«Im Emmental erlernte ich mein Sattlerhandwerk»
27.08.2026 Wynental, TeufenthalLebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten ...
Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Rolf Bertschi (65) aus Teufenthal. Fast 45 Jahre lang führte er mit Herzblut und grossem handwerklichem Geschick eine eigene Sattlerei. Nun, im Ruhestand, ist er für Arbeiten in seiner Manufaktur nur noch auf Anfrage verfügbar.
Im Dürrenäscher Sedelgebiet ist er als Jüngster von drei Kindern aufgewachsen. Vater Hansueli arbeitete bei der Hero und Mutter Ruth führte im Haus ein eigenes Atelier als Damenschneiderin. «Oft bin ich bei ihr gesessen und habe ihr bei der Arbeit zugeschaut», schmunzelt Rolf Bertschi. Nicht verwunderlich, dass ihn die Faszination fürs Nähen seither begleitet. Allerdings nicht mit feiner Nadel für Hochzeitskleider, Röcke und Mäntel, sondern für robuste Lederartikel wie Sättel, Zaumzeug, Glockenriemen oder Mittelalterartikel.
René Fuchs
«Ich hatte eine freie und schöne Jugendzeit», sagt er wertschätzend. Naturkunde und geometrisches Zeichnen gehörten in der Schule zu seinen Lieblingsfächern. In der Freizeit standen das Tannzapfensuchen im Wald und das Herstellen von Kälbergeschirr aus Teppichstreifen hoch im Kurs. Ebenso das Töfflifahren und die Versorgung der einzelnen Mastschweine, Kälber und Geissen rund ums Elternhaus.
«Um etwas Sackgeld zu verdienen, stellte ich während meiner Schulzeit den Lenzburger Bezirksanzeiger allen Haushalten in Dürrenäsch zu», schmunzelt er. Den Geschäftssinn hatte er im Blut. So erwarb er etwa in der Unterkulmer Apotheke Süssholzstängel und vermarktete die zurechtgeschnittenen Stücke in der Pause auf dem Dürrenäscher Schulhausplatz.
Unvergessen bleibt ihm aus der Oberstufenzeit in Leutwil die zweitägige Schulreise ins Tessin nach Lugano: die Fahrt auf den Monte San Salvatore, der Abstieg zu Fuss, die Übernachtung in einem Massenlager und der nächtlich von den Lehrpersonen verordnete Klassenspaziergang mitten durch das Leuchten der Glühwürmchen, um die Schülerinnen und Schüler bettreifer zu machen.
Die Berufswahl nahte. Elektriker zu werden stand hoch im Kurs, doch es kam anders. In der Berufswahlschule in Seon gewann bei ihm der Sattlerberuf nach einer Schnupperlehre immer mehr an Bedeutung. «Wohl auch deshalb, weil mein Vater das Pferd ‹Lenke› gekauft hatte, selbst als Schulbub gerne Sattler geworden wäre und ich ein Rossfanatiker war», lacht Rolf Bertschi. «Mir war bewusst, dass es schwierig sein würde, eine Lehrstelle zu finden, denn 1968 hatte der letzte Stift als Sattler-Tapezierer im Aargau abgeschlossen», erinnert er sich.
«An den Mittelaltermärkten ist das Handwerk noch etwas wert»
Dank dem ortsansässigen Käser erhielt er eine Adresse im Emmental. «1977 begann ich meine dreieinhalbjährige Lehre im Bauerndorf Arni bei Biglen. Werkstattchef Ruedi Liechti brachte mir das Handwerk von Grund auf bei», sagt er anerkennend. 300 Franken betrug anfänglich der Lehrlingslohn. Für Kost und Logis musste er davon 270 Franken den Meistersleuten abgeben. Dank Vaters Kinderzulage von 80 Franken blieb ihm gut ein Hunderter pro Monat zur freien Verfügung. An den Wochenenden in Dürrenäsch führte Rolf Bertschi in eigener Regie Bodenlegeraufträge aus. «Meine Geschäftsgründung fand eigentlich schon während der Lehre statt», sagt er mit einem Augenzwinkern.
Im Emmental war die Arbeit vielfältig: Sie reichte vom Herstellen und Reparieren von Rossgeschirr und bestickten Glockenriemen bis zu Militäraufträgen wie Schriftentaschen oder Sanitätsgurten. Etwas zu kurz kam dabei die Polsterei. Der sehr erfolgreiche Abschluss an der Berufsschule Lorraine in Bern öffnete ihm die Tür zur Berufswelt, zunächst unterbrochen durch die Rekrutenschule. – Und wie könnte es anders sein als Sattler, salopp als «dipl. Schlauchbootmechaniker», in Thun.
Vertrauen in den Geschäftssinn
Fulminant endete der Einstieg als Angestellter in die Arbeitswelt. Sein Arbeitgeber erlitt noch in seiner Probezeit Konkurs und die Frage «Wie weiter?» stand im Raum. Kurzentschlossen, dem eigenen Geschäftssinn vertrauend, eröffnete Rolf Bertschi am 1. Dezember 1981 seine eigene Sattlerei im Elternhaus. Die Werkstatt war ja bereits eingerichtet und bestickte Glockenriemen, wie etwa fürs kantonale Schwingfest in Dürrenäsch, waren gesucht. «Die Eltern ermutigten mich», erzählt er.
