Mit Mensch und Tier auf Augenhöhe
26.02.2026 Michelsamt, Beromünster«Mit Leib und Seele bin ich Tierarzt. Den Kontakt mit Menschen und ihren Haustieren schätze ich sehr», sagt Veterinär Raphael Küng (46). Seit 2014 leitet er die Kleintierpraxis Dr. Küng AG in Beromünster. Wir begleiten ihn einen Vormittag lang bei seiner ...
«Mit Leib und Seele bin ich Tierarzt. Den Kontakt mit Menschen und ihren Haustieren schätze ich sehr», sagt Veterinär Raphael Küng (46). Seit 2014 leitet er die Kleintierpraxis Dr. Küng AG in Beromünster. Wir begleiten ihn einen Vormittag lang bei seiner anspruchsvollen Arbeit.
Einem Hundeblick kann man nicht widerstehen. Auch Therrys hochgezogene Augenbrauen verpassen ihre Wirkung in der Kleintierpraxis nicht. Etwas unsicher auf den Beinen wartet er der Dinge, die da kommen werden. Die aufmunternden Worte seiner Halterin beruhigen den zweijährigen wuscheligen kleinen Rüden. Auf dem Behandlungstisch geniesst er die Streicheleinheiten. Die emotionale Bindung zu seiner Besitzerin ist gross. Einfühlsam nimmt Tierarzt Raphael Küng die Untersuchung vor. Denn bald steht mit der operativen Kastration unter Vollnarkose ein einschneidender Moment im Leben des 8,8 Kilogramm schweren Rüden bevor.
René Fuchs
Häufig spielen bei einer Kastration weitreichendere Faktoren eine Rolle als die Unfruchtbarkeit. Kastrierte Rüden sind meistens weniger aggressiv gegenüber männlichen Artgenossen, markieren und streunen weniger. Auch der Ausfluss eines gelblich-weissen Drüsensekrets (Präputialkatarrh), das viele Hundebesitzer vor grosse hygienische Probleme stellt, ist danach kein Thema mehr. Aber eine Kastration kann nie ein Ersatz für eine gute Erziehung sein.
«Die Kastration von Hunden sollte nach dem Abschluss ihrer Pubertät erfolgen», berichtet Raphael Küng aus seiner langjährigen Erfahrung. «Die Hormone können dem Hund Selbstsicherheit geben und einer Ängstlichkeit, z.B. bei Gewitter, entgegenwirken. Mit ca. anderthalb Jahre ist diese emotionale Reifung praktisch abgeschlossen.» Dazu hat die Kastration in diesem Alter kaum mehr einen Einfluss auf die Wachstumsfugen der Knochen. Zu früh kastrierte Tiere wachsen länger, werden grösser und somit schwerer, was einen negativen Einfluss auf ihre Gelenke hat.
Die ärztliche Beratung vor einem Eingriff ist wie jetzt zentral. Mit einem Merkblatt zeigt der Tierarzt die nötigen Schritte und Auflagen nach der Routine-Operation auf. Derweil hat Therry bereits ein Beruhigungsmittel erhalten und beginnt zu dösen. Liebevoll krault ihn seine Besitzerin zum Abschied. Drei Stunden später wird sie ihn wieder abholen. Im Operationszimmer nebenan liegen alle Instrumente bereit. Trix Bättig, Tiermedizinische Praxisassistentin, rasiert, säubert und desinfiziert den Operationsbereich des Tieres. Therry liegt ausgestreckt auf dem Operationstisch, durch eine Maske atmet er Narkosegas ein. Tierarzt Küng nimmt mit dem Skalpell einen kleinen Hautschnitt leicht seitlich vor dem Hodensack vor. Danach werden die Samenleiter und Gefässe abgebunden und die Hoden entfernt. Alles geht reibungslos. Anschliessend wird die Schnittwunde mit resorbierbaren Fäden in zwei Schichten feinsäuberlich vernäht. Zehn Tage später wird die Naht zugewachsen sein. Vom Operationstisch losgebunden, ruht Therry bald darauf unter einer Wärmelampe im Aufwachraum.
Hund, Katze oder doch Gecko?
Seit 2014 führt Raphael Küng die Kleintierpraxis Dr. S. Küng AG seines Vaters mit Leib und Seele in Beromünster weiter. Als Kind hatte er ihn oftmals bei seinen Einsätzen auf Bauernhöfen begleitet. 1999 – 2004 studierte er Veterinärmedizin an der Universität Bern und dissertierte zu neurologischen Erkrankungen von Hunden. Besonders lehrreich waren die anschliessenden Praktika im Kleintierspital Bern auf den Abteilungen Chirurgie, Innere Medizin, Radiologie, Notfallmedizin und Anästhesie. Nach erfahrungsreichen Assistenzjahren in Burgdorf und Herzogenbuchsee teilte er ab 2008 die Arbeit mit seinem Vater in «Möischter». Nach dessen Pensionierung übernahm er die Praxis mit einem grossen Kundenkreis. 2019 durfte er mit seinem Team in moderne Räumlichkeiten am Landhusweg 2 umziehen. Auch mit neuen Diagnostikmöglichkeiten wie Blutlaborauswertungen oder dem digitalen Röntgen. Die umfassende Grundversorgung mit einer persönlichen Betreuung liegt Raphael Küng sehr am Herzen. Zwei Drittel der ärztlich versorgten Tiere sind Katzen und um die dreissig Prozent Hunde. Dann folgen Meerschweinchen, Kaninchen bis zu Exoten wie Geckos oder einem Madagaskar-Riesenchamäleon.
