Streif licht
21.05.2026 RegionKommentieren
Eine Sängerin, ein Fussballer und ein Politiker kommen in eine Bar. Sagt die Sängerin: «Ich habe beim Vorsingen einen falschen Ton getroffen und sie haben mich ausgebuht.» Entgegnet ihr der Fussballer: «Und ich habe in ...
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Eine Sängerin, ein Fussballer und ein Politiker kommen in eine Bar. Sagt die Sängerin: «Ich habe beim Vorsingen einen falschen Ton getroffen und sie haben mich ausgebuht.» Entgegnet ihr der Fussballer: «Und ich habe in letzter Sekunde alleine vor dem Tor das Ziel verfehlt und wir haben die Meisterschaft verloren.» Sagt der Politiker: «Und ich wollte mit meinem Parkierungsreglement nur das Beste, aber letztlich haben wir viel Geld verlocht.» Alle drei Versager bewegen den Finger über das eigene Handy und lesen die Kommentare des Volkstribunals: «Der soll sich mal eine richtige Arbeit suchen!» ‒ «Zurück an den Herd!» ‒ «Grosse Klappe, nichts dahinter.»
Diese frei erfundene Geschichte steht in dieser Spalte, weil es durchaus reale Begebenheiten gibt, die nicht sind, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Der Mensch vergisst nämlich in seinem Drang, zu allem eine Meinung zu haben, dass immer eine gute Leistung vorangegangen sein muss, die das Scheitern erst ermöglicht hat. Der Fussballer zum Beispiel schiesst ja nicht wie ein Pilz aus dem Boden, genau so wenig die Sängerin und schon gar nicht der Politiker. ‒ «Hallo, da bin ich.» Der Fussballer beispielsweise steckt, seit er fünf Jahre alt ist, in den Tschutti-Schuhen, ab 11 oder 12 Jahren war er unter Beobachtung von Managern und Trainern und musste lernen, mit Druck und Disziplin umzugehen. Tägliches Training und Verzicht auf Freizeit gehört Zeit seines Lebens genau so dazu, wie eine gesunde Ernährung. Wieder und wieder traf er ins Tor, sorgte für Jubel und Zustimmung, wurde zum Vorbild der Jugend. Auch die Leistungen der Sängerin waren so gut, dass sie Menschen fand, die an sie glauben, sie unterstützen, eine Zweitausbildung ermöglichen, ihr einen Lohn zahlen. Und weil ich einige davon kenne weiss ich, dass es viele Politiker gibt, die sich den Kopf zerbrechen, wie sie die Welt abseits der Kommentarspalten besser machen könnten.
Vielleicht ist es an der Zeit, etwas weniger zu kommentieren und dafür mehr zu leisten. Und wenn etwas schief geht, nimmt man einen neuen Anlauf. Ich wette, jeder von uns wünscht sich diese Chance, auch ohne berühmt zu sein.
Remo Conoci
