«Es bereitet mir Freude, den Menschen zu helfen»
28.05.2026 Seetal, Beinwil am SeeLebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten ...
Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Gabriela Keller (45). Vor 17 Jahren ist sie der Liebe wegen von der Weltstadt Buenos Aires nach «Böju» gezogen.
In Concordia, im Nordosten der Region Entre Rios, gut 400 Kilometer von der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt, erblickte sie das Licht der Welt. Mit ihrem zweieinhalb Jahre älteren Bruder Juan Pablo erlebte sie eine wohlbehütete Kindheit. Vater Edmundo war als Bauingenieur tätig und Mutter Laura sorgte zuhause fürs Familienwohl. Bald darauf folgte arbeitsbedingt der familiäre Wohnortwechsel für zweieinhalb Jahre nach Bogotá, in die pulsierende Hauptstadt Kolumbiens. Denn der 1982 ausgebrochene Falklandkrieg zwischen Argentinien und Grossbritannien sorgte neben politischen Wirren für eine desolate Wirtschaft und eine immense Inflation.
René Fuchs
«Als ich gut vier Jahre alt war, kehrten wir in einen Vorort von Buenos Aires zurück», erzählt Gabriela Keller. Zwei Jahre darauf trat sie in die Volksschule ein, die in Argentinien mit der Sekundarschule zwölf Jahre umfasst. Zeichnen und Turnen begeisterten sie im Unterricht am meisten. Mit ihrer Rasenhockey-Mannschaft des Colegio’s de Todos los Santos konnte sie gar an einem Turnier in Chile teilnehmen. Erste Berufswünsche kamen zaghaft auf. Mit Menschen zusammenarbeiten zu können, sprach sie an. Nach und nach stand die Psychologie im Zentrum. Auch, da sie selbst aufs ADHS-Syndrom angesprochen wurde: «Ich konnte meine Finger kaum ruhig halten.»
«Die einwöchige Abschlussreise nach San Carlos De Bariloche, ein Fremdenverkehrszentrum am Fuss der Anden, beendete meine lange Schulzeit», schmunzelt Gabriela Keller. Discos und Partys sorgten nun bei den jungen Erwachsenen für mächtig Stimmung. «Mein Vater wollte aber, dass ich so bald als möglich in den Arbeitsprozess einstieg und bot mir eine Stelle als Sekretärin in seiner Baufirma an», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Auch lud er seine Tochter zu einer Europareise nach London, Amsterdam, Brüssel, Wien und Prag ein. «Es war immer schon mein Traum gewesen, Europa mal kennenzulernen», schwärmt die heutige Beinwilerin. London faszinierte sie ohnegleichen, denn solch eine multikulturelle Weltmetropole mit all den Theatern, Museen und einer einzigartigen Geschichte war Buenos Aires bei weitem noch nicht. «Mir war bewusst, wenn ich die Welt bereisen wollte, musste ich viel in meine Ausbildung investieren», sagt sie im Rückblick. Darauf absolvierte sie von 1999 bis 2004 an der privaten Universität Universad de Belgrano das gewünschte Psychologie-Studium und schloss mit einer Arbeit über das ADHS-Syndrom ab. In der Zwischenzeit wurde Argentinien erneut von einer Krise durchgerüttelt. Eine starke Rezession und der Zusammenbruch des Finanzsystems verursachten eine politische Instabilität. Die Armutsquote betrug 57 Prozent und die Arbeitslosenquote 23 Prozent. Ab Mitte 2002 erhellte sich die Lage zusehends.
In Kapstadt kennengelernt
Eine Arbeit als Psychologin zu finden, war herausfordernd, sodass eine Stelle als Sekretärin naheliegend war. Besser Englisch zu lernen war für die internationalen Kontakte angesagt. «Im März 2006 reiste ich für einen Sprachaufenthalt nach Kapstadt», schmunzelt Gabriela Keller. Junge Leute aus Argentinien, Brasilien, Spanien und der Schweiz nahmen am Schulunterricht teil. Bei einem Studentenabend mit Barbesuch war Amor bei der 25-Jährigen zur Stelle. Ihr frohes Wesen und ihre blonden Haare waren einem 30-jährigen Schweizer Elektroinstallateur aufgefallen. Bald darauf waren die Telefonnummern ausgetauscht. Eine gemeinsame zweiwöchige Autotour auf der Garden Route von Kapstadt nach Port Elizabeth auf einer der schönsten Küstenstrassen folgte vielversprechend zusammen mit einer Kollegin.
Kaum war der Schweizer Verehrer nach Hause zurückgekehrt, kündete er auf dem Messenger-Dienst seine baldige Ferienreise nach Argentinien an. «Mit Simon habe ich wahrlich mein Glück getroffen», berichtet Gabriela Keller erfreut. «Auf das Wiedersehen freute ich mich riesig und meine Eltern waren über meine Bekanntschaft des Lobes voll.»
