerte es rund fünf Sekunden, bis er ziemlich brutal auf dem sandigen Boden landete. Doch damit war es nicht immer vorbei! Die Reiter mussten sich schnell wegrollen, um nicht von dem wütenden Bullen getroffen zu werden – nicht immer gelang das und wir hielten einige Male den Atem an, bis der Cowboy wieder auf sicheren Beinen stand.
Die Kehrseite
Es versteht sich von selbst, dass der Abend sehr unterhaltsam war. Im Nachhinein kamen mir jedoch Bedenken – und ich gelangte zum Schluss, dass solch ein Rodeo im Suhrental kaum vorstellbar wäre. Auch wenn die Grösse der Veranstaltung, sowie die ländliche Atmosphäre mich stark an unsere schweizerische Dorfkultur erinnerten, gibt es doch einige Programmpunkte, die so nicht durchführbar wären.
Zum einen könnte ich mir kaum vorstellen, dass man Reiter – darunter auch Kinder – ohne jegliche Schutzkleidung antreten liesse, wie das bei diesem Rodeo der Fall war. Die grösste Hürde für eine solche Veranstaltung in der Schweiz wäre jedoch wohl der Tierschutz. So ist es unter anderem strengstens verboten, Tieren für eine Show Schmerzen zuzufügen und genau dies wird mit den Bullen gemacht, um sie zum Buckeln zu bringen. Auch das Jagen, Einfangen und Fesseln der Kälber gilt als Tierquälerei, da es starken psychischen Stress bei den Tieren verursacht. Die einzigen Disziplinen, welche bei einem Schweizer Rodeo durchführbar wären, sind Formen des Westernreitens. Also zum Beispiel das Barrel Racing, das wir auch am Rodeo in Yukon gesehen haben.
Man fragt sich daher automatisch, weshalb der Tierschutz in den USA solche Praktiken bei Rodeos nicht verhindert. Bei meiner Recherche fand ich heraus, dass es durchaus Regeln und Schutz für Tiere gibt. Jedoch sind Rodeos oft explizit davon ausgenommen. Ob es die Tradition des Rodeos, die Unterhaltung oder die Einnahmen sind - es scheint, dass diese Aspekte hier momentan stärker gewichtet werden als das Wohl der Tiere.
Dass Rodeos nach wie vor sehr beliebt und verbreitet sind, vor allem im Süden der USA, zeigen nicht nur solche Veranstaltungen, organisiert von Rodeo Klubs, sondern auch der Fakt, dass es Rodeo-Reiten als College Sport gibt! So wie ich also Fussball an meiner Universität spiele, reiten andere Rodeos für ihr College, während sie studieren.
Obwohl mein erstes Rodeo ein unterhaltsames und spannendes Erlebnis war, stimmte es auch nachdenklich, wenn man die möglichen Konsequenzen für die Tiere und die teilnehmenden Sportler bedenkt.
Noemi Nater


