Die Berufslehre im steten Wandel
15.10.2026 ReinachDie duale Berufsausbildung geniesst in der Schweiz einen hohen Stellenwert. Sie ist einem steten Wandel unterworfen, denn technologische Fortschritte, gesellschaftliche Veränderungen und Zukunftsvisionen beeinflussen sie. Doch was hat sich in den letzten fünfzig Jahren ...
Die duale Berufsausbildung geniesst in der Schweiz einen hohen Stellenwert. Sie ist einem steten Wandel unterworfen, denn technologische Fortschritte, gesellschaftliche Veränderungen und Zukunftsvisionen beeinflussen sie. Doch was hat sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert? Als Beispiel dient uns die frühere Banklehre und die heutige Ausbildung zur Kauffrau BM Bank.
1976/77 absolvierte Andreas Huber (68) als KV-Stift in der Bank in Reinach sein drittes und letztes Lehrjahr. Ein halbes Jahrhundert später, am gleichen Ort, meistert Aurora Minonne (18) ihr drittes Lehrjahr als Kauffrau BM Bank in der Valiant Bank. Damals und heute – spannende Einblicke und signifikante Unterschiede sind gewiss.
Andreas Huber – vom KV-Stift zum Generalgent
Andreas Huber, Ortsbürger von Reinach, ist in einer sechsköpfigen Familie aufgewachsen. In vierter Generation war Andreas Huber als Generalagent der «Mobiliar» von 1988 – 2019 tätig. Die ersten Sporen verdiente er sich als Banklehrling in der Bank in Reinach von 1974 – 1977 ab.
René Fuchs
«Mein Kindheitstraum war, einmal Fussballprofi zu werden», schmunzelt der sportliche Reinacher. Da sich im Leben doch so manches ums Geld dreht, empfahl der Vater dem Bezirksschüler, doch zuerst eine solide Banklehre zu absolvieren. «Nur der Rektor des Neumattschulhauses und mein Klassenlehrer waren vorerst mit meiner Berufswahl gar nicht einverstanden. Sie sahen mich als Kantonsschüler und späteren Studenten», erinnert er sich lebhaft. Von Willy Leutwyler, Direktor der Bank in Reinach, erhielt er nach seiner Bewerbung und dem folgenden Vorstellungsgespräch die Zusage für eine Lehre. Aufgrund des Bankgeheimnisses wurden damals keine Schnupperlehren durchgeführt. «Hans Stoll, Speditionschef der Bank und Pfeffiker Dorforiginal, führte mich 1974 bestens ins erste von drei Lehrjahren ein», schaut Andreas Huber heute dankbar zurück. Schon bald galt es für ihn, 1000er und weitere Banknoten zu bündeln und Wertsendungen zu versiegeln. Die Berufsschule war zuerst im Centralschulhaus untergebracht, bis der Wechsel dorfintern ins ehemalige Gebäude der I.F.F. an der Kirchbreitestrasse erfolgte: Deutsch, Wirtschaftsgeografie, Mathematik, Buchhaltung, Betriebs- und Rechtskunde, Englisch und weitere Fächer wie Maschinenschreiben waren im Stundenplan aufgeführt. Hektische Zeiten brachen jeweils in den Bankräumlichkeiten zwischen Weihnachten und Neujahr aus. In Hunderten von Sparheften musste von Hand mit einem Tintenfüller der Zins nachgetragen werden. Die Kunden wollten sich absichern und das gestiegene Kapital schnellstmöglich begutachten. Wehe, wenn ein Schreibfehler geschah! Ein Fässli mit sogenanntem «Tintengift» stand für die Korrekturen bereit. Zum Glück war die Zinsberechnung bereits EDV-gestützt. Dennoch kontrollierte ein Kadermitarbeiter zur Sicherheit alle ausgedruckten Auszüge und hakte darauf die Beträge ab. «Für uns Lehrlinge ein kleines Gaudi, denn wir glaubten an die neue Technik und wussten deren Vorteile immer mehr zu schätzen», schmunzelt der Reinacher.
Im zweiten Lehrjahr war Andreas Huber in der Wertschriftenabteilung tätig. Die Börsenkurse wurden in der täglich dreimal erscheinenden NZZ nachgeschaut und waren jeden Nachmittag um 13.50 Uhr am Radio zu hören. Zudem galt es oft stundenlang, Coupons zur jährlichen Zinseinlösung von den Obligationspapieren abzuschneiden. «Das Verlangen, nach der Lehre noch eine weiterführende Schule zu besuchen, wuchs bei mir immer mehr. Der KV-Rektor van den Bergh machte mich auf die neueröffnete HWV (Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule) aufmerksam», denkt Huber lebhaft zurück. Die Weichen in die Zukunft galt es bald zu stellen. Im dritten Lehrjahr in der Kreditabteilung durften die Lehrlinge noch nicht bei den entscheidenden Gesprächen dabei sein, wie auch der Kundenkontakt am Schalter nur den ausgebildeten Fachleuten vorbehalten war. Dafür konnte das Reinacher Nachwuchstalent, dank guten Schulnoten, während der Lehre auch als offensiver Mittelfeldspieler in der 1. Mannschaft des FC Reinach mitwirken.
