«Der Mix weiblicher und männlicher Qualitäten»
05.03.2026 RegionGleichberechtigung ist gesellschaftlich noch nicht erreicht. Das könnte unter anderem an der von Männern dominierten Politik liegen. Zwei Redakteurinnen des Wynentaler Blattes wollten es genauer wissen. Ursula Friederich (Menziken), Hannelore Zingg-Hoffmann (Leimbach) und ...
Gleichberechtigung ist gesellschaftlich noch nicht erreicht. Das könnte unter anderem an der von Männern dominierten Politik liegen. Zwei Redakteurinnen des Wynentaler Blattes wollten es genauer wissen. Ursula Friederich (Menziken), Hannelore Zingg-Hoffmann (Leimbach) und Susanne Rölli-Lindenmann (Seengen), die ihren jeweiligen Gemeinden als Ammann vorstehen, sprechen über ihre Erfahrungen in der Politik.
Fangen wir mit einer Grundsatzfrage an: Warum engagieren Sie sich in der Lokalpolitik?
Hannelore Zingg-Hoffmann: Ich dachte eigentlich nicht an ein politisches Amt. Ich hatte erfahren, dass ein Platz in der Finanzkommission zu besetzen ist und fand, das könnte passen. In den Gemeinderat führte der Weg dann durch die Gespräche darum herum.
Susanne Rölli-Lindenmann: Dass ich eines Tages in den Gemeinderat will, wusste ich schon früh (sie schmunzelt bei der Erinnerung). Meine Eltern waren beide lokalpolitisch tätig. Bei uns wurde viel diskutiert und ich wusste, eines Tages möchte auch ich durch mein Engagement Seengen aktiv mitgestalten.
Ursula Friederich: Im Unterschied zu dir habe ich tatsächlich in der Finanzkommission angefangen (Sie lacht Hannelore Zingg-Hoffmann an). Dann entstanden Vakanzen im Gemeinderat. In der Zusammenarbeit mit der Fiko wurde nach Kandidaten gesucht und im Laufe des Gesprächs wurden dann plötzlich meine Fähigkeiten diskutiert.
Sie sprachen gerade alle vom Amt des Gemeinderates. Wie sind Sie Ammann geworden?
Hannelore Zingg-Hoffmann: Das war weniger ein Wunsch. Das hat sich aus der Situation ergeben. Janine Murer-Merz hatte schon länger geäussert, das Amt abgeben zu wollen. Meine zwei Kollegen sahen für sich selbst in Kombination mit ihrer Berufsauslastung keine Ressourcen mehr. Und sich direkt ins Amt des Ammanns wählen zu lassen kommt für die wenigsten in Frage. Also war mein Einsatz der nächste Schritt.
Susanne Rölli-Lindenmann: Als sich in Seengen die Frage stellte, wer Nachfolger oder Nachfolgerin von Jörg Bruder werden soll, habe ich gespürt, wie gross mein Respekt im Bezug auf das Amt ist. Es stand definitiv nicht auf meiner Bucket-List. Ich habe mich daher im Kreis der bisherigen Gemeinderäte und den neu Kandidierenden sehr dafür eingesetzt, einen Nachfolger für das Amt des Gemeindeammanns zu finden – ohne Erfolg. Am 1. August, kurz vor dem Anmeldetermin, hat dann mein Mann, der natürlich den ganzen Prozess miterlebt hat, zu mir gesagt: «Susanne ich denke, jetzt ist es Zeit für deine Anmeldung.» Als ich mich endgültig entschlossen hatte, tat ich dies mit einigem Herzklopfen.
Ursula Friederich: In meinem Fall spielten zwei Faktoren eine Rolle. Zum einen hat das Ergebnis der Gesamterneuerungswahlen mich in meinem Wirken bestätigt. Zum anderen wollte ich, dass die Bevölkerung auch im zweiten Wahlgang zum Ammann nicht nur einen Kandidaten hat, sondern wirklich nach ihren Bedürfnissen unterscheiden kann. Mir war es wichtig, dass sie tatsächlich eine Wahl haben, aber bis zur Entscheidung gab es schon ein paar schlaflose Nächte. Ich habe das Amt nicht gesucht.