2007 reiste sie erstmals zu ihrem Freund für drei Monate in die Schweiz. «Als wir vom Flughafen Zürich das Seetal hinauffuhren, fragte ich mich, ab den wenig befahrenen Strassen, wo die Leute sind? In Beinwil am See suchte ich das Zentrum», lacht sie. Noch kein Wort deutschsprechend galt es darauf einen Intensivkurs in Luzern zu besuchen. «An den Wochenenden zeigte mir Simon die Schweiz mit all ihren Schönheiten», sagt sie wertschätzend. Appenzell, Freiburg, Genf, Zug, der Titlis, das Jungfraujoch bis zum Valle Verzasca standen auf dem Programm. Nur beim Wandern haperte es noch ein wenig mit der Begeisterung.
Schillers Weisheit «Drum prüfe, wer sich ewig bindet», war auch für Gabriela Keller gewiss. Mit einem Studentenvisum konnte sie 2008 ein Jahr lang in der Schweiz bleiben und fliessend Deutsch lernen. Auch ihre Eltern kamen im Seetal zu Besuch. Ende Jahr entschied sich das Paar zu heiraten. Doch oft sind Freud und Leid nahe beieinander. Drei Monate vor der Hochzeit starb Gabrielas Vater. In seinen letzten Wochen konnte sie ihn in Argentinien begleiten.
Kontakteknüpfen bei Fussballspielen
Im Gemeinderatszimmer in «Böju» gab sich das binationale Paar im Mai 2009 das Jawort. Der Name Maria Gabriela Gomez Lamarque Keller wurde neu im Pass vermerkt. Die Buben Santiago, Francisco und Nicolas wurden den beiden in den folgenden Jahren zu ihrer grossen Freude geschenkt. Die Mutterrolle liess die Südamerikanerin aufblühen. Das Heimweh schwand mit den jährlichen Besuchen bei ihrer Familie in Buenos Aires. «Ich wohne in der Schweiz sehr weit weg von meinem Heimatland», sagt sie in sich gehend. «Ein Direktflug dauert mindestens 14 Stunden. Zum Glück sind Videochats immer möglich und meine Mutter und mein Bruder kommen auch zu Besuch.»
Wohl sind die beiden Kulturen gar nicht so unterschiedlich, doch in Argentinien nimmt man selten einen Kalender zur Hand, um einen Besuch zu planen. «Man geht einfach vorbei und spricht fast alle mit einem Du an», schmunzelt Gabriela Keller im Blick auf die Schweizer Gewohnheiten. Geradezu völkerverbindend seien dafür in Beinwil am See die Fussballspiele auf dem Sportplatz direkt neben der Badi. «Dort konnte ich bei den Spielen meiner Jungs viele Kontakte mit anderen Eltern knüpfen», schwärmt sie.
So ergab sich auch die Gelegenheit, als Freiwillige im Integrationsprogramm JuBiAr für geflüchtete junge Erwachsene im Kanton Aargau in der Lebenshilfe Reinach mitzuwirken. Die Leiterin Gabriela van der Molen konnte sie dafür gewinnen. «Es bereitet mir Freude, anderen Menschen zu helfen», sagt sie mit wachem Blick. «Es ist nicht einfach, in einem kulturell anderen Land zu leben», ist ihr Fazit. «Es gilt, so schnell wie möglich die Sprache zu erlernen, sich vor Ort anzupassen und Kontakte mit Einheimischen zu knüpfen.» Denn die Integration sei kein Selbstläufer. Im 1:1 - Setting fördert sie jeweils am Donnerstagmorgen bei jungen Geflüchteten gezielt das Leseverständnis und unterstützt sie auf der Suche nach Lehrstellen, Praktikumsoder Arbeitsplätzen. Denn die Arbeit bietet oft die besten Integrationsmöglichkeiten und eröffnet dem Leben eine neue Perspektive.
Jetzt, wo der älteste Sohn auf Vaters Spuren bereits in der Lehre als Elektroinstallateur ist, erhofft sich die ausgebildete Psychologin mehr ins Berufsleben einzutauchen. «Ich arbeite sehr gerne mit Menschen zusammen. Mal sehen, wie ich mich beruflich weiterentwickeln kann?», sagt sie erwartungsfroh.
Gemeinsame Mahlzeiten, Familientreffen und Asados (Grillfeste) sind in Argentinien zentrale Elemente des sozialen Lebens. So hält es auch Gabriela Keller mit ihrer Familie im Seetal. «Unsere Türen sind immer offen und mein Mann grilliert das gut gewürzte und saftige Fleisch inzwischen so gut über dem Holzkohlenfeuer, wie es ein Argentinier nicht besser könnte», lacht sie verschmitzt.






