«Eine runde Sache zum Schluss»
22.10.2026 ReinachNoch ein Jahr bis zum letzten Auftritt und zum Weltrekord. «Es sieht nach einem Masterplan aus. Ist es aber nicht», sagt der Wohler Peach Weber. Der konstanteste und erfolgreichste Komiker der Schweiz zeigt im Interview, dass er ganz viele Qualitäten hat. Und eine klare ...
Noch ein Jahr bis zum letzten Auftritt und zum Weltrekord. «Es sieht nach einem Masterplan aus. Ist es aber nicht», sagt der Wohler Peach Weber. Der konstanteste und erfolgreichste Komiker der Schweiz zeigt im Interview, dass er ganz viele Qualitäten hat. Und eine klare Meinung.
Montag, 16.01 Uhr. «Eine Schale», bestellt Peach Weber. Gelassen geht er ins Gespräch. Eigentlich war das Thema klar: seine drei Abschiedsvorstellungen am 14. und 15. Oktober 2027 im Hallenstadion, die ihn zum Weltrekordhalter für den längsten Vorverkauf machen werden. Aber die Themen hüpfen – und der Austausch mit Peach Weber wird wild, spannend und überraschend.
Stefan Sprenger
Und es beginnt mit der CD «Gägsgüsi», von seinem Programm aus dem Jahr 1996, die auf dem Tisch vor ihm liegt. «Früher haben die Dinger noch rentiert», meint er.
Und heute?
Peach Weber: Da verdiene ich zu 93,5 Prozent an den Vorstellungen. Früher war es ausgeglichen. 50 Prozent CD Verkauf, 50 Prozent Auftritte.
Die restlichen 6,5 Prozent sind vom Verkauf der Fanartikel?
(Lacht.) Ich bin nicht Robbie Williams, wo die Fans seine Unterhosen kaufen wollen. Ich habe letzthin nachgerechnet, was mir meine Alben auf den Streaming-Plattformen einbringen. Für 10’000 Streams erhalte ich etwa so viel Geld wie für eine verkaufte CD.
Ich spüre, Sie sind Fan der digitalen Welt.
Ich bezeichne das Internet gerne als Schrotthalde. Dieses Tiktok kann ich nicht ausstehen. Social Media ist sowieso Mist und überflüssig.
Und künstliche Intelligenz?
20 Prozent positiv. 80 Prozent negativ. Durch KI werden vielleicht einige Dinge einfacher, aber die Kreativität der Menschen leidet, Arbeitsplätze werden vernichtet und grausam viel wird produziert, das keinen Wert hat. Zum Glück war meine Kindheit analog. Für mich war es ein Riesen-Abenteuer, wenn ich mit der Grossmutter in den Wald ging. Heute ist die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder immer geringer. Ich hörte eine Geschichte von einem Kleinkind, das vor einem Aquarium stand und Fische beobachtete. Weil es ihm nach wenigen Sekunden zu langweilig war, hat es angefangen, das Aquarium-Glas wegzuwischen. Es wollte weiterswipen.
Unglaublich.
Alles Extreme ist idiotisch. Und unsere digitale Welt ist extrem. Wenn ich etwas zu entscheiden hätte, dann hätten Kinder und Jugendliche nie ein Handy mit in die Schule nehmen dürfen. Da wurde ja ellenlang darüber diskutiert und heute sind wir auf dem Weg, dass man dies durchsetzt. Aber es war ja von Anfang an eigentlich klar.
Ich spüre den Lehrer. Sie sagten einst, dass es nach wie vor Ihr Traumberuf ist. Und – Zitat: «Wenn ich wieder 20 Jahre jung wäre, würde ich sofort wieder eine Stelle als Lehrer suchen.»
An die 1. und 2. Klasse bei Frau Müller habe ich schöne Erinnerungen, sie war wie ein Grosi. In der 5. Klasse waren 54 Kinder. Es war ein wenig organi siert wie im Militär. Ich bin immer ger ne in die Schule, als Lehrer und auch als Schüler. Und ich bin mir sicher, der Lehrerjob würde mich auch heute noch glücklich machen.
Aber Sie wurden Komiker.
Was ich tue, hat mir ein Leben ermöglicht, ohne dass mir ein Chef vorschreiben konnte, was ich zu tun habe. Und ich bin sehr dankbar, dass es so lange funktioniert hat.
Und stolz?
Nein. Stolz finde ich kein gutes Gefühl. Sobald man stolz ist, kippt es. Ich bin ja auch nicht stolz, ein Schweizer, Aargauer oder Wohler zu sein. Aber ich «habe Freude, dass es so ist.» In meiner Karriere hatte ich zu 70 Prozent Glück. Ich habe mittlerweile 48 Jahre von etwas gelebt, das teilweise dilettantisch war. Denn ich kann eigentlich nicht viel. Ich kann nicht Gitarre spielen und nicht singen – das Einzige, was ich kann: Ich kann davon leben. Aber: Von etwas leben, was man gar nicht beherrscht, ist vielleicht auch eine Kunst (lacht).
Eine Kunst war es auch, 2008 einen Vorverkauf zu starten für Ihre Abschiedsvorstellungen am 14. und 15. Oktober 2027.
Man konnte sich 19 Jahre Vorfreude kaufen (lacht). Damals war nur eine Vorstellung geplant. Respektive war das Ganze am Anfang ja ein kurioser Einfall meines Bruders. Am Mittagstisch ist die Idee entstanden, und als sie alle lustig fanden – und auch Ticketcorner und das Hallenstadion dabei waren –, haben wir es versucht. Heute sieht es nach einem Masterplan aus, aber eigentlich war es ein Witz.
