«Das grösste Glück ist, wunschlos zu sein»
29.01.2026 GontenschwilLebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ...
Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Olga Wiederkehr (100) aus Gontenschwil, ehemalige Zigarrenmacherin und passionierte Patchworkerin.
Im «Chatzenrain» an der Haldenstrasse in Gontenschwil erblickte Olga Wiederkehr am 9. Oktober 1925 das Licht der Welt. Zusammen mit drei Geschwistern und zwei Halbschwestern erlebte sie eine schöne, aber auch arbeitsreiche Kindheit. Vater Adolf, Zimmermann im Baugeschäft Hunziker, hatte während des Ersten Weltkrieges schwere Zeiten durchlebt. Als Grenzsoldat im Pruntruter Zipfel durfte er nicht an die Beerdigung seiner ersten Frau, die nach der Geburt ihres zweiten Kindes verstorben war, reisen. Als arg geprüfter Witwer mit zwei Kleinkindern konnte er zum Glück Jahre darauf Rosa Steiner zum Traualtar führen. Vier Kinder wurden dem Ehepaar in der Folge geschenkt. Das damals bescheiden eingerichtete Elternhaus mit grossem Hausgarten und externem Pflanzplätz ist Olga Wiederkehr in lebhafter Erinnerung geblieben. In der Wohnung gab es kein fliessendes Wasser und das Toilettenhäuschen war draussen. Gewaschen wurde am Brunnen.
René Fuchs
«Wir Kinder haben bei den Gartenund Hausarbeiten selbstverständlich mitgeholfen», schmunzelt die Seniorin. «Nur das Jäten fand bei mir selten Anklang.» Die Selbstversorgung mit Gemüse war für die Familie von grosser Bedeutung. Bis zu 200 Stangenbohnen wurden auf dem Pflanzplätz gezählt. Kartoffeln, Zwiebeln, Lauch, Sellerie und Rübli waren ebenfalls hoch im Kurs. Hühner sorgten für genügend Eier und für die Fleischversorgung hielt der Vater Kaninchen.
«Im ersten Schuljahr waren wir eine reine Mädchenklasse», schmunzelt Olga Wiederkehr. Bis und mit sechster Klasse besuchte sie den Unterricht im Schulhaus Unterdorf. Nebst dem Lesen, Schreiben und Rechnen gehörte auch der Biblische Unterricht zum Stundenplan. Ab der 4. Klasse zählten auch Geschichte und Geografie dazu. Die Schulstube war oft vom quietschenden Geräusch der spitzen Griffel auf den Schiefertafeln erfüllt. Die «schöne» Schrift galt es zu erlernen und umzusetzen. Fehlversuche wurden mit einem feuchten Schwämmchen weggewischt.
Bleistift statt Hörer
Unvergessen bleibt die Schulreise zu den Höllgrotten in Baar. «Obwohl meine Mutter mitreiste, befürchtete ich im Höhleninnern das Schlimmste», erzählt die rüstige Gontenschwilerin lebhaft. Wieder im Freien war sie erlöst, entgegen den Bedenken, den Ausgang nicht zu finden. Und dass man in der 5. Klasse lernte, supponiert zu telefonieren, entlockt ihr noch heute manche Lacher. Mit einem Bleistift, statt einem Hörer am Ohr, mimte man ein Telefongespräch. Apparate besassen erst wenige Personen im Dorf.
Die beiden letzten Schuljahre besuchte Olga Wiederkehr im alten Kirchgemeindehaus. Besonders die Nähschule hatte es ihr angetan. Stricken, Häkeln, Sticken und Nähen gehörten zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Kleidergeschäfte gab es noch nicht, dafür Kolonialwarenläden mit Stoffballen. Man wusste sich selbst einzukleiden. Nähmaschinen gehörten zu einer Aussteuer.
Nur kein Brot war hart
Prägend war die Kriegszeit von 1939 – 1945. Der Lehrer musste zum Grenzdienst einrücken. Nachts galten die Verdunkelungsverordnungen. Kein Lichtschein durfte ins Freie treten. Warum, war sofort klar. «Oft hörte ich dröhnende Bomberverbände aus dem Ausland über uns hinwegfliegen», erzählt sie mit einem Schaudern. «Auf Fels gebaut, zitterte bei den tiefen Überflügen unser Haus.» Die Angst, angegriffen zu werden, war allgegenwärtig. «Wir besassen keinen Radioapparat, dafür die Arbeiterzeitung «Freier Aargauer», berichtet die Seniorin. Mit Schrecken las man von Hitlers anfänglichem Blitzkrieg und den Millionen Toten. Für Feldarbeiten, die Trockenlegung von Mooren und den Strassenbau wurden nach und nach internierte Soldaten eingesetzt. Zugeteilte Rationierungsmarken ermöglichten die nötigen Einkäufe. In den Bäckereien durfte das Brot erst nach zwei Tagen verkauft werden. Ein kleinerer Verbrauch war das Ziel. Nur kein Brot war hart.
