«Ich male nicht mit dem Kopf, sondern mit Gefühlen»
01.10.2026 Michelsamt, BeromünsterEstillö Colussi zeigt ab Oktober im KKLB in Beromünster ihre Werke. Die in Budapest geborene Künstlerin lebt seit mehreren Jahren in Menziken. Ihre Bilder erzählen von Bewegung, Freude, Trauer, Natur und vor allem von der Freiheit, Gefühle auf die Leinwand zu ...
Estillö Colussi zeigt ab Oktober im KKLB in Beromünster ihre Werke. Die in Budapest geborene Künstlerin lebt seit mehreren Jahren in Menziken. Ihre Bilder erzählen von Bewegung, Freude, Trauer, Natur und vor allem von der Freiheit, Gefühle auf die Leinwand zu bringen.
Wenn Estillö Colussi in ihrem Atelier zum Pinsel greift, weiss sie nicht immer genau, wohin die Reise geht. Ein Bild entsteht aus einem Gefühl, einer Erinnerung, einem Erlebnis, manchmal auch einfach aus einer Farbe. «Ich male nicht mit dem Kopf, sondern mit Gefühlen», sagt die lebenslustige Dame. Genau diese Freiheit macht ihre Arbeit aus.
Heinz Marti stellt 213 Werke der Menziker Künstlerin im Kunst und Kultur im Landessender Beromünster (KKLB) aus. Die Vernissage findet am Samstag, 10. Oktober, um 15 Uhr statt. Bis zur Finissage am Sonntag, 10. Januar 2027, sind Colussis Werke dort zu sehen. Für die Ausstellung hat sie zahlreiche Bilder vorbereitet – darunter auch grossformatige Arbeiten, an denen sie bis zuletzt noch Hand anlegt.
«Ich habe ein bisschen etwas übermalt», erzählt sie während des Besuchs in ihrem Atelier. Ein Bild ist für sie nicht unbedingt fertig, nur weil die Farbe trocken ist. Manchmal wird nochmals darüber gemalt, etwas verändert oder eine neue Idee aufgenommen. «Ich experimentiere viel», sagt sie. Entsprechend schwierig ist es, ihre Kunst einem einzigen Stil zuzuordnen.
Zwischen Tanz und abstrakten Formen
Besonders Tanzszenen faszinieren Colussi. «Mein Lieblingssujet sind schon immer Menschen in Bewegung gewesen», sagt sie. Menschen, die Freude haben, tanzen, sich begegnen oder mitten im Leben stehen.
Daneben finden sich abstrakte Arbeiten, Naturbilder und farbliche Kompositionen. Wasser, Feuer und die Jahreszeiten gehören ebenso zu ihren Themen. Fotorealismus ist dabei nicht ihr Ziel. Zwar müsse man die Proportionen eines Gesichts oder Körpers kennen, erklärt die Künstlerin. Doch entscheidend sei, was sie in einem Menschen wahrnimmt. «Wenn ich ein Gesicht sehe, ein Lachen zum Beispiel, und die Augen – dann bringe ich das zum Ausdruck.»
Auch persönliche Erlebnisse finden ihren Weg auf die Leinwand. Einige ihrer dunkleren Arbeiten entstanden nach dem Tod ihres Partners vor rund zehn Jahren. Er war schwer erkrankt und starb mit nur 45 Jahren. «Sein Tod hat mich umgehauen», erzählt Colussi. Das Malen wurde für sie auch zu einer Möglichkeit, diese Zeit zu verarbeiten.
Ihre Bilder sollen aber nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen. Sie möchte Menschen berühren und inspirieren. «Die Freiheit und die Gefühle» seien ihr wichtig. Wenn ein Betrachter vor einem Bild überrascht, berührt oder inspiriert sei, dann sei sie zufrieden.
Die Freiheit kam früh
Dass Freiheit für Estillö Colussi eine besondere Bedeutung hat, ist kein Zufall. Sie wurde in Budapest geboren und verliess Ungarn 1956 als 13-Jährige. Ganz allein machte sie sich auf den Weg. In Österreich kam sie zunächst in ein Lager. Dort konnten die jungen Flüchtlinge angeben, wohin sie weiterreisen wollten.
Für Colussi war die Entscheidung klar: «Ich gehe in die Schweiz.» Die Schweiz war für sie ein neutrales Land, hatte gute Schokolade und schöne Berge. Ihre Eltern wussten zunächst nicht, ob ihre Tochter überhaupt angekommen war. Weil sie noch minderjährig war, hätten sie sie zurückholen können. Sie taten es nicht.
Colussi hat bis heute enge Verbindungen nach Ungarn. Sie besitzt dort eine Wohnung und ein kleines Atelier in Budapest, hat dort Freunde und Verwandte. Mittlerweile besitzt die Künstlerin die schweizerische und die ungarische Staatsangehörigkeit.
Kunst, die Menschen verbindet
Seit mehreren Jahren lebt und arbeitet Colussi in Menziken. Bereits 2022 stellte das Wynentaler Blatt sie anlässlich einer Ausstellung in einer Gontenschwiler Arztpraxis vor. Seither hat sie ihre künstlerische Arbeit weitergeführt und eine enorme Schaffenskraft an den Tag gelegt.
Nun folgt mit dem KKLB eine Ausstellung mit deutlich mehr Raum. Kurator Heinz Marti, den die Künstlerin vor rund einem Jahr kennenlernte, hat ihr eine eigene Ausstellung ermöglicht. «Er macht das gut und mit so viel Engagement», sagt sie.
Doch Kunst soll für Colussi nicht nur in Ausstellungen stattfinden. Für das kommende Frühjahr plant sie ein neues Projekt: In ihrem Atelier möchte sie einmal pro Monat an einem Wochenende Kurse für Jung und Alt anbieten. Die Teilnahme soll gemäss ihrer Idee gratis sein; lediglich für das Material könnte ein Beitrag anfallen. Erfahrungen im Unterrichten bringt sie mit. Auch ein Gedichtbändchen ist geplant. Darin sollen neben ihren Gedichten eigene Zeichnungen und Bilder Platz finden.
«Ich bin dankbar, dass ich noch laufen kann»
Wer Estillö Colussi begegnet, trifft auf eine Frau, die trotz ihrer über 80 Lenze voller Tatendrang steckt. Sie arbeite viel, sagt sie selbst. Gleichzeitig merke sie, dass sie langsamer geworden sei. Trotzdem sind ihre Tage gefüllt mit Malen, Organisieren, Begegnungen und neuen Ideen. Der Kontakt zu Menschen ist ihr wichtig. Ebenso die Bewegung. «Ich bin dankbar, dass ich noch laufen kann», sagt sie. Für sie ist das keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht erklärt sich daraus auch die Energie, die aus vielen ihrer Bilder spricht. Selbst wenn ein Werk aus einer schwierigen Lebensphase entstanden ist, bleibt die Farbe ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Malen gibt ihr Energie, Freude und Befriedigung.
In ihrem Atelier stehen grosse und kleine Bilder, farbenfrohe und dunkle, figurative und abstrakte Arbeiten nebeneinander. Manche sind abgeschlossen, andere werden noch einmal übermalt. Der Pinsel liegt bereit.
Ab 10. Oktober sind viele dieser Werke im KKLB zu sehen. Für Estillö Colussi ist die Ausstellung mehr als eine Präsentation ihrer Arbeiten. Sie ist eine Einladung, sich auf Farben, Formen und Gefühle einzulassen. «Kunst inspiriert mich, gibt mir Freiheit, Freude, Befriedigung, gute Energie und immer wieder Begeisterung», sagt sie.
Roland Marti



