«Die Entscheidungen sind komplexer, als man meint»
27.08.2026 MenzikenDie Gerüchteküche brodelt, die Emotionen gehen hoch, die Kommunikation wird von vielen Seiten bemängelt. Im Gespräch mit dem Wynentaler Blatt sagt Direktorin Sandra Lambroia, wie es um das Spital Menziken wirklich steht und mit welchen Dienstleistungen man im ...
Die Gerüchteküche brodelt, die Emotionen gehen hoch, die Kommunikation wird von vielen Seiten bemängelt. Im Gespräch mit dem Wynentaler Blatt sagt Direktorin Sandra Lambroia, wie es um das Spital Menziken wirklich steht und mit welchen Dienstleistungen man im Oberwynental in Zukunft rechnen kann.
Sandra Lambroia setzt sich auf den Stuhl im Besprechungszimmer. Es ist 8 Uhr, ihr Arbeitstag hat schon viel früher begonnen. Das Treffen mit dem Wynentaler Blatt drückt sie zwischen Sitzungen mit der Geschäftsleitung, mit den Nachfolgeorganisationen, mit kantonalen Stellen, Gesprächen mit Mitarbeitenden und Partnern des Spitals. Sie versteht die Aufregung rund um die Schliessung des Spitals, die Enttäuschungen, die Emotionen, all das geht nicht spurlos an ihr vorbei und dennoch behält sie die Ruhe. «Die Entscheidungen, die wir treffen, sind komplexer als man meint», sagt die Frau, die seit einem Jahr Direktorin des Spitals Menziken ist und aktuell in der Rolle steckt, einen Betrieb schliessen zu müssen. Ab dem 1. November sind an ihrer Stelle die Falkenstein Asana AG und das Kantonsspital Luzern (LUKS) in der Verantwortung über die Angebote, die weiter betrieben werden.
«Das Beste daraus machen»
Sie erlebe aber auch eine grosse Solidarität anderer Institutionen, bekomme Hilfsangebote, Schnuppertage werden angeboten, eine Jobbörse ist eingerichtet. «Mein Arbeitstag besteht darin, einerseits den Betrieb aufrecht zu erhalten und andererseits die Übergabe an die beiden neuen Organisationen abzuwickeln», erklärt die Direktorin ihren zur Normalität gewordenen Arbeitstag. «Wir können nicht einfach die Schlüssel abgeben. Wem gehören die Telefone? Wer übernimmt das Mobiliar? Was passiert mit den Archiven? Wohin bringen wir die Apparate, die nicht mehr gebraucht werden, zum Beispiel den Computertomographen? Oder: An wen wenden sich die Pflegeheime, wenn etwas ist?» Irgendwie fühle sich das Prozedere surreal an, sagt Sandra Lambroia, steht auf und zeigt auf einen Kleber, der an ihrem Stuhl angebracht ist. «Der Punkt zeigt an, wem der Stuhl in Zukunft gehört» ‒ im Grunde schaffe sie sogar ihren eigenen Job ab.
Gekommen ist sie vor genau einem Jahr, als Nachfolgerin von Daniel Schibler, der das Spital Ende Mai 2025 nach 12 Jahren als Geschäftsleiter verlassen hat. Bei ihrem Stellenantritt habe sie die finanzielle Lage gekannt, dass die Schliessung des Spitalbetriebs aber so akut ist, habe sie nicht geahnt. Rückblickend wünscht sie sich, man wäre mit der Thematik offener umgegangen, einen Groll hege sie aber nicht. «Ich bin nicht gekommen, um das Spital zu schliessen, aber jetzt, wo es so weit kommt, schmeisse ich den Bettel nicht einfach hin.» Sie nehme die Herausforderungen an und versuche, nach dem Schock das Beste aus der Sache zu machen, die Ruhe zu bewahren sei eine ihrer Stärken. Das brauche Zeit.
An dieser Stelle drängt sich die Frage der Kommunikation auf, die in vielen Kommentarspalten als schlecht bezeichnet wurde: «Die Situation war für alle neu und man musste unter grossem Zeitdruck handeln und informieren. Natürlich können in einer solchen Ausnahmesituation Fehler passieren. Aber ich kenne niemanden, der das absichtlich macht. Und auch eine andere Form der Kommunikation hätte die Betroffenheit über eine solche einschneidende Entscheidung nicht kleiner gemacht.»
Nachtbetrieb des Notfalls schliesst Anfang September 2026
Bevor sich Sandra Lambroia wieder auf die geordnete Übergabe der Abteilungen konzentrieren kann, ist jüngst ein Notfall mit dem Notfall entstanden. Ein Gerücht verbreitete sich schnell, dass die Notfallabteilung bereits Ende August in der Nacht nicht mehr betrieben wird. Der Bericht des TV-Senders M1, der dafür eine anonyme Quellen nannte, befeuerte diese These. Die Schliessung kommt früher als gedacht, die Info darüber ist aber ungenau.
«Tatsache ist, dass es der Notfallstation akut an Personal fehlt», erklärt die Geschäftsleiterin. «Die Spitalleitung bot den Mitarbeitenden an, eine neue Stelle sofort antreten zu können, wenn sich die Gelegenheit böte.» Und genau das ist jetzt passiert. «Wir können in einem solchen Fall nicht einfach kurz die Öffnungszeiten ändern. Die Station ist Teil eines kantonalen Leistungsauftrages und jede Änderung muss vom Departement Gesundheit und Soziales bewilligt werden.» Mit dem Departement von Jean-Pierre Gallati fanden Anfang dieser Woche Gespräche statt, nachdem ein Konzept ausgearbeitet worden war. Bevor ein so einschneidender Schritt bewilligt werden kann, stellt der Kanton klare Forderungen an die Sicherheit: Notfallzentralen müssen ihre Koordinationsdaten anpassen, das Personal und die Bevölkerung müssen informiert, das Personal neu eingeteilt werden. Zudem sind Massnahmen zu treffen, für den Fall, dass doch jemand mit einem Notfall vor der verschlossenen Türe steht. Mit dem DSG hat man sich demnach auf folgendes Vorgehen geeinigt:
• Der Notfalldienst in der Nacht wird wird voraussichtlich in der ersten Septemberwoche 2026 eingestellt
• Der Tagesbetrieb dauert von 8 Uhr durchgehend bis 22 Uhr.
• Die Ambulanzen fahren in dieser Zeit andere Spitäler an – heute werden in der Nacht gut zwei Drittel der Patienten nach Menziken gebracht
• Im Eingangsbereich des Notfalls werden Patienten mittels Beschilderungen in unterschiedlichen Sprachen instruiert, wie bei verschlossenen Türen zu handeln ist.
• Ein Telefonapparat stellt beim Abnehmen eine Verbindung zum Spital Sursee her und über die Video-Überwachung hat man jederzeit im Blick, was sich im Eingangsbereich zuträgt.
«Mit der Reduktion der Öffnungszeiten können wir immerhin ein Teilangebot aufrecht erhalten», hält Sandra Lambroia fest und wagt zuletzt einen Blick in die Zukunft: «Leider werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass der Wegweiser mit der Aufschrift ‹Spital› verschwindet. Im Oberwynental entsteht aber auch etwas Neues, ein Gesundheitszentrum mit Angeboten, welche die Versorgung gewährleisten. Wo jetzt etwas verschwindet, kann auch Innovatives entstehen.» Dafür sei eine politische Diskussion nötig, vielleicht eine bessere als bisher, die sich nicht vorrangig um Ballungszentren dreht, sondern die Regionen mit einbezieht.
Remo Conoci