Lässt sich zusammenfassen, welche Aufgaben des Amtes Sie im Vorfeld am meisten beschäftigt haben?
Ursula Friederich: Ich stehe nicht so gerne auf der Bühne oder halte Reden. (Susanne Rölli-Lindenmann und Hannelore Zingg-Hoffmann nicken)
Hannelore Zingg-Hoffmann: Vor einer Gemeindeversammlung zu stehen und die Hintergründe eines Geschäftes zu kommunizieren, von dem man weiss, dass es Emotionen auslösen wird, ist nicht einfach. Aktuelles Beispiel ist die Fusionsabklärung mit Reinach. Manche Voten an der Gemeindeversammlung im Dezember sind mir schon nahe gegangen.
Ursula Friederich: Das braucht eine dicke Haut.
Hannelore Zingg-Hoffmann: Und die habe ich nicht.
Susanne Rölli-Lindenmann: Die persönliche Betroffenheit der Menschen von den Fakten eines Geschäftes in der eigenen Wahrnehmung zu trennen – davor habe ich Respekt.
Ursula Friederich: Auch vor der Pressearbeit habe ich Respekt. Ich kenne Geschichte und Hintergründe «meiner» Geschäfte. Aber wenn jemand anders versucht, die Vorgänge zusammenzufassen, bieten mögliche Lücken Raum für Fehlinterpretationen.
Gehen Männer mit diesen Herausforderungen anders um?
Hannelore Zingg-Hoffmann: Ja, das denke ich schon. Sie hinterfragen sich nicht auf dieselbe Weise. Sie präsentieren auch eigene Überzeugungen als Fakten. Ich denke, wir Frauen haben die Tendenz uns zu rechtfertigen, wenn eine Angelegenheit dem Gegenüber nicht behagt.
Susanne Rölli-Lindenmann: Könnte das an der Empathie liegen? Wir betrachten viele Situationen anders.
Ursula Friederich: Genau darum ist es wichtig, dass Gremien gemischt sind unabhängig von spezifischen Eigenschaften. Manchmal haben Frauen andere Argumente oder Blickwinkel als die Männer. Das Beste ist der Mix männlicher und weiblicher Qualitäten. Dies bringt eine Vielfalt in eine Diskussion.
Susanne Rölli-Lindenmann: Ein Mix für die Sache. Dabei ist mir aber aufgefallen, dass Frauen zögerlicher sind, sich als Gemeinderat zur Verfügung zu stellen.
Was braucht es auf dem Weg dahin? Beziehungsweise warum sind wir nicht längst dort?
Ursula Friederich: Die Strukturen sind patriarchisch. Ein Beispiel sind die Ressorts eines Gemeinderates und deren Verteilung. Gesundheit und Soziales obliegen meist den Frauen.
Hannelore Zingg-Hoffmann: (wirft ein) Was seine Richtigkeit hat, weil da Einfühlungsvermögen gebraucht wird.
Susanne Rölli-Lindenmann: Dafür sind Männer oftmals bei sozialen Themen eher zurückhaltend.
Ursula Friederich: Bis man sie mit den dazugehörigen Fakten konfrontiert. Bis man sich direkt mit ihnen zusammensetzt und beispielsweise die Funktionen eines Sozialdienstes erklärt. Dann wächst das Verständnis und sie setzen sich auch für das Thema ein.
Welches Potenzial für die Gleichberechtigung in der Politik könnten Frauen stärker nutzen?
Ursula Friederich: Frauen könnten einander auf dem Weg zu einem Amt stärker ermutigen. Statt über mögliche Wissenslücken zu sprechen, die übrigens jeder hat, sollten sie sich untereinander klar machen, was sie alles zu bieten haben.
Susanne Rölli-Lindenmann: (nickt) Frauen sollten bei Wahlen weibliche Kandidatinnen genauso auf dem Schirm haben wie männliche. Denn weil Frauen sich ungern selbst ins Zentrum stellen, gehen sie eher vergessen.
Hannelore Zingg-Hoffmann: Auch wenn sie im Amt sind, den Austausch untereinander pflegen.
Susanne Rölli-Lindenmann: Genau, einfach jenseits von Repräsentationspflichten in einer Umgebung, wo es kein falsch und richtig geben kann.