Ebony, eine zehnjährige Katze, schwarz wie Ebenholz, ist die nächste Patientin. Laut Besitzerin könnte sie unter einer Futterallergie leiden. Tierarzt Küng steht beratend zur Seite. Auch ist die Impfung gegen die Katzenseuche und Leukose angesagt. Eine unheilbare Virusinfektion, die das Immunsystem von Katzen schwächt und tödlich verlaufen kann. Ebony lässt sich ohne Widerstand immunisieren. Mit ihren schlitzförmigen Pupillen mustert sie uns. Zurück im Transportkäfig ist ihr bedeutend wohler.
Um die 1,5 bis 2 Millionen Katzen werden in der Schweiz gehalten, rund 560’000 Hunde sind es. Die Haltung von Haustieren hat seit der Pandemiezeit zugenommen. Stark im Trend sind kleine Hunderassen wie Bolonka-Zwetna, Möpse, Chihuahua und Yorkshire Terrier. «Doch die Entscheidung, sich einen Hund anzuschaffen, sollte gut durchdacht und vorbereitet sein», hält Raphael Küng klar fest. «Viele Online-Angebote sind nicht seriös.» Hunde mit unklarer Herkunft könnten traumatisiert und schlecht sozialisiert sein, gibt er zu bedenken. Auch unter dem Deckmantel des Tierschutzes gäbe es skrupellose Hundehändler. Sorgen bereitet dem Tierarzt die Leishmaniose, eine durch Sandmücken übertragene Infektionskrankheit, die im Mittelmeerraum auf dem Vormarsch ist.
Umso sorgenfreier ist die nächste Hundehalterin im Behandlungszimmer. Ihre zehnjährige Labradordame Miri hat trotz Befürchtung keine Warzen, sondern übermässige Verhornungen an den Pfoten. Eine Fettsalbe wird dagegen helfen. Die Reporterfrage, ob die Redensart «So wie der Meister, der Hund» stimmt, bejaht der Veterinär mit einem Schmunzeln: «Wenn die Besitzer zu viel Gewicht auf ihren Rippen haben, ist es bei ihren Haustieren oftmals ebenso.» Charaktermässig gäbe es auch gewisse Gemeinsamkeiten …
Eine Lebensschule
«Die Lebensdauer der Haustiere hat in den letzten zwanzig Jahren durchschnittlich um ein bis zwei Jahre zugenommen», sagt Raphael Küng. Einerseits spielten dabei die ärztliche Versorgung und andererseits die gute Haltung eine Rolle. Auch seien die Tierhalter mehr bereit, grössere chirurgische Eingriffe mit einem Kostenrahmen von 2000 bis 3000 Franken zu finanzieren. Haustiere seien oft ein Teil der Familie. «Zum Glück ist das Gros der Landbevölkerung aber bodenständig geblieben», hält der Tierarzt fest. Eine Vermenschlichung sei selten. Emotional bleibe aber so oder so der Abschied für immer. «Für mich ist es wichtig, die Objektivität zu wahren und die Halter in ihrem Entscheid zu bestärken, das Tier von seinem Leiden zu erlösen», sagt Raphael Küng. Wichtig sei es für ihn, dass die Menschen dabei sein können, wenn ihr Haustier ruhig einschläft und sterben kann. Gerade für Kinder sei es auch eine Lebensschule. «Denn oftmals kommen sie dabei erstmals mit dem Tod in Kontakt und lernen mit ihm umzugehen», hält der vierfache Familienvater fest.
Davon ist der nächste Patient, der stämmige Labrador Retriever-Rüde Buddy mit zwei Jahren altersmässig noch weit entfernt. Er strotzt vor Lebensfreude und Kraft. Einzig eine kleine Entzündung mit Juckreiz an einer Pfote macht ihm zu schaffen. Hundebiskuits schaffen schnell eine Vertrautheit zum Tierarzt. Ein Medikament soll in den nächsten Tagen für Abhilfe schaffen. Im Notfall kann eine Halskrause dem Lecken der Wunde vorbeugen. Denn das Maul eines Hundes ist nicht steril und kann somit Infektionen begünstigen.
Kaum hat Buddy mit seiner Meisterin das Behandlungszimmer verlassen, bellt ihm Therry aus dem Aufwachraum zu. Ein gutes Zeichen. Nora Grüter, die eben eingetroffen ist, strahlt. Ihr Hund hat die Operation mitsamt der Vollnarkose bestens überstanden. Auf Anraten des Tierarztes gilt es nun für ihn die Futtermenge um 10 – 20 Prozent zu reduzieren. Denn ein gesteigerter Appetit mit einer verminderten Aktivität nach der Kastration trägt zum unerwünschten Übergewicht bei.
Haustiere gehören zu den besten Gefährten in unserem Leben. Sie lehren uns Verantwortung zu tragen, Mitgefühl zu entwickeln und die Wichtigkeit, im Hier und Jetzt zu leben. Sie spenden Trost, wenn wir ihn am meisten brauchen und teilen glückliche Momente mit uns. Wie jetzt auf dem Abschlussfoto mit Hundehalterin Nora Grüter, Tierarzt Raphael Küng und dem wieder munteren Therry, der nach Hause möchte.






