«Jeder ist seines Glückes Schmied»
17.09.2026 ReinachLebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten ...
Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Lorenz Haller (80) aus Reinach. 15 Jahre hatte er als Farmer mit seiner Frau und den vier Kindern in Kanada gelebt. - Ein Leben, wie es nicht vielseitiger hätte sein können.
Als Drittjüngster von sieben Kindern ist Lorenz Haller in Zetzwil aufgewachsen. Sein Vater Hannes arbeitete als gelernter Kesselschmied in der Aluminium AG Menziken. 1952 musste er von seinem Bruder, der in finanziellen Nöten steckte, den Bauernbetrieb «Am Rain» übernehmen. Tagtäglich galt es nun, um die zwanzig Kühe von Hand zu melken und den zwölf Hektar grossen Betrieb mit Acker- und Wiesland zu bewirtschaften. Eine Herkulesarbeit neben dem Fabrikjob, die nur dank dem Einsatz aller Familienmitglieder möglich wurde. «Kälber tränken, Schweine füttern und vieles mehr gehörte von klein auf zu meinen Aufgaben», erinnert sich Lorenz Haller. «Nach der Schule unterstützten wir Kinder, so gut es ging, unsere Mutter Margrit im Haus, Garten und Stall.
René Fuchs
Rechnen und Geografie gehörten zu seinen Lieblingsfächern in der Zetzwiler Gemeindeschule. In der Schulstube wehte oft ein rauer Wind. «In der vierten Klasse erhielt ich alle Tage zwei bis drei Kopfnüsse vom Lehrer, da ich wohl zu zappelig und vorwitzig war», berichtet er. Maurer und Töffmechaniker waren seine Berufswünsche. Unvergessen bleibt ihm in der «Zetzbuer» Oberstufe die zweitägige Schulreise ins Saastal nach Mattmark und auf den Monto Moro Pass an der italienischen Grenze. Noch war der Staudamm nicht gebaut und der Allalingletscher reichte fast bis auf den Talboden.
Nach dem Schulabschluss war weiterhin seine Arbeit auf dem bäuerlichen Familienbetrieb gefragt. Nebenbei fand er eine Beschäftigung im Traxund Baggerbetrieb der Gebrüder Bertschi in Zetzwil. Seine Affinität für Motoren konnte er im Motocrossfahren in den Tüelen an den Wochenenden besonders ausleben. Hinter der Scheune hatte er sich eine kleine Werkstatt eingerichtet. Allerlei Nebenjobs wie Mosten oder Waldarbeiten sorgten für zusätzliches Sackgeld. Für die Töffprüfung musste er sich gedulden. Erst als 19-Jähriger durfte er sie absolvieren. In jugendlichem Übermut war er barfuss auf seinem 500 ccm-Motorrad ennet dem Hallwilersee von der Polizei erwischt worden.
Arbeit in Hülle und Fülle
An einem Sommernachtsfest in Birrwil lernte er 1967 beim Tanz seine grosse Liebe Ursula kennen. Da seine Schwester Marlies und sein Bruder Samuel den elterlichen Bauernhof übernommen hatten, zog es ihn in die Welt der Baumaschinen. Als Maschinist bei der Firma Stuag steuerte er Bulldozer, Scraper, Trax und Bagger. Der Autobahnbau in der Schweiz erreichte einen Höhepunkt. Arbeit gabs in Hülle und Fülle, so im St. Gallerland oder an der Strecke Bern-Thun-Spiez. Die nötige Fachausbildung dazu holte er sich in Kursen beim Baumaschinenhersteller Ammann in Langenthal.
An den Wochenenden war Motocross Trumpf. 1969 bestritt er mit seinem Bruder Samuel ein erstes Seitenwagen-Rennen in Genf. Die Passion liess die beiden nicht mehr los. Haller & Haller wurde zum Markenzeichnen in der Motocrossszene. Freundin Ursula kümmerte sich um die Versorgung und die Finanzen des Gespanns, das in einem gesponserten Bus herumreiste. Sieg um Sieg reihte sich aneinander. Der Europameistertitel 1973 nach sechzehn Rennen in Norwegen, Grossbritannien, Holland, Italien bis in die Schweiz markierte den Höhepunkt der Sportkarriere. «Am Wohler Motocross waren 39’000 Zuschauer zugegen», schwärmt Lorenz Haller noch heute. Und dass ihn Olympiasiegerin Marie Therese Nadig als Ehrendame auf die Backe geküsst hatte, lässt ihn schmunzeln. Ebenso, dass die Autogrammkarten fast aus seinen Händen gerissen wurden. Selbst in den USA war das Brüderpaar erfolgreich. 1974 gründete er voller Enthusiasmus die Firma Haller Gerüstbau in Zetzwil. Der Bauboom war nach der überwundenen Ölkrise ausgebrochen. Zeitweise zählten in den kommenden Jahren um die 30 Mitarbeiter zum Betrieb. Die Einrüstung des Museums Schneggli, des Schlosses Liebegg oder gar Türme des Doms von Speyer waren dabei wortwörtlich Höhepunkte.
