«Bogenschiessen mit Bauch, Herz und Kopf»

  05.02.2026 Suhren-/Rueder-/Uerkental, Uerkheim

Mein nächster Besuch für die Blickwechsel-Serie ist beim Bogenklub Suhrental. Ich mache mich am Mittwochabend erwartungsvoll auf den Weg zur Trainingshalle in Uerkheim. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einem Bogen schiesse, dennoch weiss ich nicht allzu viel über den Sport und freue mich, mehr erfahren zu dürfen.

Als ich in Uerkheim ankomme, wartet bereits der Präsident des Bogenclubs Suhrental, Christian Rein auf mich. Die Halle, in der die Bogenschützen trainieren, befindet sich bei der Räbmatter AG. Zusammen laufen wir zunächst durch den Gebäudeteil der Firma. Der Weg entpuppt sich als kleines Labyrinth. «Gut, muss ich bloss Christian folgen», geht mir durch den Kopf. Durch verwinkelte Gänge, verschiedene Räumlichkeiten und durch riesigen Rolltore, vorbei an den Mitarbeitern, die gerade beim Endspurt ihres Arbeitstages angelangt sind, erreichen wir im hinteren Bereich des Gebäudes die angemietete Bogenschützenhalle. An deren Ende fällt der erste Blick direkt auf die verschiedenen bunten Zielscheiben. Ein warmer Luftstrom aus der mobilen Heizung sorgt bei den Schützen für angenehme Temperaturen beim Zielen.


Janine Flückiger


Für mein Training hat Christian zuvor Pfeil und Bogen bereitgestellt. Zusätzlich werde ich noch mit einem Unterarmschützer und einem speziellen Handschuh ausgerüstet.

Als Kind hat meist ein Ast und eine Schnur gereicht, um Bogenschiessen zu spielen. Im Sport gibt es deutlich komplexere Varianten. Der Bogen in seiner ursprünglichsten Form ist der Langbogen. Der traditionelle Bogen ist, wie es sein Name bereits verrät, deutlich länger als andere Bogenarten, hat eine gerade Form und ist aus Holz gefertigt. «Wir werden heute mit einem Recurvebogen schiessen», erklärt mir Christian. Das ist der klassische Bogen. Er ist kürzer als der Langbogen und in der Regel nicht mehr nur aus Holz gefertigt. Die dritte Variante ist der Compound-Bogen. Dieser funktioniert mit Rädern, zum Zuggewicht einstellen und hat meist ein Visier, wie auf dem Bild unten zu sehen.

Gruppierungen sind gut

Da es mich schon in den Fingern juckt, beschliessen wir nicht allzu viele Worte zu verlieren und gleich mit dem ersten Abschuss loszulegen. Die Distanz beträgt erst mal nur fünf Meter. Die normale Trainingslänge ist dagegen 18 Meter. Schultern parallel zur Schiessrichtung und tief halten, Füsse hüftbreit und im 90 Grad Winkel zur Schusslinie aufstellen, Pfeil in die Kunstsehne einspannen, Finger positionieren, linken Arm nach vorne strecken, gleichzeitig mit dem rechten Arm die Sehne nach hinten spannen bis zum Ankerpunkt, Ziel ins Visier nehmen und … abschiessen!

Das Ganze mache ich zügig fünf Mal hintereinander. «Du bist talentiert», sagt Christian nickend. Nun ja, ich blicke auf die Zielscheibe und stelle ernüchtert fest: «Die sind alle ziemlich weit von der Mitte entfernt.» Mit grossem Fragezeichen blicke ich zu Christian, der mir lächelnd erklärt: «Du hast ja auch erst angefangen. Es ist zuerst mal nicht so wichtig, die Mitte zu treffen, sondern die Gruppierungen sind entscheidend.» Meine Pfeile sind alle links oben in der Ecke.

Auf die Frage, warum die Gruppierung wichtig ist, erklärt Christian: «Wenn du die Pfeile immer an den gleichen Punkt schiessen kannst, heisst das, dass deine Haltung und dein Blick immer gleichbleiben. Später kannst du dann daran arbeiten, diese Gruppierung in Richtung Mitte zu bringen». Trotz der lobenden Worte lässt mein Ehrgeiz noch keine grosse Freude in mir aufkommen. Schliesslich habe ich mein Ziel bereits höher gesteckt: Wenigstens einmal die Mitte treffen!

Loslassen, auch im Geist

Neben uns trainiert das Vereinsmitglied Marco Camarata. Er ist eines von 114 Aktivmitgliedern. Der Raum sei 24 Stunden, sieben Tage die Woche für die Mitglieder des Bogenklubs zugänglich. So trifft es sich, dass wir heute zu dritt in der Halle sind. Aufgrund der Sicherheit darf die Abschusslinie erst nach Absprache mit den anderen Schützen überschritten werden, um die Pfeile zurückzuholen. Warum diese Regel so wichtig ist, wird deutlich, als ich von Christian erfahre, dass die Pfeilgeschwindigkeit bei einem Recurvebogen circa 80 km/h erreicht. Bei einem Compoundbogen mit einem Zuggewicht von 50 Pfund, sprich ungefähr 23 kg (das Zuggewicht beeinflusst die Geschwindigkeit) beträgt diese sogar 200 km/h. «Was für eine faszinierend hohe Geschwindigkeit», sage ich erstaunt.

