«Der Igel stirbt still aus»
16.07.2026 Seetal, DürrenäschDie Igelhilfe Mittelland in Dürrenäsch schlägt Alarm: Aktuell werden viele neugeborene und Jungigel in die Station gebracht. Schuld daran ist nicht nur die Hitze.
«Das Problem verschärft sich seit Jahren», sagt Doris Nagl, Co-Stationsleitung ...
Die Igelhilfe Mittelland in Dürrenäsch schlägt Alarm: Aktuell werden viele neugeborene und Jungigel in die Station gebracht. Schuld daran ist nicht nur die Hitze.
«Das Problem verschärft sich seit Jahren», sagt Doris Nagl, Co-Stationsleitung und Präsidentin des Vereins Igelhilfe Mittelland bedrückt. Immer mehr junge Igel werden vorbeigebracht, weil sie von ihren Müttern verlassen wurden. Aber auch erwachsene Igel leiden aktuell. «Wir haben in diesem Jahr in den ersten sechs Monaten schon 116 Jungigel auf der Station betreut.» Vor einem Jahr seien es im gleichen Zeitraum 49 Jungigel gewesen. «Wir hatten auch noch nie so viele Mamis gehabt, die hier ihre Jungen haben», pflichtet ihr Fränzi Furrer, Vizepräsidentin des Vereins, bei. Die Plätze auf der Igelstation seien praktisch alle voll. «Diese Situation haben wir normalerweise erst im Oktober oder November, nicht schon im Sommer.»
Grund dafür seien mehrere Faktoren: Igelmütter haben zu wenig Nahrung, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. «Sie verlassen ihre Babys zum Eigenschutz», erklärt Doris Nagl. Ohne ihre Mutter können die kleinen Igel nicht überleben. Wenn sie Glück haben, werden sie von hilfsbereiten Menschen gefunden und in eine Igelstation gebracht. Ein weiteres Problem ist auch, dass Igel aufgrund der fehlenden Nahrung beginnen, ungeeignete Dinge zu fressen. «Igel sind Insektenfresser», betont Fränzi Furrer. «Aber aus der Not fressen sie Schnecken.» Der Schleim der Schnecken tut den Igeln überhaupt nicht gut, denn darin hat es Lungenwurmlarven. «Diese lösen Lungenkrankheiten aus und schaden den Igeln so.»
Richtiges Zufüttern ist wichtig
«Erst heute morgen habe ich einen ganz verschleimten Igel auf der Station entgegengenommen. Er hat wohl auch Schnecken gefressen», sagt Fränzi Furrer traurig. «Auch die Tierärztin, mit der wir zusammenarbeiten, merkt eine Verstärkung des Problems», erklärt Doris Nagl. Monatlich erhalte sie rund 60 Igel aus drei Stationen zur Untersuchung. «Die Igel sind verletzt, unterernährt, dehydriert oder von Parasiten befallen. Manchmal auch gleich alles miteinander», beschreibt Doris Nagl die Probleme.
Eine einfache, aber effektive Hilfe für die Igel ist das Zufüttern. «Da die Biodiversität zurückgeht, fehlt es ihnen an Nahrung. Mit Wasser kann gegen die Dehydrierung gesorgt werden und mit dem Füttern gegen das Verhungern. So verlassen die Mamis ihre Babys auch weniger», erklären die beiden Igelretterinnen gemeinsam. Das Igelfutter aus den Läden empfehlen sie dafür aber nicht. Der Verein Pro Igel empfiehlt beispielsweise hochwertiges Katzenfutter (Nassfutter) mit hohem Fleischanteil oder Rührei ohne Gewürze. Eine komplette Liste gibt es auf pro-igel.ch zu finden. Für das Wasser wird eine flache Schale empfohlen, damit die Igel nicht ertrinken.
«Die Natur hat kein Datum»
«Wenn es so weiter geht, haben wir in einigen Jahren keine Igel mehr», warnt Doris Nagl. «Der Igel stirbt still aus, denn Igel geben selten Laute von sich. Sie kugeln sich ein und versuchen zu überleben.» Auch Fränzi Furrer findet klare Worte: «Der Igel ist einzigartig. Wir müssen ihm helfen.» Wer in seinem eigenen Garten eine kleine Oase erstellen will, die nicht nur dem Igel, sondern gleich mehreren Tieren zugutekommt, der sollte einheimische Pflanzen setzen. «Der Rasen ist totes Grün», betont Doris Nagl. Fränzi Furrer fügt an: «Mein Hang voller einheimischer Pflanzen ist ein richtiges Naturparadies und viel schöner als vorher.» Wer nicht genau weiss, was für Pflanzen man verwenden soll, dem kann ein Gärtner weiterhelfen. «Die wissen Bescheid.»
Auch solle man sich beim Gärtnern etwas mehr Gedanken machen, sind sich die beiden einig: «Die Natur hat kein Datum.» Nur weil man schon immer zu einer gewissen Zeit beispielsweise den Herbstschnitt gemacht habe, heisse das nicht, dass dieser Zeitpunkt noch immer stimme. «Am besten schaut man auf die Entwicklung der Natur», meint Doris Nagl. Anhand der herrschenden Temperaturen, dem Wetter und den Prognosen könne man besser entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt für die verschiedenen Gartenarbeiten ist. Auch hier kann ein Gärtner fachkundig beraten.
Melanie Köchli
Weitere Informationen zum richtigen Umgang mit Igeln und zum korrekten Zufüttern sind auf www.pro-igel.ch zu finden.



