Der Seebär und Eiskenner vom Hallwilersee
12.02.2026 Seetal, Beinwil am SeeLebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ...
Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Ursus Merz (84) aus Beinwil am See, Bootsbaumeister und Seebär.
Im Kriegsjahr 1941 ist Ursus Merz im Spital Menziken zur Welt gekommen. Die Anbauschlacht, Rationierungsmarken und die Verdunkelung prägten damals das Alltagsleben der Menschen. Vater Hermann verdiente seinen Lohn je hälftig als Zigarrenarbeiter und als Berufsfischer auf dem Baldegger- und Hallwilersee. «Meine Mutter war eine treue Seele», sagt der Ur-Böjuer wertschätzend. «Neben der Fabrikarbeit als Ausripperin spazierte sie sehr gerne mit mir von der Steinismatt aus dem Seeufer entlang.» Obwohl sich Ursus Merz als Einzelkind oft am Hallwilersee herumtrieb, scheute er das Wasser. «Ich hatte Angst, wenn mich mein Vater bei windigen Verhältnissen auf dem Ruderboot mitnahm», berichtet er lebhaft in seinem Büro, das voller Erinnerungsstücken aus den Nähten platzt. Oft sei er in Mosen deshalb ausgestiegen und durch den Wald nach Hause gerannt. Schwimmen lernte er erst nach und nach. Ein aufgepumpter Autoschlauch diente vorerst als Schwimmhilfe.
René Fuchs
Pilot zu werden, war in der Böjuer Primarschulzeit ein erster Berufswunsch. Flugpionier Kurt Hübscher aus Fahrwangen war eines seiner Idole. Der Bau von Drachen, kleinen Heissluftballonen und Modellfliegern liess den Traum vom Fliegen wenigstens vom Boden aus aufkommen, vor allem ab der Reinacher Bezirksschulzeit. «Mit Inbrunst setzte ich die gekauften Pläne von Modellflugzeugen mit Sperrholz und dünnen Leisten um», sagt er mit einem Leuchten in den Augen. Weite Flüge ab dem Homberg zeichneten die jugendlichen Modellbauer aus. So auch alt Bundesrat Kaspar Villiger, der die gleiche Passion mit ihm teilte.
Unvergessen bleibt Ursus Merz während der Bezirksschulzeit die zweitägige Schulreise auf den Säntis. Die spektakuläre Wandertour über den ausgesetzten Lisengrat hatte es in sich. Weiche Knie inbegriffen. Ebenso mancher Streich, der den Schulalltag auflockerte. So auch, wenn die Jungs verbotenerweise im Handfertigkeitszimmer die Fenster öffneten und kleine Holzstücke auf die laufende Fräse fallen liessen. Mit einem «Affenzahn» spickten die Geschosse unkontrolliert auf den Schulhausplatz.
15 Franken als Monatslohn
Nach dem Schulabschluss schnupperte er vorerst als Handlanger in der Schreinerei Florian Weber in Menziken, bis er 1956 die Lehre als Modellschreiner in der Firma Paul Lüthi AG in Gontenschwil begann. 15 Franken betrug der Anfangslohn pro Monat. 45 Franken waren es im letzten der vier Lehrjahre. Die Umsetzung der verschiedenen Modelle und Prototypen aus Holz für die Maschinenindustrie gefiel dem jungen Böjuer. Exaktes Arbeiten war er schon von der Modellfliegerei her gewohnt. Dass er aber auf seinem Arbeitsweg mit dem Velo nach Gontenschwil den Schulweg von Rosmarie Meier nach Reinach kreuzte, blieb Jahre später nicht ohne Folgen.
Mit dem Segelvirus steckte ihn ein Schulkamerad während der Lehre an. Als 16-Jähriger war er von der Idee besessen, ein eigenes Segelboot zu bauen. Zusammen mit seinem Freund Fritz Hintermann verbrachte er nach dem Kauf der Schiffspläne von Leopold Zeiller jede freie Minute auf einer nahen Heubühne. Der karge Lehrlingslohn reichte nicht. Seine Mutter schenkte ihm 800 Franken für das benötigte Mahagoniholz. Drei Jahre intensivster Freizeitarbeit war angesagt, bis das Boot seereif war. «Skagerrak» wurde die 15 m² Rennjolle getauft. Bereits bei der ersten Blauband-Regatta segelten die beiden jungen Bootsbauer bei Starkwind auf den dritten Platz. Grosses Staunen löste es bei den erfahrenen Seglern aus.
Beruflich war Ursus Merz als Modellschreiner gefragt. Es folgten Arbeitsjahre in Rupperswil und dann wieder im ehemaligen Lehrbetrieb in Gontenschwil. 1969 heiratete er seine Rosmarie, der er auf seinem Arbeitsweg in der Lehre immer wieder begegnet war. Ein Turnerabend sorgte dann für die erhoffte Nähe. 1978 bis 1982 wurden dem Paar zur grossen Freude die drei Buben Richard, Manfred und Martin geschenkt.