Hatten Sie auf Ihrem Weg Vorbilder? Oder können Sie sich vorstellen, selbst für jemanden ein Vorbild zu sein?
Susanne Rölli-Lindenmann: Schwierige Frage. Ich war niemals Fan von jemandem. Wenn dann gab es vielleicht situationsbezogen prägende Persönlichkeiten. Mich selbst würde ich nicht als Vorbild bezeichnen. Aber selbstverständlich versuche ich als «Buebemuetter» meinen Söhnen mitzugeben, dass es Frauen zu achten gilt. Und ich möchte ihnen die Offenheit vermitteln, Frauen nie auf eine Rolle zu begrenzen. Mit Respekt und Anstand ist vieles möglich.
Hannelore Zingg-Hoffmann: Politisch gesehen fällt mir Susanne Hochuli ein. Aber mich selbst würde ich nicht über andere erheben wollen. Mein Weg passt für mich, es ist aber nicht der einzig richtige. Ausserdem gilt in einem Gemeinderat das Kollegialitätsprinzip. Man fällt gemeinsam Entscheidungen und trägt sie zusammen.
Ursula Friederich: Ich habe keine Vorbilder im klassischen Sinne und würde mich selbst nicht als ein solches bezeichnen. Ich bin einfach jemand, der etwas zurückgeben möchte.
Susanne Rölli-Lindenmann: (nickt) Genau. Bürgerinnen und Bürger sollen sich darauf verlassen können, dass man mit gutem Willen etwas für die Gemeinschaft tun möchte.
Hannelore Zingg-Hoffmann: (nickt ebenfalls) Dem ist nichts hinzuzufügen.
Graziella Jämsä Melanie Köchli
Kommentar
Gemäss den Aargauer Zahlen 2025 wohnen im Kanton Aargau 735’735 Personen. 364’735 dieser Personen sind Frauen, das entspricht einem Anteil von 49,59 Prozent. Rund die Hälfte der Aargauer Bevölkerung ist also weiblich, doch wie sieht es in der Politik aus?
Beim Regierungsrat, der leitenden und obersten Behörde des Kantons, ist mit Martina Bircher eine Frau vertreten. Bei einer Mitgliederanzahl von fünf entspricht dies 20 Prozent. Betrachtet man den Grossen Rat, dann sind von den 140 Mitgliedern aktuell 42 weiblich. Das ist ein Anteil von genau 30 Prozent. Somit fehlen in der kantonalen Legislative nicht ganz 28 Frauen um den weiblichen Bevölkerungsanteil korrekt zu repräsentieren.
Begibt man sich auf die Ebene der Lokalpolitik, schwankt der Frauenanteil in den Gemeinderäten je nach Gemeinde stark. Es gibt solche, in denen mehrheitlich Frauen im Rat sitzen und solche, in denen sich keine einzige Frau finden lässt. Die Region des Wynentaler Blatts umfasst 37 Gemeinden. Das ergibt im Gesamten 185 Gemeinderäte. Betrachtet man diese 37 Gemeinden, so zeigt sich ein ähnliches Bild wie in der kantonalen Politik: 30,27 Prozent der Sitze sind von Frauen belegt, das sind konkret 56 der 185 Räte. An der Spitze dieser Gremien finden sich ähnliche Zahlen: 11 Frauen sind Ammann (29,73 Prozent) und 10 Frauen engagieren sich als Vizeammann (27,03 Prozent). Interessant ist, dass in keiner der 37 Gemeinden der Ammann und der Vizeammann weiblich ist. In 16 Gemeinden sind jedoch beide Ämter von Männern besetzt.
Stellt sich nun also die Frage: Wo sind die restlichen 20 Prozent der Frauen in der Politik? Und was kann unternommen werden, damit sich Frauen mehr für die Politik auf allen Ebenen einbringen? Ein wichtiger Schritt ist sicher das Engagement von Frauen wie Ursula Friederich, Hannelore Zingg-Hoffmann und Susanne Rölli-Lindenmann, denn auch wenn sie sich nicht als Vorbilder sehen, Beispiele sind sie allemal.
Melanie Köchli