Aber ein guter Witz.
Ja, wobei es im letzten Frühling ernst wurde und ich mich ziemlich intensiv mit den letzten Auftritten im Hallenstadion befassen musste. Da gab es einige Entscheide zu fällen. Wer macht die Technik? Soll ich eine vierte Vorstellung machen? Und es gab Verhandlungen mit dem SRF.
Und was darf man von Ihren letzten Auftritten alles erwarten?
Ich war immer fasziniert von Menschen, die allein auf der Bühne sind und das Publikum fesseln können ohne grossen Schnickschnack. Auch bei den Auftritten im grossen Hallenstadion wird mein Bühnenbild in zwei Migros Säcke passen. Okay, vielleicht ein bisschen mehr. Aber ich mache nichts, was nicht zu mir passt. Deshalb werden auch die letzten Shows so sein wie die Vorstellungen in den letzten 48 Jahren.
Lustige Ideen mit wenig Aufwand. Ich werde auch nach den letzten Shows selbst aufräumen und auch die Kabelrollen selbst aufwickeln. Das ist pure Meditation.
Gibt es also nichts Besonderes zu erleben im Hallenstadion – ausser dem erfolgreichsten Schweizer Komiker?
Ja, danke für das Kompliment. Es gibt sicher ein paar Einspieler, ein Best-of ähnliches Programm. Da werden mir schon noch ein paar Ideen kommen.
Ich hörte, eine Wohler Kult-Band tritt dann als musikalischer Support mit Ihnen auf.
Das kann durchaus sein.
Drei Vorstellungen sind ausverkauft. Wieso gibt es keine vierte?
Aller guten Dinge sind drei. Diese Entscheidung hat mir einige schlaflose Nächste bereitet. Aber drei Auftritte im Hallenstadion innert 24 Stunden sind «schon eine grosse Kiste. Und ich werde auch nicht jünger. Ich habe mir in diesem Jahr oft die Frage gestellt: Was hast du dir da eingebrockt? Und zwischendurch brauchte ich auch Ruhe. Aber ich glaube, es wird eine runde Sache zum Schluss.
Nachher ist wirklich Schluss?
Keine Tour und kein Programm mehr. Aber es ist gut möglich, dass ich ab und zu an Dorffesten und grösseren Hochzeiten auftrete. Gar nichts mehr zu tun, täte mir auch nicht gut. Und es macht mir nach wie vor Freude.
Wieso machen Sie dann nicht weiter?
Nachts rumzufahren und das unregelmässige Essen setzen im Alter zu.
Am 14. Oktober feierten Sie Ihren 74. Geburtstag.
Ich feiere meinen Geburtstag nicht. Meist habe ich mutwillig Auftritte am 14. Oktober angesagt.
Wieso?
Ich werde nicht gerne gefeiert. Aber ich verbringe gerne Zeit mit Freunden und habe beispielsweise letztes Wochenende in einer Waldhütte in Wohlen eine gute Zeit mit tollen Menschen, «feinem Essen und einem Lotto-Spiel verbracht (schmunzelt). Wir feierten aber mehr, dass es noch genau ein Jahr dauert bis zu meinem letzten Auftritt im Hallenstadion. Übrigens: Einen ganz schönen Geburtstag erlebte ich mal in Cham, als ich bei einem Auftritt am Ende 750 Mohrenköpfe an das Publikum verteilte. Alle hatten richtig Freude.
Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?
Dann wäre ich konstant in Panik (lacht). Nein, aber ich merke, dass Dinge etwas mühsamer werden.
Ist Ihr Haus in Hägglingen altersgerecht?
(Lacht.) Ich muss noch nicht ins Altersheim. Ich bleibe, solange es geht, in meinem Haus in Hägglingen, dort fühle ich mich wohl.
Ein Umzug nach Wohlen ist ausgeschlossen?
Ich war immer Fan von Wohlen und habe das Dorf bei auswärtigen Leuten stets verteidigt. Viele meiner Freunde leben hier. Alles ist zu Fuss erreichbar, ich kann hier Pétanque spielen und Wohlen wäre auch ein Ort, der auch im höheren Alter attraktiv ist. Leider gefiel mir irgendwann das politische Klima nicht mehr – und oft gab es negative Schlagzeilen über das Dorf, was ich sehr schade finde. Ich würde aber so oder so nicht mehr nach Wohlen ziehen – sondern woanders hin.
Wohin?
Luzern gefällt mir sehr. Bevor ich irgendwann ins Altersheim muss, würde ich mir gerne eine Wohnung in Luzern suchen und dort leben.
Wir sind bald fertig mit dem Interview.
Ich nehme noch ein Kafi.
Und ich frage mich, wie viele Interviews Sie in Ihrem Leben schon gegeben haben.
Sehr viele, aber das gehört zum Job.
Welche Frage sollte man Ihnen stellen?
Keine. Ich habe kein Mitteilungsbedürfnis und gebe keine Ratschläge, wenn ich nicht gefragt werde. Ich finde, aufrichtiges Zuhören ist eine grosse menschliche Qualität.
Bitte sagen Sie mir Ihre Lebensweisheit.
Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. Albert Einstein sagte das. Das Zitat mag ich sehr, besonders in der aktuellen Zeit.
Künstliche Intelligenz, Kriege, verrückte Menschen an der Macht. Es sind schwierige Zeiten.
Der frühere deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte stets, dass es mehr Zuversicht braucht. Das finde ich auch. Keine Blauäugigkeit, kein Geschwafel von vorgegaukelter Positivität – aber Zuversicht.