Aufgrund dieser Regel entstehen öfters kleine Wartezeiten. Wie ich finde, haben diese Minipausen etwas entschleunigendes und erlauben immer wieder mal einen kurzen Wortwechsel und in meinem Fall auch Zeit für ein konstruktives Feedback. «Versuche beim nächsten Mal die linke Hand etwas zu öffnen», gibt mir Christian den Tipp. Noch ein Punkt, den es zu beachten gilt. Wie eine Checkliste versuche ich in meinem Kopf die Punkte zu befolgen. Mittlerweile haben wir die Zielscheibe auf 10 Meter gesetzt. «Als ich angefangen habe, hat mir das Vereinsmitglied Beat Bütler, leider ist er verstorben, immer gesagt: Du stehst hier wie ein Nussgipfel», erzählt Christian lachend, während er auf das Bild von Beat Bütler blickt, welches an der Wand hängt.

Zum Bogenschiessen ist Christian 2011 durch seinen Sohn gekommen.

«Hier sind wirklich alle willkommen, auch unabhängig, ob man Turniere schiessen möchte oder nur aus Freude am Hobby», betont Christian. Ebenso erfahre ich, dass zurzeit 14 Kinder das Bogenschiessen erlernen. «Nach dem Film Tribute von Panem hatten wir einen grossen Ansturm von Kindern», erzählt mir Christian. «Aber nach einem halben Jahr merkte man schnell, bei welchen die Freude am Bogenschiessen anhält oder eben nicht.» Deshalb könne auch erst ein Bogen beim Club gemietet werden, bevor eine eigene Ausrüstung gekauft werden müsse.

Derweil gibt mir der Vereinspräsident immer detailliertere Tipps. So soll ich meine Füsse leicht weg von der Schusslinie abdrehen. Ob die Tipps passen oder nicht, muss schlussendlich aber jeder Schütze selbst herausfinden. Ich bin erstaunt, wie solche Feinheiten einen Schuss beeinflussen können. Da ich schon eine ganze Weile 9 Kilogramm bewege, – 9 Kilogramm entsprechen dem Widerstand der Sehne, die ich nach hinten ziehe – macht sich die Müdigkeit in meinen Armen langsam bemerkbar. Wir beschliessen, eine Kaffeepause einzulegen.

Grosse Erfolge

Mittlerweile verabschiedet sich Marco Camarata von uns und ich erfahre den Unterschied zwischen den beiden Verbänden in der Schweiz. Zum einen gibt es FAAS (Field Archery Association Switzerland ) zu welchen sich auch der Bogenklub Suhrental zählt. Dies ist der Schweizer Verband für Feldbogenschiessen, angegliedert an den Weltverband IFAA. Er fokussiert sich auf verschiedenste Bogenarten und Disziplinen. Zum anderen gibt es Swiss Archery (schweizerischer Bogenschützen Verband). Dieser ist der nationale Verband für olympisches Bogenschiessen (World Archery). Auch einige Schützen des Bogenclubs Suhrental konnten schon nationale und internationale Erfolge feiern. So auch das ehemalige Mitglied Anne-Marie Studer. Sie erzielte unter anderem im Jahr 2023 in Wil SG den 1. Platz bei der IFAA WIAC 2023 in der Klasse Freestyle Unlimited Adult Female sowie weitere internationale Erfolge.

Zeit, wieder selbst zu schiessen

Wir stehen wieder an der Abschusslinie. Inzwischen habe ich schon einige gute Treffer erzielt. Ich konzentriere mich auf die Feedbacks von Christian und freue mich auch über die kleinen Erfolge. Wir gehen noch einen Schritt weiter und ich versuche mich auf die normale Distanz von 18 Meter. Nun packt mich die Neugier, wie denn der Präsident selbst schiesst. Die Mitte zu treffen sieht bei ihm ganz leicht aus. Ist da irgendwo ein Visier versteckt?

Nein, es liegt wohl doch eher an seiner jahrelangen Erfahrung als Schütze.

Anders als Christian habe ich die Mitte noch immer nicht getroffen. Derweil macht sich die Müdigkeit auch deutlich spürbar und ich bin froh überhaupt die Zielscheibe zu treffen. Ehrlicherweise habe ich mir zu Anfang vielleicht auch ein zu hohes Ziel gesteckt und ich merke, dass dies über den Abend hinweg auch sekundär wurde. Nicht zuletzt, weil mir Christian mit seiner empathischen Art und einem ganz anderen Fokus näherbringen konnte, was hinter dem Bogenschiessen steckt.

Mit der Freude, die im Vordergrund stehen sollte, komme mit der Übung auch die Treffsicherheit. Mit den Worten: «Sowieso gehören zum Bogenschiessen Bauch, Herz und Kopf», bringt er es auf den Punkt. Hat man keinen freien Kopf und ist mit den Gedanken völlig woanders, ist auch der Fokus schwierig. Im Laufe des Abends merke ich, was Christian damit meint. Mir fällt auf, dass ich nie auf die Uhr geschaut habe, ich mich immer mehr vom Gedanken lösen kann, möglichst gut sein zu wollen und einfach Freude daran habe, diesen Sport jetzt gerade in diesen Stunden ausüben zu dürfen. Schon fast etwas meditativ und doch voller Energie. Das bleibt Christian nicht verborgen: «Du strahlst ja richtig.» Mit müden Armen, aber einem breiten Lachen im Gesicht mache ich mich nach zweieinhalb Stunden auf den Heimweg.


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