Streiflicht
13.08.2026 MenzikenSchulanfang
Als ich diese Woche am Montag zur Arbeit fuhr, sah ich vor mehreren Schulhäusern schon aufgeregte Eltern, teils kribellige, teils noch unsichere Schulkinder, die darauf warteten, dass sich die grosse Türe zu ihrem neuen Lebensabschnitt öffnete.
Spontan kam mir ein kleiner, schmächtiger Knirps in den Sinn, der im April 1974 an der Hand seiner Mutter mit grossen Augen das Schulhaus betrat, sein Turnsäckli an den Haken der Garderobe hängte, die Strassenschuhe gegen Schulfinken tauschte und sich anschliessend vor dem Schulzimmer in die Reihe stellte. Die Lehrerin, «Fröllein» Elisabeth Steffen, begrüsste Mutter und Knirps und sagte dem Kleinen, er soll sich einen Platz im Klassenzimmer suchen.
Sie ahnen es vielleicht: Der damalige Knirps war ein gewisser Roli Marti, und dieser erinnert sich noch heute genau, wie er hilflos im Schulzimmer umherirrte auf der Suche nach seinem angeschriebenen Pult. Nur ... da war nichts angeschrieben. Die Kinder hatten freie Platzwahl, was der kleine Roli erst nach minutenlanger Suche begriff und sich schliesslich beschämt neben Urs setzte. Dieser peinliche Auftritt, den die anderen wohl kaum wahrgenommen hatten, beschäftigte mich noch lange. Aber keine Angst, insgesamt war meine Schulzeit eine schöne.
Das lag vielleicht auch daran, dass der oben erwähnte Urs in die acht Ecken der Doppelseite meines Poesiealbums (heute nennt man das Freundebuch) mit einem Wort pro Ecke den Spruch schrieb: «In allen acht Ecken soll dein Glück stecken.»
Wenn Sie sich jetzt fragen, wieso der inzwischen alles andere als schmächtige Roli diese alte Kamelle so detailreich hervorkramt: Ich bin dankbar, schon so viel Glück erlebt zu haben, vielleicht ja dank Urs’ Gedicht im Poesiealbum.
Und auch wenn ich von den Kindern, die am Montagmorgen erstmals die Schule besuchten, keine Freundebücher zum Ausfüllen erhalte, so wünsche ich ihnen doch auf diesem Weg viel Glück, eine unbeschwerte, lehrreiche und interessante Schulzeit sowie eine Lehrperson, die mindestens genau so nett ist, wie es mein Fröllein Steffen war.
Roland Marti

