«Den roten Faden im Leben entdecken»
10.09.2026 Gontenschwil«Heute haben wir einen besonderen Gast hier.» Mit dieser Einleitung eröffnete Sozialdiakonin Rahel Fritschi die Firobe Chile. Dieser etwas andere Gottesdienst wird seit zehn Jahren alle drei Monate an einem Freitagabend durchgeführt. Gute Gespräche, Musik und am ...
«Heute haben wir einen besonderen Gast hier.» Mit dieser Einleitung eröffnete Sozialdiakonin Rahel Fritschi die Firobe Chile. Dieser etwas andere Gottesdienst wird seit zehn Jahren alle drei Monate an einem Freitagabend durchgeführt. Gute Gespräche, Musik und am Schluss ein Apero sind das Rezept für diesen beliebten Anlass.
(Eing.) «Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ins Kloster zu gehen?» Diese und weitere Fragen zum roten Faden machten den Abend zu einem spannenden Ausflug hinter die Klostermauern und zu den Frauen, die ihr Leben in dieser Gemeinschaft zubringen.
Sr. Katja konterte lachend mit der Gegenfrage: «Kennst du eine Schwester?» Sie erklärte anschliessend, dass die Entscheidung, ins Kloster einzutreten nicht vom Himmel gefallen sei. Es habe auch keinen konkreten Moment gegeben. Nein, die Entscheidung sei vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter leise gewachsen.
Aufgewachsen in einer grossen, nicht gläubigen Familie mit sechs Schwestern, wo Beziehung gelebt wurde und Achtsamkeit wichtig war, habe dazu beigetragen. So auch die spannenden Besuche zweier Klostertanten und der katholische Pfarrer, welcher mit den Jugendlichen Yoga übte und Skiausflüge organisierte. Sie habe angefangen, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen und spürte auch der Frage zum Ursprung ihrer inneren Unruhe nach. Der Eintritt in die Klosterschule, um Handarbeitslehrerin zu werden, habe ebenfalls zum roten Faden gehört.
Der Blitz habe sie nie getroffen. Es sei einfach ein Schritt nach dem anderen dazu gekommen, bis sie gewusst habe, ihr Weg sei der einer Ordensfrau. Jemand habe an ihre Herzenstür geklopft. Da habe sie sich im Wissen, dass sie auch wieder gehen könne, darauf eingelassen.
Frauengemeinschaft
Bei der Frage nach dem Tagesablauf im Kloster erklärte Sr. Katja, dass jeder Tag andere Aufgaben mit sich bringe. Das regelmässige Gebet in der Gemeinschaft, aber auch alleine für sich, gebe Struktur und Erdung. «Wir sind eine gute Frauengemeinschaft mit verschiedenen familiären Hintergründen und Berufen.» Es sei natürlich eine tägliche Herausforderung. Aber, der Glaube verbinde. Ihr Zimmer sei ihr heiliger Ort, ihr privater Raum. Dort gehe sie in die Stille, esse hin und wieder etwas Schokolade und schreibe Tagebuch. Dies sei ihre Hausapotheke.
Auf der Suche nach dem roten Faden im Leben sei es wichtig, aus dem Alltag herauszutreten. Ihr Plädoyer für die stille Zeit und das Ordnen von Gedanken, war sehr überzeugend. «Kommt doch mal vorbei! Dann reden wir», ermunterte sie spontan das Publikum.
Auch kritische Fragen nach eigener Schuld und Fehlern müssten Platz haben im Zwiegespräch mit Gott und nahen Menschen. Sich nicht vergraben, sondern auf andere zugehen. Herzenhören sei wichtig, denn manchmal brauche Er Zeit, um eine Antwort zu geben. Aber irgendwann bekomme sie diese immer.
«Wer bist du heute, nach dreissig Jahren Klosterleben?» lautete eine andere Frage. »Ich bin sicher nicht mehr die Gleiche. Ich sehe mich ein bisschen wie eine Zwiebel, die Schale um Schale abwirft, um zum Kern zu finden, wie der Schöpfer mich gedacht hat. Ich hoffe immer mehr, diese zu werden, die ich bin».
Der rote Faden geht weiter
Aussagen wie «Es braucht Zeit oder es braucht eine Veränderung», «Gott nimmt mich ernst mit allem, was ich bin», «der Gott vom Leben ist mit mir auf meinem Weg», machten diesen Abend zu etwas Besonderem. Die Stimmung war spürbar heilig. Isabelle Kaspar erhöhte zusätzlich die Energie in der Kirche mit ihrem einfühlsamen Spiel am Klavier.
Rahel Fritschi hatte sich ebenfalls Gedanken zum roten Faden gemacht. Der Lebensfaden sei voller Kurven und Knoten, erklärte sie in ihrem Input. Man müsse diesen roten Faden rückwirkend verstehen. Einer sei allerdings da, der ihn immer versteht. Psalm 139 sagt: «Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht gestaltet war.» Gott könne aus einem Umweg, einer Krise eine neue Tiefe entstehen lassen. Nicht immer, nicht sofort, vielleicht erst spät.
Fritschi hatte für die Besucher kleine Kärtchen mit drei Fragen vorbereitet: Was zieht sich durch dein Leben? Wo fühlst du dich lebendig? Was ist der nächste kleine Schritt?
Etwas Hoffnungsvolles, Erdendes und Freudiges ist an diesem Abend in der Gontenschwiler Kirche entstanden und anschliessend hinüber ins Kirchgemeindehaus getragen worden. Der kleine Apero, angeregte Gespräche mit alten und neuen Bekannten, und mit den zwei warmherzigen und fröhlichen Frauen aus Baldegg liessen den Abend noch lange nicht ausklingen. Dankbar und berührt ging man schlussendlich nach einer starken Firobe Chile ins Wochenende.

