Brieftauben – die schnellsten Spione im Krieg
05.11.2026 Seetal, MeisterschwandenDie Militärsammlung Meisterschwanden hat kürzlich ihre Tore zur Sonderausstellung «Brieftauben im Militärdienst» geöffnet. Dabei geht es nicht nur um die fast 80-jährige Geschichte der Brieftauben in der Schweizer Armee (1917-1994), sondern auch um die ...
Die Militärsammlung Meisterschwanden hat kürzlich ihre Tore zur Sonderausstellung «Brieftauben im Militärdienst» geöffnet. Dabei geht es nicht nur um die fast 80-jährige Geschichte der Brieftauben in der Schweizer Armee (1917-1994), sondern auch um die Erfindung einer Brieftaubenkamera der 1930er-Jahre. Letztere entwickelte damals der Uhrenfabrikant Adrian Christian Michel aus Walde.
Der Brieftaubendienst in der Schweizer Armee wurde von 1917 bis 1994 eingesetzt und war extrem wichtig, um militärische Befehle weiterzuleiten. Insbesondere auch im Ersten Weltkrieg, weil die gefiederten Kuriere extrem zuverlässig waren. Und selbst als elektronische Kommunikationsmittel aufkamen, konnte die Armee nicht ganz auf die Tauben verzichten. Denn auch die modernste Technik ist nicht gegen Ausfälle gefeit.
Deshalb bedauert Hans-Peter Lipp, der ehemalige Chef des Brieftaubendienstes der Schweizer Armee noch heute, dass vor über 30 Jahren der Brieftaubendienst abgeschafft wurde. Laut Lipp hiess es damals «aus Kostengründen und Truppenreduktion» – im Rahmen der Schweizer Armeereform 95. «Der Dienst hat die Armee jährlich 600’000 Franken gekostet. Es ist gar nie über eine Beibehaltung der Brieftauben mit starker Reduktion diskutiert worden, obschon es möglich gewesen wäre», blickt Hans-Peter Lipp zurück. Das seien nur vorgeschobene Gründe gewesen, dabei sei der Brieftaubendienst schon immer ein Dorn im Auge der Modernisierer der Schweizer Armee gewesen.
Sonderausstellung
Die Eröffnung und Besichtigung der privaten Sonderausstellung fand kürzlich in der Militärsammlung in Meisterschwanden statt. Rund 40 geladene Gäste folgten der Einladung. Mit von der Partie waren: Haupt-Referent Hans-Peter Lipp (ehemaliger Chef des Brieftaubendienstes der Schweizer Armee); Referent Adrian Michel und Brieftaubenexpertin Alexandra Lüdin. Martin Widmer (Gesamtkoordinator) und Bruno Weise (Mitorganisator und Realisation).
Vorgängerin der Aufklärungsdrohne
Den meisten Gästen war bekannt, dass der Brieftaubendienst während knapp 80 Jahren ein wichtiger Dienstzweig der Schweizer Armee gewesen ist. Doch die wenigsten Interessierten wussten, dass in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts die Firma Adrian Michel in Walde (AG) mit ihrem Projekt «Brieftaubenkamera made in Switzerland» eine absolute Weltneuheit lancierte. «Es war die Vorgängerin der heutigen Aufklärungsdrohne», sagte Gesamtkoordinator Martin Widmer.
Adrian Michel, der Sohn des Erfinders der Brieftaubenkamera, hielt ein kurzes Referat und kam auf dessen Pionierleistung zu sprechen. Sein Vater hiess Adrian Christian Michel, er wurde 1912 geboren und wuchs in einer Fabrikantenfamilie auf, die Bestandteile und Rohwerke für Uhren herstellte. In seiner Freizeit züchtete Michel Brieftauben und mit 19 Jahren wurde er im Militär in den Brieftauben-Hilfsdienst eingeteilt.
Weil er das Militär nicht mochte, kam der geniale Tüftler auf die Idee, der Brieftaube eine winzige, automatische Kamera zu verpassen. Damit sie quasi als «fliegender Spion» Fotos machen konnte. Die Grundidee allerdings stammte ursprünglich vom deutschen Apotheker Julius Neubronner. Letzterer entwickelte bereits 1903 solche Kameras für Tauben. Sein Vater habe jedoch Jahrzehnte später eine eigene modernere Schweizer Version mit Verzögerungsmechanismus gebaut, so Michel, die während eines Flugs bis zu 15 Fotos machen konnte. «Der Prototyp funktionierte, doch das Problem war, dass sein Vater keinen Produzenten für die Serienproduktion fand.»
Schnelle Tauben mit ausgeprägtem Orientierungssinn
Taubenexpertin Alexandra Lüdin schickte auf dem Vorplatz zur Militärsammlung rund 30 Tauben auf die Reise – diesmal nur nach Muhen. Dabei erklärte sie, warum sich die gefiederten Tiere als Kuriere für militärische Dienste eigneten. «Sie sind robust und haben eine gut ausgebildete Brustmuskulatur.» Letztere sei wichtig, weil daran eine Kunststoffhülse von 12 Gramm gehängt werde. Weiter beantwortete die Expertin, eine der meistgestellten Fragen, wie sich die Tauben in der Luft orientieren. «Tauben können Magnetfelder wahrnehmen, und sie nutzen ihren Geruchssinn sowie geografische Merkmale.» Zudem können die intelligenten Vögel bis zu durchschnittlichen 80 Stundenkilometern pro Stunde fliegen und auch weite Distanzen zurücklegen – bis zu 1000 Kilometern. «Die Geschichte der Brieftaube ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst», sagte Referent Hans-Peter Lipp. Bereits in der Antike hätten sich die Menschen die angeborene Fähigkeit der Tauben – von einem unbekannten Ausgangspunkt in das eigene Revier zurückzukehren – zunutze gemacht.
Temporäre Leihgabe
Die Idee zur Sonderausstellung sei entstanden, als Martin Widmer die «Brieftaubenkamera» im Weberei- und Heimatmuseum in Schmiedrued zufällig entdeckte, sagte Mitorganisator Bruno Weise. Die grösste private Militärsammlung der Schweiz ist im Herbst/Winter nur während vier «Besuchstagen» geöffnet. Und sie erhielt die Brieftaubenkamera sowie die dazugehörenden Objekte wie Brust- und Fusshülse, inklusive Anleitung nur als Leihgabe.
Kathrin Aerni
Sonderausstellung «Brieftauben» in der Militärsammlung Meisterschwanden dauert vom November bis 31. Mai. www.militaersammlung.ch


