Streif licht

  16.07.2026 Region

Ärger

Haben Sie sich heute auch schon geärgert? Hitzewelle, Steuererhöhung, FIFA, Trump, Sascha Ruefer, man weiss gar nicht wo anfangen. Ich habe einen Bekannten, der geht in solchen Fällen ins Internet und zeigt sich dort als Experte für alles. Wenn zum Beispiel jemand «Klimawandel» sagt, schreibt er als Antwort: «Früher war es auch schon heiss.» Zack, der hat gesessen, damit hat keiner gerechnet. Doch ein anderer Experte für alles kontert: «Ihr müsst halt noch mehr von denen reinlassen.» Die Lage eskaliert. «Du profitierst ja auch nur vom Staat» − «Hört endlich auf, den Rasen zu sprengen» − «Ich lasse mir nichts vorschreiben» − «Feuerwerk wollen sie uns auch verbieten» − «Die armen Tiere, aber die Wurst lasse ich mir nicht nehmen». Mehrere Ärgerebenen vermengen sich zu einem schwarzen Loch, das immer mehr Unbeteiligte in seinen Schlund saugt. Meiner persönlichen Schätzung zufolge besteht das Internet aus 89,7 Prozent verärgerter Kommentare, die sich quantenphysisch vermehren, wobei Quantenphysik nichts mit der Quantität und schon gar nichts mit Qualität von Kommentaren zu tun hat. Klingt aber schlau. Zack, der hat gesessen, das hat keiner kommen sehen.

Nennen Sie mich einen Nostalgiker, aber in solchen Fällen wünsche ich mir die gute alte Zeit zurück, als das Handy noch eine Wählscheibe hatte. Und ja, früher war es auch schon heiss und auch früher hat man sich geärgert, wenn jemand im falschen Moment «Klimawandel» gesagt hat. Nur war es viel erträglicher. Um seinem Ärger öffentlich Gehör zu verschaffen, hatte man nämlich nur den Leserbrief. Wenn man so will, der Vorgänger des Internets. Um seine Meinung zu teilen, musste man das ganze Haus nach einem passenden Briefpapier absuchen und einen Stift wählen, der gut in der Hand liegt und nicht schmiert. Man überlegte sich gut, was man der Welt mitteilen wollte, fing dann aber trotzdem dreimal an, weil ein Schreibfehler in der elften Zeile peinlich ist. Im günstigsten Fall verfügte man über eine Schreibmaschine mit Tipp-Ex in ausreichender Menge. Danach musste man eine Briefmarke besorgen, sie ablecken und den ebenfalls abgeleckten Umschlag in einen der gelben Briefkästen stecken, die es praktisch an jeder Hausecke gab. Im ungünstigsten Fall wurde der Kasten aber erst wieder am Montag geleert. Zwei Wochen später erhielt man dann seinen Brief vom Tagblatt zurück, zusammen mit dem Bescheid, der Inhalt passe nun wirklich nicht ins Weltgeschehen, schliesslich schiffe es draussen wie aus Kübeln. Man öffnete den eigenen Brief, las ihn und dachte: Zum Glück haben die das nicht abgedruckt.

Die einzigen Folgen waren also, dass man seinen Ärger losgeworden ist, damit aber nur dem Tagblatt-Redaktor auf die Nerven gegangen ist und das schwarze Loch keine frische Nahrung bekommen hat. Als Experte für alles habe ich in diesem Zusammenhang einen therapeutischen Tipp: Schreiben Sie mal wieder einen Leserbrief. Fangen Sie ruhig dreimal an. Falls der Brief nicht erscheint, weil es draussen schifft, sind Sie wenigstens Ihren Ärger los.

Remo Conoci


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