Segelabenteuer bei Wind und Wetter
Bereits 1974 hatte Ursus Merz die Segelschule Hallwilersee gegründet. Der Konkurrenzkampf zum Segelclub war gross. So, dass er zuerst in Mosen auf dem Campingplatz seine Schule einrichtete. In einer Werft in Spiez hatte der Böjuer Seebär auch das nötige Wissen als Bootsbauer geholt. 1975 wurde er selbstständig und richtete 1978 seine vergrösserte Bootswerft beim Elternhaus an der Seehaldenstrasse ein. Oft arbeitete er von früh bis spätabends. Flicken, Polieren und Malen gehörten dazu, wie auch der Bau bestellter Yachten. Ein Knochenjob, der viel Selbstdisziplin verlangte.
Am Wochenende standen auch Regatten auf dem Programm. Denn seine Kundschaft musste er überzeugen können, dass seine Schiffe zu den schnellsten gehörten. Nicht auf den Mund gefallen, amtete er auch als grimmig dreinblickender Neptun mit einem Dreizack bei Schiffstaufen. Um die 200 Segelschülerinnen und -schüler hat er ausgebildet. 1985 erhielt er den Titel als Bootsbaumeister und hatte in der Folge fünf Lernende.
Unvergessen bleiben all die Segelabenteuer auch auf dem Mittelmeer und Atlantik, aber besonders auf dem Hallwilersee, seiner sprichwörtlich «vergrösserten Stube». Wind und Wetter machen ihm nichts aus. Dazu gehörte auch mal, dass ein Schiff zur Seite kippte. Doch als eine Seglerin beim unkontrollierten Halsen vom Baum getroffen und ohnmächtig geworden war, ahnte er Böses. Doch das Glück blieb allen hold. Zurück am Ufer erholte sich die arg gebeutelte Seglerin. «Aus Erfahrung wird man klug», sagte sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht.
«Solangs chroset, passiert nüt»
«Seebuben gibt es heute kaum mehr», hält Ursus Merz pointiert fest. Und wahre Eiskenner wie er sind seltene Originale. Früher war das noch ganz anders: Sobald der See stellenweise zugefroren war, traf man sich zur Beratung. «Wer als Erster das Eis betrat und einen Zeugen hatte, durfte sich mit einem Foto verewigen. Löcher im Eis wurden mit Ästen markiert», erzählt der Ur-Böjuer. «Man muss das Eis lesen können, «solangs chroset, passiert nüt», sagt er erfahrungsreich. Doch die eisreichen Zeiten der 50er- und 60er- Jahre sind längstens vorbei. Dann, als er seinem Vater half, die Schiffshütten in der Steinismatt vom Eis zu befreien. «Mit einer zwei Meter langen Säge haben wir Kanäle herausgeschnitten und mit einer schweren Axt in Stücke geschlagen», erinnert er sich. «Die Eisblöcke wurden darauf unter die Eisfläche gedrückt».
Die letzte grosse «Seegfrörni» fand 1986 statt. Ob es wieder einmal so weit kommen wird, bezweifeln aber die Meteorologen. Denn es braucht für einen gefrorenen Hallwilersee insgesamt um die 300 Minusgrade. Während dreissig Tagen müsste konstant eine Temperatur von minus zehn Grad herrschen und erst noch bei windarmen Verhältnissen.
Eine intakte Uferlandschaft ist für Ursus Merz zentral. Sorgen bereiten ihm die grosse Bautätigkeit und die überhandnehmende touristische Nutzung der Visitenstube des Aargaus. Und dass der Segelsport in den letzten 15 Jahren stark an Attraktivität verloren hat, lässt den Seebären nicht kalt. «Die Leute kaufen wohlstandsbedingt immer teurere Schiffe mit Motor», stellt er fest. In seinem Segelshop mit über 3000 Artikeln finden sich nur noch selten Kunden ein. Das ist der Lauf der Geschichte…
Gesundheitlich angeschlagen blickt er mit wachen Augen von seinem Haus mit einer unverbauten Sicht über den See. «Ich sehe immer etwas Neues», sagt er mit einem Schmunzeln. In seinen kleinen Bildergeschichten vom Hallwilersee hat er Naturschönheiten, Erlebnisse und Biografien festgehalten. Hunderte von Bildern ob schwarzweiss, farbig oder vergilbt zieren sein Büro. Pokale von gewonnenen Regatten haben sich angesammelt, Zeitungsartikel kleben an der Wand und Bilder der sechs Enkelkinder erfreuen den 84-Jährigen. – Ein Seebär, der von all seinen Abenteuern träumt und den Hallwilersee als Lebenselixier im Blickfeld hat.






