Reinach / Suhr: Sachliche VERAS-Diskussion der Grünen des Bezirks Kulm
05.06.2026 RegionDie Grünen möchten bei der kommenden Abstimmung am 14. Juni 2026 ein Nein zu VERAS erreichen. Thema des Informationsanlasses waren die Argumente, ...
Die Grünen möchten bei der kommenden Abstimmung am 14. Juni 2026 ein Nein zu VERAS erreichen. Thema des Informationsanlasses waren die Argumente, welche auf der Gegnerseite als Schlüsselpunkte dienen. Obwohl das Interesse mässig war und nur wenige Interessierte der Einladung folgten, wurde der Abend ein voller Erfolg. Das «Nein» was schlussendlich nicht mehr das einzige Ziel der Diskussion; vielmehr stand der direkte Austausch mit der betroffenen Bevölkerung im Vordergrund. Und so wurde im Restaurant Schneggen in Reinach eine hochstehende Diskussionskultur entdeckt und gepflegt.
Zwei Grüne, zwei Meinungen
Die geplante Umfahrung VERAS polarisiert. Während Befürworter die Notwendigkeit des Strassenprojekts betonen, kontern die Gegner mit den hohen Kosten, dem Verlust von Kulturland und der schieren Grösse des Projekts. Einig war man sich im «Schneggen» dennoch: Der Zustand in Suhr ist für die Bevölkerung unhaltbar. Die Lebensqualität nimmt täglich ab, und der Ausweichverkehr durch die Quartiere gefährdet die Sicherheit von Jung und Alt.
Thomas Baumann, Suhrer Gemeinderat (Ressort Bau, Verkehr und Umwelt), hielt einen spannenden Vortrag über das «Wieso, Warum und Weshalb» der Umfahrung. Severin Lüscher hielt als Projektgegner dagegen. Eine drohende Kostenexplosion und die Befürchtung, dass neue Strassen nur noch mehr Verkehr anziehen, sind seine Gründe für ein Nein. Dennoch wurde am Schluss klar: Auch Lüscher sieht, dass in Suhr etwas passieren muss – nur eben nicht jetzt und nicht in dieser Dimension.
Suhr leidet – Die Sicht aus dem Dorf
Baumann erklärte strukturiert und klar, weshalb er sich als «Grüner» für ein grosses Strassenprojekt einsetzt. Der Grund liegt vor seiner Haustür: Er wohnt in Suhr. Er sieht täglich die verstopften Strassen, gefährliche Ausweichmanöver und blickt auf Probleme, die spätestens im Jahr 2032 bittere Realität werden. Das betrifft vor allem die Bahnanordnung für den Personenverkehr Zofingen-Suhr sowie den Güterverkehr. Letzterer muss nicht nur das Migros-Verteilzentrum in Suhr beliefern, sondern auch das von Coop in Gränichen. Das führe dazu, so Baumann, dass sich der Verkehr bis in die Bleien hinauf staue.
Auch aus dem Dorfkern berichtete er: Velo- und Autofahrer geraten in den Quartieren zunehmend aneinander. Die Einkaufsmöglichkeiten für ältere Menschen würden immer schwieriger, was zu einer Spaltung des Dorfes führe. «Die Stimmung wird immer asozialer», spitzte Baumann zu.
Die hohen Kosten des Projekts liegen am geplanten Lärmschutztunnel und der aufwändigen Verlegung grosser Leitungen im Boden – allein das Verschieben der wichtigen Überlandgasleitung kostet rund 20 Millionen Franken. Zudem soll ein modernes Verkehrsleitsystem für die gesamte Agglomeration den Verkehrsfluss künftig optimieren. Wie gross der Leidensdruck vor Ort ist, zeigte die Gemeindeversammlung in Suhr: 500 Stimmbürger sorgten für einen historischen Aufmarsch, nur eine Handvoll stimmte gegen das Projekt. Ein klares Signal, das man akzeptieren müsse.
Der Blick nach Holland und das Wynental
Spannend wurde es, als Thomas Baumann von den positiven Entwicklungen im achtjährigen Planungsverfahren sprach. Während die grünen Ansätze zu Beginn noch belächelt worden seien, habe im Team eine Kehrtwende stattgefunden. So forderten die Grünen ein Velowegsystem nach niederländischem Vorbild – woraufhin das Planungsteam tatsächlich nach Holland reiste, um sich vor Ort zu informieren.
Ein Nein zu VERAS hätte derweil massive Folgen für die Region: Es würde immensen Stau bis ins Wynental bedeuten. Durch den geplanten 15-Minuten-Takt der Bahn bleibt die Schranke künftig hochgerechnet bis zu 6,5 Stunden am Tag unten – eine absolute Zumutung für das Gewerbe und den öffentlichen Verkehr.
Das Problem sind wir selbst
In der anschliessenden offenen Runde war man sich einig, dass ein Umdenken stattfinden muss. Gerade für Kurzstrecken von 100 bis 250 Metern für den Einkauf oder das Abholen der Kinder sollte das Auto stehen bleiben und vermehrt das E-Bike oder Lastenvelo genutzt werden – eine Tatsache, die viele Anwesende nachdenklich stimmte. Hier müsse die Politik ansetzen und durchgehende, sichere Velowege schaffen.
Betroffen machten auch die persönlichen Berichte von Menschen, die wegen der unhaltbaren Zustände weggezogen sind. Am Ende stand die Erkenntnis, dass das Problem von einer Gesellschaft verursacht wird, die auf nichts verzichten will. Die bunt zusammengewürfelte Runde diskutierte schliesslich Lösungsansätze, von der Förderung des genossenschaftlichen Wohnungsbaus bis hin zur eigenen Vorbildfunktion.
Severin Lüscher wirkte trotz des starken Plädoyers seines Parteikollegen schlussendlich sehr zufrieden. Auch wenn sich die Geister am Projekt VERAS scheiden: Dieser Abend war ein wunderbares Beispiel für Toleranz, Akzeptanz und lösungsorientierte Vorschläge, die von allen Beteiligten als echte Bereicherung wahrgenommen wurden.
Dominique Rubin