Wenn man in den 70er-Jahren weiterkommen wollte, stand ein Welschlandjahr oft zuoberst. Nach einem Dutzend Blindbewerbungen fand Andreas Huber bei der Bank «Crédit foncier vaudois» in Lausanne eine Anstellung. Als «Suisse Toto» musste er zuerst nur Obligationencoupons abschneiden und weltweit versenden, bis er sich beim Direktor zur Wehr setzte. Ab dann war er Assistent des Börsenchefs und handelte am Lausanner Ring! Gerne wäre er noch ein Jahr, bei einem Monatslohn von 1750 Franken, in Lausanne geblieben, doch die RS stand bevor. «Wohl sprach mich mein Vater nun öfters an, ob ich einmal seine Nachfolge in der «Mobiliar» vor Augen sähe, doch ich blickte noch ganz anders in die Zukunft. «In der Bank kommen die Leute an den Schalter und bei den Versicherungen muss man ihnen nachrennen, konterte ich.» Nach dem zweijährigen Militärdienst und Besuch der HWV in Bern wuchs aber die Berufung, freiwillig in die Fussstapfen des Vaters Traugott Huber zu treten …
Aurora Minonne – schon früh im direkten Kundenkontakt
Aurora Minonne ist in Zürich und Gränichen in einer fünfköpfigen Familie mit italienischen Wurzeln aufgewachsen. Als aufgeweckte Bezirksschülerin fasste sie schon früh den Entschluss, eine Banklehre mit der Berufsmaturität zu absolvieren.
«Mein Traum war, einen Beruf der kaufmännischen Branche zu erlernen, wo der Kundenkontakt eine grosse Rolle spielt», sagt die zielorientierte Gränicherin. Nach drei Schnupperlehren während der Bezirksschulzeit bewarb sie sich 2023 auf der Onlineplattform der Valiant Bank für eine Lehrstelle als Kauffrau BM Bank. Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Am Bankhauptsitz in Bern galt es bei einer Gruppenarbeit mit Mitbewerberinnen und Mitbewerbern die Teamfähigkeit zu manifestieren und im Einzelgespräch zu überzeugen. «Zuvor hatte ich mich mit dem Einholen von Informationen zur Valiant Bank gut vorbereitet», sagt die kommunikativ talentierte junge Frau. Die Freude war gross, als Wochen später eine Zusage für eine Lehre in Reinach eintraf.
Im August 2024 startete Aurora Minonne das erste Lehrjahr mit einer gemeinsamen Einführungswoche für die Lernenden. Darauf galt es, den Fokus auf die Basisprodukte Zahlen und Sparen sowie den Kundenkontakt zu legen. Direkt am Schalter zu stehen und die Abwicklungen von Ein- und Auszahlungen zu verfolgen und später selbst vorzunehmen, prägte die ersten sechs Monate der Banklehre. «Unvergessen bleibt mir eine italienischsprechende Kundin, die froh war, mit mir in ihrer Muttersprache sprechen zu können», erinnert sie sich. «Zum Dank brachte sie mir am nächsten Tag eine Schokolade mit.» Im Gegensatz zur abgeschlossenen Volksschulzeit galt es nun, viel mehr Verantwortung zu tragen, noch pflichtbewusster Arbeiten zu erledigen und organisierter durchs Leben zu gehen. Denn der Weg zur eidgenössischen Berufsmaturität mit einer erweiterten Allgemeinbildung ist anforderungsreich und lässt grosse Freizeitaktivitäten wie ihr geliebtes Fussballspiel in den Hintergrund treten. Von den anfänglich 27 Mitschülerinnen und Mitschülern sind noch 12 verblieben, die pro Woche zwei Tage die Schule in Aarau besuchen und an drei Tagen im Lehrbetrieb arbeiten.
«Der gepflegte und wertschätzende Kundenkontakt ist das A und O», sagt Aurora Minonne. Und dass die Unternehmenskultur auf flachen Hierarchien und dem partnerschaftlichen Umgang per «Du» basiert, entspricht ihr.
Das zweite Lehrjahr verbrachte sie in einem kleinen Bankteam in Rickenbach (LU). Das Augenmerk galt besonders den Themen Anlagen, Hypotheken und Vorsorge mit einer praxisnahen Anwendung, die wie immer von einer Ausbildnerin begleitet wurde. Ein zweiwöchiger Sprachaufenthalt in Nizza sorgte für eine weitere Abwechslung. Pro Jahr sind auch sechs Ferienwochen in der Lehrzeit eingeplant. Und der Lohn stieg von anfänglich 800 bis auf 1650 Franken im Abschlussjahr.
Nun, im dritten Lehrjahr, gilt es das erlernte Wissen zu vertiefen, Kontoeröffnungen selbstständig an die Hand zu nehmen und Gespräche, die von einer Beraterin, einem Berater mit der Kundschaft geführt werden, online am eigenen Arbeitsplatz vor- und nachzubereiten. «Die Begriffe Unter- und Oberstift/in sind auch heute noch intern gebräuchlich», schmunzelt Aurora Minonne. Gerne gibt sie ihr Wissen an den Unterstift weiter. Und dass unverhofft am Schalter vergilbte Sparhefte der Bank in Reinach vorgelegt werden, ist nicht so selten. Eine Forschungsabteilung ist danach am Werk, um etwaig vorhandene Geldbeträge noch ausfindig zu machen.
In diesen Tagen weilt die Lernende im dritten Lehrjahr in Irlands Hauptstadt Dublin. In einer Gastfamilie untergebracht und in einem Hotel beschäftigt verbringt sie einen vierwöchigen Sprachaufenthalt, der vom Arbeitgeber finanziell und zeitlich unterstützt wird.
Zu ihren Zukunftswünschen gehören der erfolgreiche Abschluss der Berufsmaturität im Juni 2027, der Verbleib in der Valiant Bank und Weiterbildungen im Personalmanagement des Unternehmens.
Motiviert und mit viel Tatendrang steht der angehenden Kauffrau BM Bank nichts mehr im Weg. Und Spaziergänge mit ihrem Pudel Maui helfen auch, entspannt durchs junge Leben zu gehen.




