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29.10.2026 RegionGlück
Einmal im Jahr treffen wir uns mit der erweiterten Verwandtschaft. Es war ein rundum glücklicher Tag. Am Schluss des Tages, da gibt es immer Lose zu kaufen, weil eine prächtige Tombola auf die Gäste wartet. Ein Knabe, der mir nochmals ...
Glück
Einmal im Jahr treffen wir uns mit der erweiterten Verwandtschaft. Es war ein rundum glücklicher Tag. Am Schluss des Tages, da gibt es immer Lose zu kaufen, weil eine prächtige Tombola auf die Gäste wartet. Ein Knabe, der mir nochmals ein paar Lose verkaufen wollte, dem ich aber eine Absage erteilte, weil ich bereits genug Lose hatte, sagte zu mir: «Du bist aber selber schuld, wenn du dann kein Glück hast!» – Ja, was ist Glück? Glück ist, in eine gute Familie, Verwandtschaft eingebunden zu sein. Doch, wenn ich an Menschen denke, deren Lebensrealität so gar nichts mit meiner zu tun hat; an Kinder, die im Krieg aufwachsen; an Familien, die täglich um ihr Essen ringen; an junge Menschen, die keine Perspektive haben einen Beruf zu erlernen, an Not und Elend in unserer Welt, dann frage ich mich manchmal, warum es mir so gut geht – und anderen nicht. Ich habe nichts dafür getan. Ich hatte einfach Glück. Besonders deutlich wurde mir das, als ich vor ein paar Jahren für ein Hilfsprojekt in Rumänien war. Einer solchen Armut bin ich selten begegnet. Es waren plötzlich keine Zahlen, kein Zeitungsbericht, sondern Gesichter, Stimmen, Begegnungen. Das hat mich erschüttert und traurig gemacht. – Wir alle sind auf der Suche nach Glück. Doch es gibt viel Leid um uns herum. Einige erleben dieses Leid als Teil des Lebens und gehen ihren Weg weiter; andere verzweifeln und schaffen es nicht. Andere schätzen ihr Glück und helfen und entfalten ihre Gaben und Fähigkeiten. Mitgefühl und Einfühlungsvermögen erlauben uns praktische Hilfe und emotionale Nähe anzubieten, ohne das eigene Leben zu beschädigen. Auf das eigene Glück zu verzichten, ändert die Situation der anderen nicht. Langfristig kann es zu einer negativen Grundhaltung führen. Man kann sich jedoch aus solidarischen Gründen einschränken. Wir können uns fragen: «Will ich überhaupt glücklich sein?» Der französische Philosoph Voltaire hat folgenden Satz geschrieben: «Ich habe mich entschieden, glücklich zu sein.» Diese Haltung führt uns in die Gegenwart, und lässt uns aktiv angehen, was uns beschäftigt. Glücklich zu sein, ändert unsere Sicht auf Menschen und Situationen, beeinflusst den Kontakt zu anderen und zu uns selbst und hat sogar gute Auswirkungen auf die Gesundheit. Wer sich glücklich schätzt, entwickelt ein Gefühl von Dankbarkeit, das unabhängig von den Umständen ist. Ich darf mich wirklich freuen, wenn es mir gut geht. Ist nicht auch das Gute ein Geschenk Gottes? Ich darf glücklich sein und mich freuen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, auch wenn es anderen nicht so gut geht. Ich bleibe jedoch wach und schaue nicht weg, wenn es um das Leid anderer geht und engagiere mich so gut, wie es mir möglich ist.
Carla Bättig
