Zwischen Einkaufswagen und Holster
19.03.2026 Suhren-/Rueder-/UerkentalDie Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Diesmal ...
Die Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Diesmal erzählt sie, wie sie das Waffengesetz in Oklahoma City erlebt und in ihrem Alltag wahrnimmt.
Eine Pistole ganz in schwarz, darunter der Schriftzug: «Better think twice, because I won’t.» Auf gut Deutsch: «Denk besser zweimal nach, denn ich werde nicht zögern.» Was wie eine Szene aus einem Mafiafilm klingt, traf ich in Form eines Aufklebers an einem Auto bei Walmart an. In der Schweiz sieht man häufig eine Clipart-Zeichnung der Familie oder das Vereinswappen des Lieblingsklubs auf der Heckscheibe des Autos, doch hier in Oklahoma City scheint ein etwas anderer Wind zu wehen.
Einige Schlupflöcher
Nach diesem Erlebnis machte ich mich an die Arbeit und recherchierte, wie genau die Gesetzeslage zu Waffen in Oklahoma ist. Ich wusste bereits, dass die Bevölkerung hier im Süden eher waffenfreundlich eingestellt ist, und das spiegelt sich auch in ihren Gesetzen wider. Tatsächlich dürfen hier Leute ab 21 Jahren Schusswaffen besitzen und diese offen oder verdeckt tragen. Dazu benötigen sie keinen Waffenschein, auch wenn dieser optional ausgestellt werden kann. Personen, die verurteilte Straftäter sind, Personen, die weder US-Bürger sind noch eine Green Card besitzen sowie Personen, die als geistig unzurechnungsfähig gelten, ist es jedoch untersagt, Waffen zu besitzen. Um diese Sicherheitsmassnahmen zu gewährleisten, sind lizenzierte Verkäufer dazu verpflichtet, einen Hintergrund-Check durchzuführen. Jedoch ist dies für Privatverkäufer nicht erforderlich, was einige als gängiges Schlupfloch beurteilen.
Doch wie verbreitet sind hier Waffen wirklich? Nutzt die Bevölkerung die relativ laschen Gesetze auch? Um das herauszufinden, habe ich mich mit meinem Politiklehrer und meinem Trainer, beide langjährige Bürger Oklahomas, unterhalten. Dabei erzählte mir mein Lehrer, dass sein Schwiegervater ihm vor einigen Jahren zu Weihnachten eine Waffe geschenkt hatte. Sie machten dann gemeinsam eine Schiessklasse, jedoch war diese freiwillig. Mein Lehrer räumte ein, dass es sich beim Schenken einer Waffe um ein weiteres Schlupfloch handle, da er dafür schliesslich keinen Hintergrundcheck durchlaufen musste und dennoch zu seiner Pistole kam. Weiter berichtete er mir von verschiedenen Situationen, in denen er als Lehrperson sogenannte «Lockdowns» erlebt hatte. Diese treten ein, wenn eine Schule alles verriegelt, weil es entweder auf dem Areal oder in der Nähe eine Schiesserei gibt. Nichtsdestotrotz ist er grosser Befürworter des privaten Waffenbesitzes. So gab er an, dass er sich sicherer fühle im Wissen, dass die Leute hier verdeckt oder offen Waffen tragen dürfen; das schrecke Kriminelle ab.
Ein ähnliches Bild vermittelte auch mein Trainer. Dass er ein grosser Befürworter des privaten Waffenbesitzes ist, wusste ich bereits nach meiner ersten Begegnung mit ihm, als er meinte: «Oklahoma ist der beste Ort zum Wohnen. Wir haben gutes Wetter, es ist familienfreundlich und sicher, und wir können Waffen tragen!» Statistiken besagen, dass etwas über die Hälfte der Haushalte Oklahomas im Besitz einer Waffe ist. Dabei überraschte es mich, dass mein Trainer meinte, dass viele Leute diese auch im Alltag bei sich tragen würden. Er selber habe sogar immer eine dabei, mit Ausnahme des Schulcampus, einem der wenigen Orte, wo dies illegal ist. Mit dieser Haltung ist er nicht der Einzige: Er sei schon oft Menschen begegnet, die eine Waffe offen trugen – sei dies an Orten wie Walmart, in Einkaufszentren oder sogar in der Kirche. Er selber besitzt verschiedene Schusswaffen, hauptsächlich aus Sicherheitsgründen. Jedoch hat er sich das Schiessen auch zum Hobby gemacht. So lud er mich auch prompt auf einen Ausflug zu solch einer «Shooting Range» ein. Dieser Aspekt des Waffengebrauchs kommt mir schon etwas vertrauter vor, da ich Schiessstände auch aus dem Suhrental kenne. Obwohl ich mich bisher kaum für diesen Sport interessierte, sind die Geräuschemissionen eines Obligatorischen oder eines Feldschiessens unüberhörbar. In der Region von Oklahoma City scheint Schiessen ein sehr beliebtes Hobby zu sein: Mein Coach konnte mir ganze 15 regionale Schiessanlagen aufzählen! Trotz des Hobbyaspekts liegt der Fokus des Waffenbesitzes für ihn aber ganz klar auf der Selbstverteidigung. Auch er empfindet die relativ lockeren Waffengesetze Oklahomas als sicher. Oder wie er es ausdrückt: «Der beste Weg, einen bösen Typen mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Typ mit einer Waffe.»
Elfhöchste Todesrate
Doch wie sicher ist Oklahoma wirklich? Die Zahlen der letzten Jahre zeigen ein eher negatives Bild im Vergleich zu anderen Staaten. So hatte Oklahoma im Jahre 2023 die elfthöchste Todesrate durch Schusswaffen. Dabei sterben durchschnittlich 813 Menschen pro Jahr in Oklahoma durch Waffen. Während sich einige für strengere Waffengesetze aussprechen, möchten sich andere jedoch nicht dieses Rechts berauben lassen.
Es bleibt also ein ziemlich heikles Thema. Bereits in meinem ersten Monat hier in Oklahoma bin ich um einiges mehr damit in Kontakt gekommen, als ich dies in zwanzig Jahren im Suhrental war. Die Leute hier haben definitiv ein alltäglicheres und entspannteres Verhältnis zu Waffen, als ich es gewohnt bin. Vielleicht sollte ich mich auch ein Stück weit daran gewöhnen, schliesslich könnte ich bei meinem nächsten Walmart-Besuch einer echten Pistole anstelle eines Autoaufklebers begegnen!
Noemi Nater


