Zum Sonntag
16.07.2026 RegionDas strahlende Gesicht
Als ich die Bewohnenden in einem Altersheim vor dem Gottesdienst einzeln begrüsse, sagt ein älterer Mann, der im Rollstuhl sitzt und halbseitig gelähmt ist, «er geniesse das Leben». Dabei strahlt er mich über ...
Das strahlende Gesicht
Als ich die Bewohnenden in einem Altersheim vor dem Gottesdienst einzeln begrüsse, sagt ein älterer Mann, der im Rollstuhl sitzt und halbseitig gelähmt ist, «er geniesse das Leben». Dabei strahlt er mich über das ganze Gesicht an. Diese Begegnung berührt(e) mich zutiefst.
Wie oft verbinde ich Lebensfreude mit Gesundheit, Unabhängigkeit oder der Möglichkeit, selbst über meinen Alltag zu bestimmen. Dieser Mann hatte vieles verloren, was für viele von uns selbstverständlich ist. Und doch schien er etwas zu besitzen, das sich nicht mit körperlicher Kraft messen lässt: eine tiefe Dankbarkeit.
Ich frage mich, woher ein solcher Friede kommt. Vielleicht nicht daher, dass das Leben einfach geworden ist, sondern eher daher, dass er gelernt hat, das Wertvolle im Leben, auch in den Kleinigkeiten des Alltags zu sehen. Ein freundliches Wort. Ein Sonnenstrahl durchs Fenster. Ein Besuch. Ein Lied. Ein Gebet. Dinge, die im hektischen Alltag leicht übersehen werden.
Mich erinnert diese Begegnung an Jesus. Er hat nie versprochen, dass unser Weg frei von Leid sein würde. Aber er hat versprochen, uns nicht allein zu lassen. «Ich bin bei euch alle Tage», sagt Jesus im Matthäusevangelium (Mt 28, 20). Diese Zusage verändert nicht immer unsere Umstände, aber sie kann unser Herz verändern. Wo Jesus gegenwärtig ist, wächst Hoffnung. Wo Hoffnung lebt, kann selbst mitten in Schwierigkeiten Freude aufblühen.
Vielleicht stehen auch Sie gerade vor Herausforderungen, die Ihnen die Freude rauben wollen. Vielleicht gibt es Fragen, auf die Sie keine Antwort haben, oder Lasten, die Sie schon lange mit sich herum tragen. Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie sich von Jesu Zusage neu ansprechen lassen. Er sieht, was Sie bewegt. Er kennt Ihre Geschichte. Und er geht den Weg mit Ihnen – Schritt für Schritt.
Manchmal begegnet uns Gottes Trost nicht in grossen Wundern, sondern im strahlenden Gesicht eines Menschen, der uns daran erinnert: Unsere Hoffnung hängt nicht davon ab, wie leicht das Leben ist, sondern davon, wer uns durch das Leben begleitet: Jesus Christus!
Christine Bürk,
Pfarramt Leerau und Schöftland
