Notfall in Amerika – und der Schock kam erst danach
03.09.2026 Suhren-/Rueder-/UerkentalDie Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Diesmal gibt sie ...
Die Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Diesmal gibt sie einen Einblick, in das Gesundheitssystem.
20’000 Dollar?! Ich traute meinen Augen kaum. Was ich da vor mir sah, waren nicht etwa die jährlichen Studiengebühren eines Colleges – welche damit sogar überraschend tief ausgefallen wären –, sondern die Rechnung für einen zwei- bis dreistündigen Aufenthalt in einer amerikanischen Notaufnahme. Doch der Reihe nach.
Die hohen Kosten sind bekannt
Das amerikanische Gesundheitssystem ist dafür bekannt, nicht allzu human zu sein. So hört man immer wieder, dass sich viele Amerikaner keine Versicherung leisten können und somit möglichst nie zum Arzt, geschweige denn ins Krankenhaus gehen. Sollte dies dennoch mal der Fall sein, verlassen viele Amerikaner das Gebäude hoch verschuldet. Somit war klar, dass ich mich versicherungstechnisch gut vorbereiten muss, bevor ich in die Staaten studieren gehe.
Zwar verfügte ich über die obligatorische College-Versicherung, diese deckt jedoch ausschliesslich Verletzungen und Notfälle bei offiziellen Sportveranstaltungen der Universität ab. Glücklicherweise übernimmt aber meine Schweizer Krankenversicherung medizinische Notfälle im Ausland.
Unterschiede in der Untersuchung
Fast hätte ich es die ersten zwei Jahre geschafft, ohne einen Arzt- oder Spitalbesuch durchzukommen. In diesem Frühling war es dann aber soweit und ich musste mit Verdacht auf Blinddarmentzündung in den Notfall gefahren werden. Natürlich rief ich zuerst meine Versicherung an – ich wollte sichergehen, dass die Kosten auch wirklich übernommen würden. Wie gesagt, ich war mir bewusst, dass amerikanische Spitäler nicht gerade günstig sind.
Im Notfall angekommen, war ich überrascht, wie leer die Anlage war und wie effizient alles ablief. Dies, liess ich mir sagen, sei jedoch die Ausnahme. Angekommen, füllte ich zuerst mehrere Dokumente so gut es ging aus und wurde dann sogleich in ein Zimmer auf ein Bett gesetzt. Dort wurde ich von einer Person mit medizinischen Fragen bombardiert, während drei weitere mit meinem Puls und Blutdruck messen sowie der Infusion setzen beschäftigt waren. In dem ganzen Chaos war ich froh, dass eine Vertrauensperson von der Universität mitgekommen war.
Die Ärzte erklärten, dass sie nebst verschiedensten Labortests auch gleich einen CT-Screen mit Kontrastmittel machen würden. Während man in der Schweiz aufgrund der hohen Strahlenbelastung eher selten zu dieser Massnahme greift, wird dies in den USA anscheinend etwas gelassener genommen.
Gemischte Gefühle
Zwischen all diesen Untersuchungen kam dann eine Mitarbeiterin vorbei, die meine Versicherungskarte scannte.
Knapp zwei Stunden später kam der Arzt zurück und erklärte, dass alle Laborwerte sowie der CT-Scan unauffällig seien. Also keine Blinddarmentzündung! Den Grund für die Schmerzen und Symptome konnte mir jedoch niemand genauer erläutern, und so wurde ich mit gemischten Gefühlen entlassen.
Einige Tage später loggte ich mich im Online-Portal der Notfallaufnahme ein, um dort meine Rechnung einzusehen. Und da kam der Schockmoment: Die Behandlung sowie mein zwei- bis dreistündiger Spitalaufenthalt waren anscheinend beinahe 20’000 Dollar wert! Das sind umgerechnet etwa 16’000 Schweizer Franken. Alleine das Zimmer kostete 7000 Dollar, das Untersuchen der Blutwerte über 3000 USD und der CT-Scan beinahe 9000 Dollar! Zum Vergleich: Ein CT-Scan kostet in der Schweiz je nach Untersuchung meist einige Hundert bis rund 1200 Franken.
Komplizierter als gedacht
Im Online-Portal des Spitals sah ich auch, dass nicht meine Schweizer Versicherung angegeben wurde, sondern eine amerikanische Zahnarztversicherung, deren Name ähnlich lautete. Also rief ich die Support-Nummer der Notaufnahme an und versuchte, dies zu berichtigen. Auch nach dem dritten Anruf schafften sie es jedoch nicht, den Versicherungsnamen zu korrigieren. Nach mehreren E-Mails und Telefonaten mit meiner Schweizer Versicherung bekam ich den Rechnungsbetrag überwiesen, sodass ich die Rechnung selber bezahlen konnte. Dies war jedoch schwieriger als gedacht. Denn das Spital wartete noch immer auf eine Rückmeldung der Versicherung, welche aber natürlich nicht kam, da es die falsche war… Und, dass bei meiner eigentlichen Versicherung alles über mich läuft und ich deshalb nun selber die Rechnung bezahlen würde, schien auch nicht verständlich zu sein. Schliesslich gelang es mir aber, die Verantwortlichen zu überzeugen, dass die Rechnung direkt zu mir kommen sollte und ich sie so begleichen würde. Als dies endlich geschehen war, folgte die nächste Überraschung: Plötzlich belief sich der Betrag nur noch auf rund 2500 US-Dollar. Anscheinend hatte ich einen grosszügigen Self-Pay-Discount erhalten, also einen Rabatt, weil ich die Rechnung selbst bezahle und nicht über meine Krankenversicherung abgerechnet wurde.
Keinen guten Ruf
Das macht irgendwo auch Sinn, denn wie gesagt, viele Amerikaner besitzen keine Krankenversicherung und hätten sich stark verschuldet bei einer solchen 20’000-Dollar-Rechnung! Dennoch ist auffällig, dass die Spitäler den amerikanischen Versicherungen unnötig hohe Rechnungen stellen. Dies kommt daher, dass Krankenhäuser in den USA ihre Preise selbst festlegen können. Für mich entstand der Eindruck, dass so Institutionen versuchen, aus medizinischen Leistungen möglichst hohe Einnahmen zu erzielen. Kein Wunder, dass das Gesundheitssystem in den USA keinen guten Ruf besitzt – wohl zu Recht. Selbstverständlich bin ich inzwischen mit meiner Versicherung im Austausch, um sicherzustellen, dass sie das unnötigerweise überwiesene Geld wieder zurückerhält.
Rückblickend war diese Erfahrung jedoch weit mehr als nur eine medizinische Notlage. Klar, sie war geprägt von Stress, Verwirrung und unzähligen Telefonaten – in meinem Fall jedoch mit einem glücklichen Ende. Jedoch erlebte ich hautnah eine Schattenseite der USA, die im starken Kontrast zum Ideal des «American Dream» steht.
Noemi Nater


