Gunzwiler war der erste Schallplatten-Star
24.12.2025 Michelsamt, GunzwilLuzerner Künstler, die erfolgreich Schallplatten aufnahmen, sind vielen ein Begriff. Da gab es Kunz, Vera Kaa oder auch Fabienne Louves. Das war zu «Vinylzeiten». Und dann war da noch Xaver Estermann – ein zu Schallplattenzeiten erfolgreicher Jodler und ...
Luzerner Künstler, die erfolgreich Schallplatten aufnahmen, sind vielen ein Begriff. Da gab es Kunz, Vera Kaa oder auch Fabienne Louves. Das war zu «Vinylzeiten». Und dann war da noch Xaver Estermann – ein zu Schallplattenzeiten erfolgreicher Jodler und Zitherspieler.
Vom Leben des Luzerners Xaver Estermann (1870 – 1942) ist nicht viel Schriftliches geblieben. Er wurde 1870 in Gunzwil geboren, kam als junger Mann nach Luzern und beherrschte offenbar schon in seinen Zwanzigern als Musikant die Zither virtuos, sang dazu und jodelte mit sonorer Tenor-Stimme.
Was jedoch in allen Büchern zu ersten Schallplatten-Aufnahmen steht ist, dass im März 1901 William Sinkler Darby in Berlin seine erste selbstständige Aufnahmetournee für die Berliner’s Gramophone Co. begonnen hatte.
In den Berliner Nachtcafés waren damals Zitherspieler, sie wurden «Café-Tiroler» genannt, beliebt. Xaver Estermann gastierte gerade in der Stadt – und er wurde vor Darby’s Trichter geholt, um ein paar Jodellieder in die Wachsrillen einzuspielen.
Xaver Estermann intonierte seinen «Unterwaldner Jodler». Bis heute existieren bei Sammlern Exemplare von dieser 17,5 cm Schellackplatte der Marke «Berliner’s Gramophone». Diese ersten Scheiben hatten noch eine eingravierte Beschriftung anstelle eines Etiketts. Für das heutige Empfinden ist die Tonqualität noch sehr rustikal.
Estermann war aber nicht der erste Schweizer, dessen Stimme in Rillen gepresst wurde. Diese Ehre kam dem Appenzeller Arnold Inauen zu.
Was war die künstlerische Bedeutung von Xaver Estermann?
Robert Fellmann (1885 – 1951), der bedeutendste Jodelliedkomponist der Innerschweiz, erklärte die damalige Konstellation in der Schweiz in seinem Buch «Ein Leben für das Jodellied» so: «Ende des 19. Jahrhunderts hatten in der Schweiz Tiroler Jodlertruppen grossen Erfolg. Sie zogen durch die Konzertsäle und Varietés. Nach ihrem Vorbild begannen immer mehr Schweizer als sogenannte «Nationalsänger» aufzutreten und in bunten Fantasiekostümen diese Tiroler Salonjodler zu imitieren. Mit viel Inbrunst und teilweise auch grosser Virtuosität wurden zunächst Lieder vorgetragen, in denen der «Seppl auf der Alm sei Maderl gfindt».
Später kamen Lieder dazu, die zwar schweizerdeutsch, aber ebenfalls im Tiroler Stil geschrieben waren. Das Liedgut der Nationalsänger war in gewisser Weise mit dem volkstümlichen Schlager unserer Zeit vergleichbar: Handwerklich solid gemachte, gefällige Zerstreuung, die vorgibt, an alte, nationale oder regionale Traditionen anzuknüpfen, ohne mit ihnen wirklich in einem inneren Zusammenhang zu stehen. Städter und Touristen erfreuten sich an dieser Pseudofolklore. Auch weil seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Schweiz wie auch das übrige Europa zunehmend vom Zeitgeist des Patriotismus geprägt war.» In die Kategorie «Nationalsänger» wären wohl der Zitherspieler Xaver Estermann und seine Gesangstruppe zu verorten.
Ein vergessener Schallplatten-Star
Was lief nicht optimal mit Xaver Estermanns Karriere – so dass heute niemand mehr von ihm spricht und sich niemand mehr an ihn erinnert?
