Streif licht
23.07.2026 RegionMenschen
Die Menschheit hat einen schlechten Ruf. Krieg, Klimaerwärmung und Verbrechen gehören zum Alltag. Man könnte fast meinen, wir sind alle Kriminelle, Betrüger oder Leute, die im Zug laut telefonieren.
Und dann passiert etwas ...
Menschen
Die Menschheit hat einen schlechten Ruf. Krieg, Klimaerwärmung und Verbrechen gehören zum Alltag. Man könnte fast meinen, wir sind alle Kriminelle, Betrüger oder Leute, die im Zug laut telefonieren.
Und dann passiert etwas völlig Unerwartetes.
Gestern ereignete sich bei einem Fussgängerstreifen vor einer Bäckerei ein Unfall. Ein kleiner Junge stürzte mit seinem Velo und begann laut zu weinen, wie das Kinder nun mal tun. Da ich gerade mit meinen Einkäufen beschäftigt war, beschloss ich, zuerst zum Auto zu gehen und einen Verbandskasten zu holen. Ein für mich in dem Moment vernünftig erscheinender Plan. Leider auch einer, der so viel Zeit benötigte, dass drei andere Erwachsene bereits vor Ort waren. Mein Verbandskasten war willkommen zur Verarztung, aber nicht das Wichtigste, denn er war einfach jemand, der Hilfe brauchte. In diesem Moment spielte alles andere keine Rolle.
Als vor wenigen Wochen irgendwo ein Kind verschwand, tauchten plötzlich unzählige Freiwillige auf. Menschen, die sonst wahrscheinlich ihre Samstage mit Hausarbeit, Fussball oder der erfolgreichen Vermeidung von Hausarbeit verbringen würden, standen mit Booten, Drohnen oder in Badehosen am Flussufer und suchten gemeinsam nach einem Fremden. Für ein paar Stunden beschloss die Menschheit am selben Strang zu ziehen.
Tragödien haben offensichtlich diese Wirkung. Es ist, als würden wir uns in solchen Momenten daran erinnern, dass Leid leider eines der wenigen Dinge ist, die wirklich gerecht verteilt werden.
Sogar eine Fussball-WM lieferte regelmässig Beweise dafür, dass wir Menschen gar nicht so schlimm sind. Die Japaner hinterliessen ihre Garderoben sauberer als viele Menschen das öffentliche WC. Die Schotten verwandelten fremde Städte innert Stunden in ein Strassenfest. Und die ganze Welt freute sich über ein Unentschieden von Curaçao, einem Land, von dem sie vor kurzem nicht einmal wussten, dass es existiert.
Vielleicht sind wir Menschen also besser als unser Ruf. Vielleicht steckt unter all den Meinungsverschiedenheiten, Internetkommentaren und Parkplatzdiskussionen tatsächlich eine Portion Mitgefühl.
Oder anders gesagt: Die Menschheit ist vermutlich doch noch zu retten. Zumindest solange niemand fragt, wer die letzte Parklücke bekommt.
Melanie Köchli
