Viele Menschen sind erschüttert über die Meldungen zur massiven Pestizidbelastung der Wyna. Zu Recht. Wenn ein Fluss, der unsere Dörfer verbindet, unsere Landschaft prägt und Lebensraum für unzählige Arten bietet, mit hochgiftigen Stoffen belastet wird, ist das nicht ...
Viele Menschen sind erschüttert über die Meldungen zur massiven Pestizidbelastung der Wyna. Zu Recht. Wenn ein Fluss, der unsere Dörfer verbindet, unsere Landschaft prägt und Lebensraum für unzählige Arten bietet, mit hochgiftigen Stoffen belastet wird, ist das nicht nur ein Betriebsunfall, den man dem Nachbarkanton in die Schuhe schieben kann. Es ist auch Symptom eines Systems, das ökologische Grenzen seit Jahren missachtet.
Gerade im Kanton Aargau, der sich gern als «Wasserschloss» der Schweiz bezeichnet, muss der Schutz unserer Gewässer oberste Priorität haben. Die Realität zeigt ein anderes Bild: zu wenig Kontrolle, zu wenig Monitoring, zu wenig Bereitschaft hinzuschauen. Die Wyna ist kein Einzelfall. Chlorothalonil-Metaboliten im Grundwasser, PFAS in Böden oder nun Deltamethrin im Fluss sind Stoffe, die aufgrund kurzsichtiger Kriterien zugelassen wurden und sich danach als Gesundheitsrisiko und Bedrohung der Artenvielfalt erwiesen. Die nächsten Kandidaten für fette Schlagzeilen sind toxische Ersatzstoffe für bereits regulierte (bzw. wieder verbotene) Pestizide, Nanomaterialien, Mikroplasik-Additive, Industriechemikalien der «PFAS-Nachfolgegeneration» …
… und Medikamente: In Schweden weiss jede Pflegefachfrau, dass man Voltaren Gel konsequent von der Kanalisation fernhalten muss (nach dem Einreiben nicht Hände waschen, sondern Papiertuch benützen). Der Voltaren-Wirkstoff Diclofenac ist multitoxisch für Fische, Zooplankton und Mikroalgen. In der Schweiz, wo Ciba-Geigy das Wundermittel erfunden hat, baut man lieber für Unsummen vierte Reinigungsstufen in Kläranlagen ein. Übrigens: Gegen schmerzende Glieder ist Wallwurzsalbe einen Versuch wert, auch zum Nutzen der Wasserlebewesen in der Wyna.
Wir brauchen einen Gewässerschutz, der diesen Namen verdient. Dazu gehören engmaschige Messnetze, klare Verbote für hochtoxische Stoffe, konsequente Kontrollen, und wir brauchen eine Landwirtschaftspolitik, die ökologische Leistungen belohnt, statt riskante agrochemische Experimente zu subventionieren. Vor allem aber braucht es Ehrlichkeit: Solange wir Pestizide einsetzen, die schon in allerkleinsten Mengen Wasserlebewesen töten, ist die Behauptung einer «nachhaltigen» Produktion schlicht nicht haltbar.
Severin Lüscher
Grossrat Grüne, Schöftland