Ein Jugendtraum
1976 heiratete das Paar und feierte im Zetzwiler Bären. Vis-à-vis des Elternhauses zogen Ursula und Lorenz Haller ins neue, selbstgebaute Einfamilienhaus ein. Zur grossen Freude wurden ihnen in den folgenden zehn Jahren zwei Töchter und zwei Söhne geschenkt. «Schon im Alter von 15 Jahren hatte ich davon geträumt, einmal nach Kanada auszuwandern», erinnert sich Lorenz Haller. Ein Gontenschwiler Bauer hatte sein Glück in Übersee gefunden. «Mein Vater wäre nicht abgeneigt gewesen, doch sein Bruder wollte nicht», bedauert er. Doch will man sein Leben umkrempeln, muss man die Initiative selbst in die Hand nehmen. 1985 reiste er mit zugesteckten Adressen mit seinem ältesten Sohn Hannes nach Kanada, um selbst einen Augenschein vor Ort zu nehmen. Das weite Land liess ihn nicht mehr los. Es folgten weitere Reisen und mit seiner Frau kaufte er bei Listowel in der Provinz Ontario eine 220 Hektar grosse Farm, zu der auch eine Kiesgrube gehörte. Auf Baggerfahrten wollte er auch ennet dem grossen Teich nicht verzichten.
Doch das erhoffte Visum liess vorerst auf sich warten. Endlich, im März 1988 hiess es dann in «Zetzbu» Abschied zu nehmen und sich aufs grosse Abenteuer einzulassen. Das nötige Hab und Gut wurde in einem Schiffscontainer auf die Reise geschickt. Die «Balla Hi Farm» war von nun an ihr Zuhause. Im Umkreis von 100 Kilometern lebten rund 300 Landsleute, die im Schweizerclub zusammenfanden. Fern der Heimat wurde der 1. August noch intensiver gefeiert. Das Jassen wie das Jodeln gehörten dazu. Den Schulwechsel meisterten die vier Kinder bravourös. Englisch wurde zur Standardsprache. Der Kontakt ins Wynental wurde dank Flugreisen gepflegt.
Zurück zu den Wurzeln
Auf den weiten Feldern gedieh der Anbau von Weizen, Soja und Mais. Zwei Mähdrescher wurden angeschafft. Die Jahre vergingen im Nu. 2003 hatte auch das jüngste Kind die High School absolviert. «Zeit, nach 15 Jahren in die Schweiz zurückzukehren», sagten sich Ursula und Lorenz Haller. Denn alle wollten, trotz einer glücklichen Auswanderungszeit, ihren Lebensweg bei ihren angestammten Wurzeln fortsetzen.
Die Rückkehr im Juli 2003 fiel gleichzeitig mit dem Tod seiner 92-jährigen liebevollen Mutter zusammen. Erneut bezog er mit seiner Familie sein Bauernhaus im Berg in Zetzwil, das er während den Kanadajahren einer befreundeten Familie vermietet hatte. Und beruflich ging es als Maschinist auf grossen Baustellen wie dem Speichersee der Kraftwerke Linth-Limmern weiter. Die Freude an der Arbeit liess der Pensionierung bis zum 75. Altersjahr keinen Raum.
Noch heute, 80-jährig, hilft Lorenz Haller in der Firma «Bridge Repair» seines Sohnes Hannes in Pfeffikon mit. Die Arbeit ist und bleibt sein Lebenselixier wie seine Familie mit vier Kindern und neun Grosskindern.
Seit 14 Jahren lebt er mit seiner Frau Ursula am westlichen Berghang, einem Ausläufer des Stierenberges, in Reinach. Dort hatte er ein 250 Jahre altes Bauernhaus von den Grundmauern aus neu aufgebaut. Eine Idylle mit eigener Quelle, dem nahen Waldrand und einer grandiosen Sicht aufs obere Wynental. Schon von Kindsbeinen an pflanzte er fürs Leben gern Eichen, Nussbäume und Birken. Und seit den Kanadajahren gehören auch Mammutbäume dazu. Das zeigt sich auch im weitläufigen Gelände rund ums Haus. Und dass ihre in Reih und Glied gepflanzten Christbäume nach vielen Jahren der Hege und Pflege geschmückt in nahen und fernen Weihnachtsstuben stehen dürfen, erfüllt das Paar.
Hier in ihrem Paradies keimen keine Auswanderungspläne mehr auf. Doch ihre Jahre in Kanada möchten die Doppelbürger nicht missen. «Argentinien oder Costa Rica wären vielleicht auch Alternativen gewesen», sagt Lorenz Haller im Rückblick mit einem Augenzwinkern. «Nun ist unsere Reiselust mit zunehmendem Alter verschwunden. Vor sieben Jahren waren wir zum letzten Mal in Kanada gewesen.»
Doch eine Lebenserfahrung ist ihm unwiderruflich ins Herz gemeisselt: «Jeder ist seines Glückes Schmied. - Mach, was du mit deinen Talenten umsetzen kannst.»