Der Musikethnologe Dieter Ringli schreibt: «Die Schweizer Volksmusik hat sich stets gewandelt – und zu Beginn des 20. Jahrhunderts besonders stark. Da begann sich die Handorgel in den semiprofessionellen Tanzmusikkapellen zu etablieren. Das Akkordeon, das Schwyzerörgeli und die Klarinette waren lauter als die bisherigen Instrumente - und konnten akkordisch gespielt werden. Das war ideal für Tanzunterhaltungen in Gaststätten mit viel Betrieb. In den 1920er Jahren – vor allem im Zürcher Niederdorf – enstand jener neue Stil, der heute als Ländlermusik bezeichnet wird.
«Ländlerkönige» wie Stocker Sepp, Kasi Geisser und Jost Ribary prägten damals in Zürich einen Sound, der zu einer Art Schweizer Nationalmusik wurde. Konzertante Vorträge eines Jodler-Terzetts wie der Estermann-Truppe, die mit Stimmen im Stil des bayerischen Dreiklangs zu Zither-Begleitung aufwarteten, waren hierzulande nicht mehr besonders gefragt.
Estermann nahm zwar noch etliche Platten auf, einige mit dem Humoristen Josef Kaufmann aus Zürich. Aber Konzertreisen unternahm er mit seiner «Ersten Schweizer Sänger- und Jodlertruppe» eher nach Deutschland, wo ihre Konzerte geschätzt waren.
Kaum Berichte
Zu Xaver Estermanns in späteren Jahren ist bekannt: Erhaltene Programmlisten des Landessenders Monte Ceneri für die italienische Schweiz zeigen, dass Estermann ab 1933 jeweils regelmässig eine halbe Stunde live auf der Zither im Radio für die Tessiner Zuhörer spielte. Zu jener Zeit schien er in Paradiso bei Lugano gewohnt zu haben. Später lebte er als «Alt-Konzertsänger» mit seiner Ehefrau Friederike (1881-1952) an der Schoffelgasse 8 in Zürich. Speziell ist, dass vom Luzerner Schallplattenpionier mit seinem Sänger- und Jodelterzett aus späteren Jahren zwar noch etliche Fotopostkarten existieren, aber kaum Berichte in Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind. Immerhin ist dem Luzerner Tagblatt von Ende Mai 1918 – ein halbes Jahr vor Ende des Ersten Weltkrieges – zu entnehmen, dass die «erstklassige Schweizersänger und Jodlertruppe Estermann» ein paar «Elite-Konzerte» im Restaurant Weisses Schloss an der Moosstrasse in Luzern gab.
Karl Horat und Janine Flückiger
Wie funktionierte die Aufnahme- und Wiedergabetechnik?
Jahrzehntelang wurden Musikstücke auf eine schwarze Scheibe mit bis zu 30 cm Durchmesser gepresst und mit 78 Touren abgespielt. Höchst zerbrechlich waren sie, diese Schellackplatten: Sie bestanden aus einem preiswerteren Gemisch aus Baumwollflocken, Schieferpulver, Russ (daher die schwarze Farbe) und Schellack (daher die Zerbrechlichkeit).
Damals mussten Musiker und Sänger direkt in einen grossen Schalltrichter spielen und singen. Der Schall wurde durch diesen Trichter auf eine empfindliche Membran geleitet. Diese Membran war mit einer Nadel verbunden. Diese Nadel gravierte die Schwingungen direkt spiralförmig in eine rotierende Wachsmatrize – es entstand eine sogenannte «Masterplatte». Die Wachsmatrize wurde dann galvanisch mit Metall überzogen, um eine stabile Negativform zu erzeugen. Diese Metallform diente als Pressmatrize für die eigentlichen Schellackplatten. Zum Schallplattenpressen wurde heisse Schellack-Masse in die Matrize mit der Rillenstruktur der Musik gepresst.
Ein Grammophon konnte später mit seiner Nadel die Rille abtasten und den aufgezeichneten Klang wiedergeben.


