Der sterbende Leichenwagen
09.04.2026 WynentalIch erinnere mich an Schritte. Nicht an meine eigenen – ich hatte nie welche. Aber an die der Menschen.
Viele Schritte. Leise, schwer, zögernd. Manche fest, als wollten sie nicht wanken. Andere unsicher, als suchten sie Halt im Gehen selbst. Ich war immer ...
Ich erinnere mich an Schritte. Nicht an meine eigenen – ich hatte nie welche. Aber an die der Menschen.
Viele Schritte. Leise, schwer, zögernd. Manche fest, als wollten sie nicht wanken. Andere unsicher, als suchten sie Halt im Gehen selbst. Ich war immer zuvorderst.
Man stellte mich bereit, noch bevor die Menschen kamen. Ich wartete. Ruhig. Geduldig. So wie es sich gehörte. Mein Holz frisch poliert, mein schwarzer Lack glänzend wie stilles Wasser. Die Säulen aufrecht, mein Dach ein Schutz für das, was mir anvertraut wurde. Dann kam das Pferd.
Ich spürte das leichte Rucken, wenn die Stränge gespannt wurden. Es war ein vertrautes Gefühl, fast beruhigend. Ein Anfang. Immer ein Anfang – obwohl ich wusste, dass ich das Ende trug. Die ersten Schritte hinter mir gehörten den Nächsten. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich kannte ihr Gewicht. Ihre Nähe war anders. Dichter. Schwerer. Sie gingen nicht einfach – sie folgten. Dann das Dorf.
Ich hörte das Rascheln von Stoff, das gedämpfte Husten, das leise Murmeln, das manchmal abbrach, wenn die Erinnerung zu nah kam. Und irgendwo, immer irgendwo, war ein Kind. Kinder waren anders.
Sie hielten Abstand. Ich spürte ihre Blicke. Flüchtig, neugierig, ängstlich.
Sie verstanden mich nicht – und vielleicht war das gut so. Ich war nichts für ihre Welt. Doch ich trug viele.
Alt und jung. Leicht und schwer. Menschen, die ich nie kannte und doch näher bei mir hatte als irgendjemand sonst. Sie lagen still in mir, während ich sie ein letztes Mal durch das Dorf führte, das sie ihr Leben lang gekannt hatten.
Ich war ihr letzter Weg durch vertraute Strassen. Ich kannte jede Unebenheit im Boden, jedes Knarren meiner Räder, jeden Atemzug des Pferdes. Ich wusste, wann wir an der alten Linde vorbeikamen, wann der Weg sich leicht senkte, wann der Friedhof näher rückte. Dort wurde ich leichter. Immer.
Nicht sofort – aber spürbar. Als würde etwas von mir abfallen, obwohl ich doch nur abgab, was mir nie gehört hatte. Dann kehrte ich zurück. Leer. Doch nie ganz.
Heute stehe ich still. Schon lange.
Kein Pferd mehr. Keine Hände, die mich berühren. Mein Lack ist stumpf geworden, mein Holz rissig. Der Regen fällt auf mich, ohne dass jemand ihn von mir wischt. Der Wind fährt durch mich hindurch, als wäre ich schon halb verschwunden.
Meine Räder tragen mich nicht mehr. Sie liegen neben mir, müde, wie alte Gefährten, die ihren Dienst getan haben. Ich warte noch immer. Aber niemand kommt.
Die Schritte sind verstummt. Das Dorf hat andere Wege gefunden, seine Toten zu tragen. Schnellere, leisere, vielleicht auch fernere. Ich weiss es nicht. Ich kenne nur das, was war. Manchmal glaube ich, ich höre sie noch.
Ein leises Knirschen von Kies. Stoff, der sich bewegt. Ein unterdrücktes Schluchzen. Und irgendwo, hinter einer Hecke, ein Kind, das den Atem anhält. Dann halte auch ich inne. So gut ich kann.
Als könnte ich noch einmal losfahren. Nur ein letztes Mal.
Zuvorderst.
(Text und Bild: Heinrich Wirz, Gontenschwil)

