Streiflicht

  10.09.2026 Region

Jetzt

Wir sorgen für alles Mögliche vor. Wer uns retten wird, wenn wir in den Bergen über den Stein stolpern, den wir mit 20 noch leichtfertig ins Tal spediert haben. Oder wer uns aus dem Acker zieht, wenn das Auto auf dem zeitsparenden Feldweg stecken bleibt. Meine Versicherung sorgt sogar für den Fall vor, wenn eine Elster ihr Raubgut in die Regenrinne fallen lässt, diese überläuft, einen Hangrutsch auslöst und die Strasse auf den Rütihof unbefahrbar machen würde. Was gar nicht so schlimm wäre, es fahren sowieso alle schneller als 30 und die Gemeinde interessierts nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Worauf ich hinaus wollte: Wir planen alle Eventualitäten, die wir erleben könnten, aber nur ungern jene, die etwas Endgültiges mit sich bringen. Oder haben Sie schon mal versucht, ihre eigene Todesanzeige zu schreiben? Ich weiss, ganz heikel, wir wollen nichts heraufbeschwören. Und dennoch wird es uns alle einmal treffen und ich muss ihnen gestehen, als Autor graut mir davor, die Zusammenfassung über mein Leben unredigiert in einer Zeitung erscheinen zu lassen. Zumal der Text möglichst kurz sein muss, die Erbschaft soll ja nicht unnötig geschmälert werden. Also setzte ich mich hin und versuchte in wenigen Zeilen mein dereinstiges Fernbleiben vom gesellschaftlichen Leben zu erklären.

In einer Stellenbewerbung ist es noch recht einfach, unter Hobbys unverfänglich «Reisen» und «Lesen» hinzuschreiben. Würde ich ein Buch schreiben, stünde in der Kurzbiografie wohl eine Rechtfertigung, warum ausgerechnet ich dieses Buch geschrieben habe. Aber was soll in meiner Todesanzeige stehen? «Er reiste gerne und las viel» wäre gelogen. Ich schreibe viel lieber und zwar zu Hause auf meiner Terrasse. «Er war ein guter Mensch», finde ich, hat etwas Heuchlerisches, «Er schaut uns von Wolke Sieben zu» passt auch nicht zu mir. Nach langem Grübeln passierte mir etwas Überraschendes. Je länger ich mich mit dem eigenen Tod befasse, um so mehr wurde mir das Dasein bewusst. Wie schön es ist, dass der Zufall mich in genau diese Ecke des Planeten geworfen hat. Welch Privileg es ist, mir diese Gedanken überhaupt machen zu können, ohne mit einer Rakete rechnen zu müssen, die mir meine Terrasse nimmt. Wie glücklich ich sein kann, ausgerechnet diesen Menschen begegnet zu sein, die ich heute kenne. Damit meine ich übrigens explizit auch die doofen Leute, die mich weitergebracht haben, als es in ihrer Absicht stand. Vielleicht sollte ich genau das in meine Todesanzeige schreiben?

Ich komme zum Schluss, dass es letztlich egal ist, was drinsteht. In hundert Jahren ist aus dem Zeitungspapier in mehrfachen Recycling-Prozessen eine Regenrinne entstanden. Ich erlaube mir stattdessen einfach das Jetzt festzuhalten, solange ich noch da bin. Schön, dass mir das noch eingefallen ist, bevor ich gehen muss.

Remo Conoci


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