Weltrekord auf 3,4 Quadratmetern
19.02.2026 Suhren-/Rueder-/Uerkental, OberentfeldenIn der Alten Bürsti, dem ehemaligen Industrieareal der alten Walther Bürstenfabrik, trifft man auf eine bunte Vielfalt aus Kunst- und Kulturschaffenden, Handwerksbetrieben und Dienstleistungsunternehmen. Seit vergangener Woche verfügt die Bürsti mit «The Nut Sack ...
In der Alten Bürsti, dem ehemaligen Industrieareal der alten Walther Bürstenfabrik, trifft man auf eine bunte Vielfalt aus Kunst- und Kulturschaffenden, Handwerksbetrieben und Dienstleistungsunternehmen. Seit vergangener Woche verfügt die Bürsti mit «The Nut Sack Bar» gar über eine weltrekordzertifizierte Attraktion.
Wer an der unscheinbaren Fassade von Gebäude A vorbeiläuft, ahnt nicht, dass sich hier drin ein offiziell zertifiziertes Weltrekord-Lokal verbirgt. Die Grundfläche der «Nut Sack Bar» misst gerade einmal 3,4 Quadratmeter – weniger als eine Tischtennis-Platte – und darf sich seit Kurzem offiziell als kleinste Bar der Welt bezeichnen. Verliehen wurde das Zertifikat vergangene Woche von der Organisation Official World Records. Das Dokument hängt bereits gerahmt neben der Tür im Innenraum.
Eröffnet wurde die Bar am 8. Februar 2025 mit einer inoffiziellen Feier – inklusive Liveband. Drei Musiker quetschten sich in den winzigen Raum, der Bassist stand hinten in der Ecke eines winzigen Separees, das mit einer Fläche eines knappen Quadratmeters, aber nur etwa halber Raumhöhe nicht zugerechnet wird. Das Schlagzeug wurde eigens in einer Mini-Version aufgebaut. «Ich hatte der Band vorher ein 3-D-Modell der gesamten Bar geschickt, damit sie das Set anpassen konnten», erzählt Mitinitiant Michael Klauser lachend. Es sei laut gewesen, aber grossartig.
Vom ungenutzten Kämmerchen zur Rekordbar
Die Idee entstand aus einer Mischung aus Tatendrang und Zufall. Klauser, der nebenan die Blue Yeti Studios betreibt und Dienstleistungen im Bereich Video, Foto, Grafik und Web anbietet, lief immer wieder an dem kleinen Raum vorbei. «Irgendwann dachte ich: Jetzt musst du etwas daraus machen.» Er erzählte seinem Kumpel Luc Pfeiffer, der im selben Gebäude ein Lernatelier führt, von seiner Idee. Pfeiffers unerwartete Reaktion: «Klar, bin dabei», war der Startschuss. Klauser entwickelte ein Konzept. Der Vorstand des Areals gab grünes Licht – freie Hand für das Projekt.
Klauser und Pfeiffer gründeten einen Verein, um das Vorhaben offiziell aufzustellen. «Wir wollten das sauber machen, nicht als Einzelaktion.» Vieles entstand in Eigenarbeit. Alte, dunkle Holzbretter aus einem Haus aus den 1930er-Jahren, ersteigert im Berner Oberland, bilden heute Wände und Theke. Unterschiedliche Breiten der Bretter erzählen von ihrer Herkunft. Möbel und Dekoration stammen aus Brockis, von Ricardo oder aus aufgelösten Schulzimmern. Ein altes Lehrbild aus den 1960er-Jahren hätte entsorgt werden sollen – nun ziert es eine Wand der Bar.
Die Gestaltung folgt einem klaren Konzept: britisch-irisches Pub-Flair im Miniaturformat. Der Name «Nut Sack» spielt augenzwinkernd mit dem Eichhörnchen – dem Maskottchen der Bar – und der englischen Pub-Kultur. Klauser pflegt seit Jahren eine enge Beziehung zu Irland, reist regelmässig dorthin und sammelt Antiquitäten. In Kilkenny fand er bei einem Trödler originale Guinness-Merchandise aus den 1950er- und 60er-Jahren – Spiegel, Krüge, Schilder. «Der wusste ganz genau, was seine Stücke wert sind», sagt Klauser. Die Stücke fanden dennoch den Weg nach Oberentfelden.