Zwei Jahre darauf vergrösserte er seinen Betrieb im ehemaligen Dürrenäscher Dorflädeli von Trudi Zingg. Reitartikel, Rosshaarmatratzen, Schultheke und Gürtel fanden regen Absatz und auch zahlreiche Reparaturen waren gefragt, sodass zeitweise bis zu zwei Mitarbeiter angestellt werden konnten.
Das Geschäft gedeiht
Während der Emmentaler Lehrzeit hatte er seine spätere Frau Elisabeth, Pflegefachfrau HF, an einem Oberkulmer Musikabend kennengelernt. Anfänglich war es eine Liebe auf Distanz, die nach seiner Rückkehr ins Wynental 1985 zur Hochzeit führte. Zwei Kinder, Janique (1990) und Joël (1993), wurden dem Paar zur grossen Freude geschenkt.
1991 kaufte das Paar die Liegenschaft des ehemaligen Teufenthaler Volg-Ladens an der Hauptstrasse. Dank einer grossen Stamm- und einer aufkommenden Laufkundschaft gedieh das Sattlergeschäft. Wohl waren in dieser Zeit Reitsportartikel weniger gefragt, dafür umso mehr Helly-Hansen-Jacken und zunehmend Mittelalterartikel wie Lederwaren und Felle.
1983 hatte Rolf Bertschi erstmals an einem Markt anlässlich des 700-jährigen Stadtrechts in Aarau teilgenommen. Inzwischen sind es in der Schweiz bis zu acht Märkte im Jahr geworden. «Der Handwerksberuf des Sattlers ist dort noch etwas wert», hält der Teufenthaler fest. Vor Ort zeigt er jeweils seine präzisen und anspruchsvollen Arbeitsschritte bis hin zum fertigen Produkt.
Unvergessen bleiben ihm auch manche besonderen Auftragsarbeiten, bis hin zu einem roten, eleganten «Hundetäschli», das er exklusiv für eine adrette Kundin angefertigt hat. Von Modedesigner Rudolph Moshammer und seinem Yorkshire-Terrier Daisy inspiriert, wollte sie ihr Schosshündchen ebenso stilvoll herumtragen. An entsprechender Eleganz fehlte es dem Accessoire aus der Sattlerei Bertschi AG nicht.
Aggressive Preispolitik
Bis Mitte der 90er-Jahre gab es keine Militärarbeiten mehr. Auch das Einkaufsverhalten veränderte sich zunehmend. Massenware aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Pakistan und Indien beeinträchtigte mit einer aggressiven Preispolitik das einheimische Sattlergeschäft. «Auf die Qualität, Verarbeitung und Langlebigkeit wird zu wenig geachtet», bedauert Rolf Bertschi. Oft seien die Leute auch nicht mehr bereit, einen Gegenstand flicken zu lassen. Zu schnell gebe es billigen Ersatz, sprich Wegwerfware auf einer asiatischen Internetplattform.
Neues Hobby
Im April 2026 feierte Rolf Bertschi seinen 65. Geburtstag. Schon Jahre zuvor hatte er sich um die Nachfolge seiner Sattlerei bemüht. Das Interesse blieb leider aus. Aber an Arbeit fehlt es dem erfahrenen Berufsmann auch heute nicht. «Im Ruhestand, daher nur noch auf Anfrage verfügbar», steht unübersehbar auf seiner Homepage. In der Werkstatt stapeln sich Auftragsarbeiten, die noch anstehen. Und im Laden ist noch manch schönes Lederunikat zu erwerben.
Doch sein neues Hobby hat ihn in den Bann gezogen oder besser gesagt in die Walliser Bergwelt geführt. In Erinnerungen versunken blickt er von seinem erworbenen Stadel hoch über Saas-Balen auf die nahen Viertausender. All die Bergtouren auf den Dom, Castor und Pollux, Mönch und Jungfrau bis hin zum Finsteraarhorn in den Schweizer Bergen bleiben ihm unvergessen.
In Zukunft einen Teil seines Lebens in der einfach eingerichteten Hütte zu verbringen, fasziniert ihn. Beim Umbau in die Geschichte des Lärchenstadels aus dem Jahr 1816 einzutauchen, lässt ihn von Bescheidenheit und Entschleunigung träumen. Gleichzeitig kann er dort seine handwerklichen Fähigkeiten einbringen. Und das Planen und Organisieren liegt ihm auch beim Werken an seinem neuen Rückzugsort im Blut.
Und zwischendurch in seiner Teufenthaler Werkstatt einen Töffsattel oder das Traktorverdeck eines Oldtimers aufzufrischen, bleibt für ihn Berufsleidenschaft und Genugtuung zugleich. Ebenso gross ist die Vorfreude auf die Teilnahme am nächsten Mittelaltermarkt vom 11. bis 13. September auf Schloss Lenzburg. Dort werden Besucherinnen und Besucher ihm über die Schultern blicken und vielleicht verstehen, weshalb ein Berufsleben nach fast 45 Jahren nicht einfach mit der Pensionierung enden kann. – «Denn dort ist das Handwerk noch etwas wert», sagt er mit einem Leuchten in den Augen.






