Ein Umritt, um alles Ungemach fernzuhalten
21.05.2026 Michelsamt, BeromünsterWer sich an Auffahrt von den Wetterprognosen nicht abschrecken liess und den Pilgerweg unter die Füsse nahm, wurde mit Sonnenstrahlen belohnt. Ebenso wurde man dabei von Regenschauern erfrischt und einmal mehr vom unerklärlichen Auffahrtsmythos berührt.
...Wer sich an Auffahrt von den Wetterprognosen nicht abschrecken liess und den Pilgerweg unter die Füsse nahm, wurde mit Sonnenstrahlen belohnt. Ebenso wurde man dabei von Regenschauern erfrischt und einmal mehr vom unerklärlichen Auffahrtsmythos berührt.
«Regenwahrscheinlichkeit 90 Prozent», lautete die Prognose für den Donnerstag, 14. Mai. Manche, die gewohnheitsgemäss umzulaufen pflegen, blieben wohl an diesem Morgen lieber unter der warmen Decke und überliessen das Pilgern den andern. Diese aber sammelten sich dennoch zahlreich um halb sechs im Flecken, um mit Schirm und Jacke ausgerüstet Teil der diesjährigen Auffahrtsprozession von Beromünster zu sein.
Auf dem Gang über den Blosenberg mit dem Reitertross im Rücken, wurde man vom Wind zerzaust, doch es herrschten die restlichen 10 Prozent der Wahrscheinlichkeitsprognose vor. So kamen viele wider Erwarten nach Absolvierung der «ersten Halbzeit» gegen acht Uhr (fast) trocken in Rickenbach an.
Ein unverzichtbares Hochgefühl
Den Mythos Auffahrt zu beschreiben, ist eigentlich unmöglich. Denn jeder, der daran teilnimmt, hat seinen ganz eigenen Bezug zu diesem Tag, welcher Gläubigkeit, Brauchtum und Geselligkeit vereint wie kein anderer im Jahr. Auffahrt beinhaltet bei sehr vielen Menschen der Region ein unverzichtbares Hochgefühl, ausgelöst durch Hufgetrappel, Putzeifer und Rosenkranzgebet.
Zahlreiche Riten und Bräuche
Zur «Möischterer Uffert» gehören zahlreiche Riten und Bräuche, die sich seit dem 16. Jahrhundert durch alle Zeiten gehalten haben. Dazu gehört auch das Herausputzen von Haus und Hof entlang der Wegstrecke, im Hinblick auf den bevorstehenden, grossen Tag. Die mit Kerzen und Kelchen geschmückten Fenster sind stille Zeichen der Volksfrömmigkeit und die vollen Bauernstuben mit Bewirtung der Gäste sind legendär, wenn auch zunehmend seltener. Individualität ist auch hier auf Vormarsch.
Die Tradition hält sich dennoch bewährend. Die mit Reisig und Bändern geschmückten Kranzbogen in den Weilern gehören zur Auffahrt wie die gestriegelten Pferde, die farbigen Mäntel, die Fahnen, die Reitermusik und der rot-gelb gezierte Flecken. Alles gründet auf einem tiefreligiösen Fundament und stammt aus einer Zeit, da man um Schutz von Leben und Land nur beten konnte, statt per Handy den Notruf alarmieren. So galt die 18 Kilometer lange Prozession seit jeher als «Bannritt» rund um das Gebiet, um alles Ungemach von ihm fernzuhalten.
Pferdesegnung
An einer Stelle jeweils mittags um 12 hält die Prozession inne. Bei den Gehöften in der Seeblen bei Gunzwil findet der Pferdesegen statt. Diese Segensprechung gilt den Pferden vor Ort und überhaupt allen Tieren, die die Menschen sich nutzbar machen. Es herrschte garstiges Wetter, als die Prozession beim Hof der Familie Dörig eintraf und unter dem Kranz anhielt. Pastoralraumleiterin Theres Küng auf dem Pferd sprühte das Weihwasser, das sich mit dem Regen vermischte und ihre gelesene Schöpfungsgeschichte wurde mit dem Wind über die Felder getragen.
Anspannung und Aufatmen
Urs und Judith Dörigs Küche und Stube waren voll mit Kindern, Verwandten und Freunden. «Auffahrt ist für mich ein Feiertag, um die Gemeinschaft zu pflegen und das Beisammensein», sagt Judith Dörig. Schon frühmorgens ist sie mit den vier Kindern umgelaufen. «Ich versuche ihnen jeweils zu vermitteln, was dieser Tag für eine Bedeutung hat», erklärt sie. Für ihre ganze Familie ist alles rund um Auffahrt sehr prägend. «Das Aufstellen und Abräumen des Kranzes ist für die Kinder ein Highlight. Und ich geniesse es, gemeinsam mit meinem Schwiegermami die Tradition des Schenkelibackens weiterzuführen.» Dass Auffahrt aber nicht nur Zuckerschlecken ist, beschreibt sie so: «Die gesamte Seeble atmet jeweils auf, wenn der Tross weiterzieht, und die ganze Anspannung fällt ab. Das ist ein schönes Gefühl.»
«Beim Einzug ist immer schön»
Es gibt viele Geschichten und Mythen, die sich um Auffahrt ranken. Eine davon besagt, dass es beim Einzug in den Flecken immer schönes Wetter sei. Zumindest vertrat Ludwig Suter, ein Auffahrtskenner sondergleichen, eisern diese Auffassung. Und wenn es einer wissen musste – dann er. Der 14. Mai 2026 gab ihm Recht: Exakt um 14 Uhr verzogen sich die Wolken, der Himmel klarte auf und bescherte allen Teilnehmenden wie Schaulustigen im Flecken einen sonnenbeschienenen Auftritt, der als Ausgabe Nr. 517 in die Geschichte der «Möischterer Uffert» eingehen soll-
Der Regen-Schutz
Wetter und Segen – man muss nur fest daran glauben … könnte man meinen. Vielleicht stimmt es ja? Folgende Anekdote, mitgehört auf dem Pilgerweg über den Blosenberg, sei hier zum Schluss noch festgehalten. Drei Pilger schreiten tapfer die Anhöhe hinauf, ausgerüstet mit Hut, Regenschutz und Stöcken. Sagt die Frau warnend: «Lueg emou, det äne!» und zeigt auf einen riesigen Regenschleier, der sich bedrohlich von Norden her Richtung Möischter bewegt. Behauptet der Mann: «Ech gseh nüüd!» Womit er meint, was man nicht sehe, gebe es auch nicht – folglich käme auch kein Regen. Nun, wer mit ihnen unterwegs war weiss, dass sie (fast) trockenen Fusses bis nach Rickenbach gelangten. Vielleicht ist an dem ganzen Pilgern und Glauben doch etwas dran.
Ursula Koch-Egli





