Die Entkoppelung von der Natur
22.10.2026 WynentalKultur entsteht durch die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt. Zu den Kulturgütern gehören Sprache, Religion, Kunst, Ethik, Recht, Staat, Geistes- und Naturwissenschaften sowie die Umsetzung von Erkenntnissen aus der Erforschung der Natur und Technik. Die Entwicklung und ...
Kultur entsteht durch die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt. Zu den Kulturgütern gehören Sprache, Religion, Kunst, Ethik, Recht, Staat, Geistes- und Naturwissenschaften sowie die Umsetzung von Erkenntnissen aus der Erforschung der Natur und Technik. Die Entwicklung und Weitergabe von Kulturgütern über Generationen machen den wichtigsten Unterschied der Menschen zur übrigen Tierwelt aus.
Die kulturelle Evolution vollzog sich zur biologischen Evolution des Homo sapiens in atemberaubendem Tempo. Innerhalb von rund 12’000 Jahren entwickelten sich aus umherziehenden Gruppen von Jägern und Sammlerinnen sesshafte Industrie- und Grossstadtgesellschaften. Als Ursache hierfür sind drei biologische Merkmale des Menschen bedeutsam: Einerseits die Vergrösserung des Grosshirns für die Kreativität und das abstrakte, logische Denken in Symbolen, die Bildung der Greifhand für die Herstellung und den Gebrauch von Werkzeugen und die Entwicklung einer differenzierten sprachlichen Kommunikation.
Der Entwicklungsunterschied zwischen kultureller und biologischer Evolution ist gewaltig. Während bei der biologischen Evolution mit viel Zeit und zufällig über Mutation (Genveränderungen), natürliche Auslese (Selektion) und Umwelt (Epigenetik) die am besten an ihre Umwelt angepassten Individuen eher überleben und ihre Gene an die nächsten Generationen weitergeben, können Menschen zielgerichtet aus dem Wissen und den Erfahrungen von Generationen schöpfen. Durch die Übernahme von Wertvorstellungen sowie Verhaltensweisen und Technik zur Beherrschung der Umwelt begünstigt es jede nachkommende Generation. Dabei beschleunigt sich die kulturelle Entwicklung. So haben sich seit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert bis zur Entwicklung der Gentechnik und Mikroelektronik in unserer Zeit das Wissen und die Erkenntnisse exponentiell vermehrt. Die Folge dabei ist, dass einschneidende kulturelle Veränderungen wie das weltweit vernetzte Internet (Word Wide Web) in nur einer einzigen Generation auftreten können.
Durch Technik und Medizin macht sich der Mensch teilweise von den natürlichen Selektionsbedingungen unabhängig. So werden ursprüngliche Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt. Nicht die Umwelt bewirkt die Anpassung des Menschen, sondern mit Hilfe der Technik wird die Umwelt in kürzester Frist den Bedürfnissen des Menschen entsprechend verändert. So lassen sich mit moderner Gentechnik gewisse Erbkrankheiten beheben oder mit moderner Chirurgie todkranken Menschen und schwer verletzten Menschen ein zweites Leben schenken. Ebenso kann durch die moderne Agrochemie und Maschinentechnik ein Vielfaches an Nahrungsmitteln für die wachsende Weltbevölkerung produziert werden.
Diese Entkoppelung von der Natur ist nicht immer zum Guten der Umwelt und hat Auswirkungen auf das Klima, das Verschwinden vieler Tier- und Pflanzenarten, die Belastung von Bo-den, Luft und Wasser mit Pestiziden, Düngemitteln, Abgasen und Abfällen.
Doch wir heutigen Menschen leben in dieser neuen Umwelt mit ererbtem Verhalten und Körper eines Steinzeitmenschen. Unser Stammhirn und unser Körper arbeiten noch so, wie es in der Steinzeit zweckmässig war. Das Nervensystem gibt immer noch Stressalarm, wenn wir in Gefahr sind auch wenn keine Höhlenbären anwesend sind. Durch ständigen Stress im Verkehr, bei der Arbeit, im Internet oder mangelnde Bewegung als Sesselhocker reagieren wir mit Herzkreislauf- und Rückenproblemen, Diabetes oder Depressionen. Die kulturelle Evolution ist so schnell verlaufen, dass unser Steinzeitkörper, der an die Savanne angepasst war, mit seiner natürlichen Anpassung nicht nachgekommen ist.
Unsere heutige Herausforderung ist es, zur Diskrepanz zwischen der rasanten kulturellen und der natürlichen Entwicklung, eine menschenwürdige Lebensweise zu finden.
Ernst Hofmann, Unterkulm