Brandschutz, Akkus und ein Neun-Liter-Fässchen
3,4 Quadratmeter – das klingt nach einem Scherz, ist aber präzise vermessen. Die Fläche wurde inklusive Bar berechnet, jedoch ohne Bereiche, in denen man nicht stehen kann. Türen mussten nach innen öffnen, um draussen im Gang den Fluchtweg nicht zu verengen. Auch der Bodenbelag wurde millimetergenau geplant, um innerhalb der brandschutzrechtlichen Vorgaben zu bleiben.
Technisch ist die Bar minimalistisch: keine Steckdosen, keine feste Installation. Licht und Geräte laufen über Akkus. Gekühlt werden die Getränke extern im Studio nebenan, ausgeschenkt wird aus einem Neun-Liter-Fässchen. Das Konzept ist so einfach wie konsequent. Zum Ausschank von Spirituosen fehlt den beiden Barbetreibern das Wirtepatent. «Wir hätten gerne zwei Whiskys angeboten, doch die Behörden bestanden auf die dafür nötigen Atteste.» So stehen halt jetzt einfach zwei Whisky-Flaschen als Deko in der Bar – gefüllt mit einigen Dezilitern Icetea.
Guinness? Zu teuer
Für den Weltrekord meldeten sich die Betreiber zunächst bei Guinness World Records. Die Antwort: rund 12’000 Pfund Grundgebühr «Wir fanden schon diese Grundgebühr etwas übertrieben», sagt Klauser trocken. Schliesslich landeten sie bei Official World Records, einer spanischen Rekord-Organisation. Nach Verhandlungen kostete die Zertifizierung hier nur noch einen Bruchteil von Guinness – bezahlt innert drei Tagen. «Jetzt sind wir einfach glücklich, dass wir das Zertifikat haben.» Vielleicht nehme man irgendwann doch noch einen Anlauf bei Guinness, «wenn wir Lust haben».
Maximal 15 Gäste – wenn man sich mag
Offiziell zugelassen sind rund zehn Personen gleichzeitig, mit gutem Willen finden bis zu 15 Platz. «Wenn man sich gern hat, geht das», meint Klauser augenzwinkernd. Es gibt keine offiziellen Öffnungszeiten. Offen sei die Bar nach Vereinbarung oder in der Regel bei Events im benachbarten Konzertlokal «Böröm pöm pöm». Dann schauen Gäste gerne auf ein schnelles Bier vorbei – oder stellen fest, dass es bereits zu voll ist. Michael Klauser freut sich bereits aufs kommende Wochenende mit der Triple Headliner Show am Samstag im «Böröm».
Die Wände sind mit Bierdeckeln tapeziert, auf denen sich Gäste verewigen. Sogar internationale Bands haben hier schon ihre Spuren hinterlassen, darunter Musiker von «The Midnight Ghost Train», die nach einem Auftritt in der Region spontan vorbeikamen.
Partnerschaft bis nach Hanoi
Die Mini-Bar in Oberentfelden hat inzwischen sogar eine internationale Schwester: In Hanoi besteht eine Partnerschaft mit «Leo’s Tavern». Klauser war geschäftlich in Vietnam, entdeckte dort eine kleine Bar – und schlug eine Partnerschaft vor, angelehnt an das Konzept von Partnergemeinden. Beide Lokale führen nun symbolisch ein identisches Brett als Zeichen der Verbindung.
Mehr als ein Rekord
Was als spontane Idee begann, ist heute Weltrekord, Quartiertreff und Liebhaberprojekt zugleich. Dass die Bar nie so «gross» werden wird, um davon leben zu können, ist den beiden Betreibern bewusst. Die 3,4 Quadratmeter sind das Resultat von Sammelleidenschaft, Improvisation, Spass und viel Herzblut. Oder wie es Klauser sagt: «Wenn ich eine Idee habe, muss sie passieren.» Und wer ihm zuhört, merkt bald, dass «The Nut Sack Bar» wohl nicht seine letzte Idee war. Infos unter thenutsack.ch.
Roland Marti



