Wenn die «Gewässerpolizei» verschwindet
19.03.2026 Wynental, OberkulmVor der diesjährigen Generalversammlung des Natur- und Vogelschutzvereins stand ein öffentlicher Vortrag über Flusskrebse und die sogenannte Krebspest auf dem Programm. Der Anlass traf einen Nerv – denn derzeit ist die Wyna aufgrund eines bestätigten Ausbruchs ...
Vor der diesjährigen Generalversammlung des Natur- und Vogelschutzvereins stand ein öffentlicher Vortrag über Flusskrebse und die sogenannte Krebspest auf dem Programm. Der Anlass traf einen Nerv – denn derzeit ist die Wyna aufgrund eines bestätigten Ausbruchs der Krankheit zum Sperrgebiet erklärt worden. Das aktuelle und zugleich besorgniserregende Thema lockte Anfang März zahlreiche Interessierte in die Aula Oberkulm.
(Eing.) Zwei Fachpersonen führten das Publikum kurzweilig und kompetent durch die faszinierende Welt der nachtaktiven Flusskrebse. Dabei gelang es ihnen, wissenschaftliche Inhalte verständlich und lebendig zu vermitteln. Das Publikum wurde aktiv miteinbezogen: Aufstehen, blaue und gelbe Karten hochhalten – so wurden Meinungen, Vermutungen und Beobachtungen unterhaltsam abgefragt. Anschauungsmaterialien und Gerätschaften zum Ausprobieren machten den Vortrag besonders anschaulich. Nach dem Vortrag standen die Fachpersonen für Fragen bereit, und die Zuhörer konnten die Bedeutung der Tiere für das Ökosystem unmittelbar nachvollziehen.
Von der Fastenspeise zum bedrohten Gewässerbewohner
Zu Beginn spannten die Referierenden einen historischen Bogen: Bereits im Mittelalter galten Flusskrebse als beliebte Fastenspeise. An der Methode des nächtlichen Krebsfangs hat sich erstaunlich wenig geändert: Früher mit Fackeln, heute mit Taschenlampen wird nach den Tieren gesucht. Die Tiere besitzen ein hartes Exoskelett, das sie regelmässig abstreifen müssen, um zu wachsen. Nach jeder Häutung sind sie besonders verletzlich. Anders als oft gedacht, bewegen sie sich nicht seitwärts, sondern vorwärts und rückwärts. Ihre langen Antennen ermöglichen es ihnen, chemische Reize wahrzunehmen, Nahrung zu finden oder Gefahren zu erkennen.
Flusskrebse leben überwiegend am Gewässergrund und sind nachts aktiv. Als Allesfresser ernähren sie sich von Wasserpflanzen, Algen, kleinen Wassertieren und organischem Material. Damit erfüllen sie eine wichtige ökologische Funktion: Sie reinigen die Gewässer von abgestorbenen Pflanzenund Tierresten – daher auch die Bezeichnung «Gewässerpolizei» oder «Müllabfuhr der Flüsse».
Drei heimische Arten – und zahlreiche Bedrohungen
In der Schweiz kommen der Edelkrebs, Steinkrebs und Dohlenkrebs vor. Ihre Bestände sind stark zurückgegangen, unter anderem durch Gewässerverschmutzung, Zerstörung von Lebensräumen und invasive Arten. Besonders problematisch sind Signalkrebs, Kamberkrebs und der Rote Amerikanische Sumpfkrebs. Diese gebietsfremden Arten übertragen die Krebspest, sterben selbst jedoch nicht daran. Die Krankheit, verursacht durch die Zoospore Aphanomyces astaci, führt bei europäischen Flusskrebsen zu fast hundertprozentiger Mortalität innerhalb weniger Wochen. Die Sporen können direkt über andere Krebse oder indirekt über Wasser, Angelgeräte oder Tiere verbreitet werden. Für Menschen ist die Krankheit ungefährlich.
Hoffnung auf Wiederbesiedlung
Derzeit wurden im betroffenen Gewässer kaum noch lebende Krebse gefunden, und die Krebspest ist bestätigt. Hoffnung besteht nur, wenn sich in geschützten Zuläufen noch Tiere halten konnten. In solchen Fällen ist eine natürliche Wiederbesiedlung möglich. Gelingt die Übertragung durch gebietsfremde Krebse weiterhin, sind die einheimischen Arten praktisch chancenlos. Ab Mai ist ein erneutes Monitoring an der Wyna geplant, die Bevölkerung wird über Signaltafeln sensibilisiert und kann durch sorgsamen Umgang mit Gewässern helfen.
Rückblick und Ausblick des Naturschutzvereins
Im Anschluss an den Vortrag fand die jährliche Generalversammlung des Natur- und Vogelschutzvereins statt. Eine Fotoshow gab einen Rückblick auf das vergangene Jahr. Auch im Jahr 2026 sind wieder zahlreiche Veranstaltungen geplant: Neben dem traditionellen Bäumlipflanzen für die Allerjüngsten stehen in diesem Jahr Aktivitäten und Inhalte rund ums Wasser im Zentrum, darunter eine Amphibienexkursion und der Familientag am Weiher.
Nach dem Rücktritt von Lilo Lochmann aus dem Co-Präsidium führt nun Martina Müller den Verein neu als alleinige Präsidentin und wurde mit viel Applaus begrüsst. Zugleich dankten Vorstand und Mitglieder Lochmann herzlich für ihre langjährige Arbeit.
Den Abschluss des Abends bildete ein gemütliches Beisammensein bei Nussgipfel und Getränken – und viele Gespräche über Natur, Gewässer und den Schutz der heimischen Arten. Ein Thema, das in Oberkulm derzeit aktueller kaum sein könnte.


