Streiflicht

  08.10.2026 Region

Wunsch-Wetter

Ist das ein schöner Herbst! Angenehme Temperaturen bis nun schon fast Mitte Oktober, am Morgen zwar mittlerweile etwas kühler, aber am Nachmittag jeweils T-Shirt-Wetter. Was will man mehr?

Zugegeben, mit dem aktuellen Wetter sind nicht alle glücklich. Nie. Der Kanton stuft die Waldbrandgefahr weiterhin als erheblich ein. Die Fischer sorgen sich um das Wohl der Fische, jedenfalls dort, wo es überhaupt noch welche hat. Die Landwirtschaft beklagt Ernteausfälle aufgrund des zu trockenen Sommers. Das bringt mich auf ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn jeder sein eigenes Wetter machen könnte?

Dazu müsste man zunächst einmal die Frage klären: Wie viel Schweiz gehört eigentlich jedem Schweizer? Die Antwort: rund 4523 Quadratmeter. So viel Fläche käme auf jeden Einwohner, wenn man die Schweiz einfach gerecht durch alle teilen würde. Ein Grundstück von ungefähr 67 auf 67 Metern oder rund zwei Drittel eines Fussballfeldes. Nicht schlecht.

Und jetzt stellen wir uns vor, jeder dürfte auf diesen 4523 Quadratmetern sein eigenes Wetter bestimmen. Ich hätte gerne morgens Sonne (die hilft beim Aufstehen). Gegen Mittag ein paar dekorative Wolken. Am Nachmittag 23 Grad und abends einen instagramtauglichen Sonnenuntergang.

Mein Nachbar dagegen bestellt jeden zweiten Tag Regen. Er hat einen Garten. Der Landwirt möchte ebenfalls Regen. Aber nur nachts. Der Wirt möchte Sonne am Wochenende. Der Skiliftbetreiber täglich 20 Zentimeter Neuschnee. Der Winzer Sonne. Die Feuerwehr bitte möglichst keinen Sturm.

Das Problem wäre nur: Unsere 4523 Quadratmeter liegen nicht fein säuberlich nebeneinander wie Parzellen im Bauland. Sie stecken mitten in Bergen, Seen, Wäldern, Strassen und Nachbars Grundstücken. Und spätestens jetzt wird es kompliziert: «Entschuldigung, Ihr Gewitter zieht gerade über meine Parzelle.» «Das ist kein Gewitter, das ist meine persönliche Abendstimmung.» «Es blitzt aber bei mir!»

Ich höre schon den Amtsschimmel wiehern: Nachtgewittergesuche und ein eidgenössisches Amt für individuelle Niederschlagsverteilung. Natürlich würden wir auch das demokratisch lösen. Abstimmung über die maximale Windgeschwindigkeit. Referendum gegen Hagel. Initiative für mehr Schnee. Wenn ich mir das alles genauer überlege, ist es vielleicht gar nicht so übel, wie das Wetter derzeit «organisiert» ist.

Roland Marti


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