Die Arbeitsstelle
Drei Tage nach dem Schulabschluss 1940 begann Olga Wiederkehr in der Zigarrenfabrik Opal in Gontenschwil, einer Filiale des Beinwiler Betriebes, zu arbeiten. «Das Ausrippen hatte ich bereits von meinem Onkel Hans Gautschi, der bei uns lebte und Heimarbeit leistete, gelernt», berichtet sie. 96 Stunden betrug die Arbeitszeit in zwei Wochen, Samstagmorgen inbegriffen. 52.80 Fr. betrug der halbe Monatslohn.
Im Parterre des Fabrikgebäudes wurde ausgerippt, im Obergeschoss waren die Wickelmacher- und Zigarrenmacherinnen am Werk. Es galt, die Rippe, die Hauptader des Tabakblattes, vor der Verarbeitung zu entfernen. Sie ist so dick, dass sie die Brandeigenschaften und den Geschmack einer Zigarre beeinträchtigen würde. Nicht nur bei Deck-, sondern auch bei Umblättern wurden die Rippen mit schnellen Handgriffen entfernt. Das Stumpenbataillon im Wynental war ein dankbarer Abnehmer all der Raucherwaren.
«Als Fabrikmädchen musste ich in den letzten beiden Kriegsjahren auch obligatorischen Landdienst in Gontenschwil und Veltheim leisten», erinnert sie sich. Am 8. Mai 1945 läuteten die Kirchenglocken: Endlich war Friede. Die Freude und Erlösung waren gross.
Auf Reisen
Die treue Vereinsmitgliedschaft beim Satus Turnverein, bei den Samaritern und im Töchter- und Frauenchor erfüllte die Gontenschwilerin. Zu ihren Höhepunkten zählten die Vereinsausflüge und die Anlässe in der Dorfturnhalle. Doch auch das Fernweh lockte: Im Alter von 26 Jahren fuhr sie erstmals in den Ferien mit dem Nachtzug nach Wien. Holland, Frankreich, Spanien, Jugoslawien waren in den folgenden Jahrzehnten weitere Reiseziele. 1986 bewunderte sie auf der Fahrt ans Nordkap die Mitternachtssonne, ihr eindrücklichstes Erlebnis. Auch das Sammeln von Briefmarken aus allen Herren Ländern liess sie nicht mehr los. Wunschdestinationen waren so im Kleinen oft bildhaft zur Hand.
Zuhause sorgte sie sich uneigennützig und einfühlsam um ihre Eltern und ihren gehbehinderten Onkel. Zeitlebens blieb sie ledig. Irgendwie hatte Amor den Katzenrain verpasst. Der Umbau des Elternhauses 1968 war eine grosse Erleichterung. Fortan gehörten kaltes und warmes Wasser samt Badezimmer mit einer eingebauten Toilette und einer Waschmaschine zu einem besseren Lebensgefühl.
Patchworkdecke und Töffliausflüge
1975 fusionierte die Opal-Zigarrenfabrik mit der Firma Villiger Söhne AG. Der Arbeitsort wechselte und Olga Wiederkehr war fortan als versierte Zigarrenmacherin in Pfeffikon gefragt.
Zwölf Jahre später liess sie sich pensionieren. 47 Jahre hatte sie im Akkord in der Zigarrenindustrie gearbeitet. Zuhause gab es auch nach dem schmerzlichen Tod ihrer Eltern viel zu tun. Sei es der grosse Garten oder all die Handarbeiten wie eine dekorative grossflächige Patchworkdecke mit 2000 farblich und in der Länge unterschiedlichen Stoffstreifen. Zur Freizeit gehörten auch Töffliausfahrten nach Luzern und Umgebung, über den Brünig bis Innertkirchen oder nach Menzberg, zum höchsten Dorf am Napf.
«Ich dachte nie, dass ich so alt werde», sagt Olga Wiederkehr mit einem Augenzwinkern. Derweil hätte ihr die Pandemie 2021 beinahe das Leben gekostet. Im Kurhaus Heiligenschwendi gewann sie wieder die nötige Kraft. 97-jährig zog sie im Winter 2022 ins Alters- und Pflegewohnheim Lorana in Gontenschwil ein. Wohl umsorgt durfte sie letzten Oktober ihren 100. Geburtstag feiern. Gemeindepräsidentin Renate Gautschi und die Musikgesellschaft Gontenschwil erwiesen ihr die grosse Ehre, die sie bis heute sehr zu schätzen weiss.
«Die Zukunft sieht man nicht, die Vergangenheit hingegen kann man zurückblättern», sagt sie reicherfüllt nach hundert Jahren. Heute ist für sie alles viel schnelllebiger geworden und die Elektronik fordert die Menschen immer mehr heraus. Aber froh ist sie, dass viele Erfindungen, vom Kühlschrank bis zur Waschmaschine, nach und nach ihren Lebensalltag viel einfacher gestaltet haben. Wer denkt noch daran, dass man den Waschkessel anfeuern musste, Lauge beifügte und später die weissen Wäschestücke an der Sonne bleichte?
Zufrieden mit sich, würde sie nochmals den gleichen Lebensweg beschreiten. Doch den sinnigen Kalenderspruch «Das grösste Glück und das grösste Unglück ist, wunschlos zu sein», gibt sie in sich gehend mit auf den Weg…




