Skurril, Kult und mit viel Herz
06.11.2025 Seetal, DürrenäschSeit einer Weile schmücken alte Fotos und originale Gegenstände wie eine Garnwinde das Schaufenster des Coiffeursalons Flair in Dürrenäsch. Es ist das gemeinsame Projekt von Ramona Haller und Isidor Keller. Die Ausstellung zeigt ein Stück Dorfgeschichte. Denn das ...
Seit einer Weile schmücken alte Fotos und originale Gegenstände wie eine Garnwinde das Schaufenster des Coiffeursalons Flair in Dürrenäsch. Es ist das gemeinsame Projekt von Ramona Haller und Isidor Keller. Die Ausstellung zeigt ein Stück Dorfgeschichte. Denn das Lädeli der damaligen Hausbesitzerin Trudi Zingg, war für die Menschen aus dem Dorf weit mehr als nur ein Einkaufsladen.
Ramona Haller betreibt seit 21 Jahren den Coiffeursalon Flair an der Hauptstrasse in Dürrenäsch. Davor war der Coiffeur Daniel Stauffer in diesem Haus, vor ihm die Sattlerei Bertschi und vor dieser war da Trudi Zingg mit ihrem «Kultlädeli». Bei ihr traf sich das Dorf. Frauen kamen zum gemeinsamen Stricken vorbei, bei kleinen Verletzungen hatte sie stets eine Salbe bereit. Nebst dem Verkauf von allerlei Produkten, wie Gemüse aus ihrem eigenen Garten und selbstgemachten Kuchen, gab es aus heutiger Sicht aber auch skurrile Angebote. So durften Jugendliche bei Trudi Zingg eine Zigarette kaufen und unter ihrer Aufsicht rauchen. Ebenso fanden Sorgen und Freuden bei ihr einen Platz. Die gute Seele des Hauses ist heute noch spürbar. Die Geschäftsführerin Ramona Haller erzählt wertschätzend, wie sie und ihre Teamkolleginnen in den letzten 21 Jahren in ihrem Salon miterlebte, wie Kinder zu jungen Erwachsenen heranwuchsen, wie sie Trauer, genauso wie die Freuden des Lebens mit ihren Kunden geteilt hat. «Ich weiss nicht, was ich tun würde, wenn ich diesen Kontakt mit den Kunden nicht mehr hätte», erzählt die empathische Coiffeurin.
Seit im Coiffeursalon die Schaufenster mit den Ausstellungsstücken geschmückt sind, sind die Gespräche während dem Friseurtermin oft eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. «Die Ausstellung bietet zusätzlichen Gesprächsstoff», teilt Ramona Haller erfreut mit. So erfahren sie und ihre Teamkolleginnen stets Neues über die Geschichte des Hauses. Zum Beispiel habe Ramona erfahren, dass Trudi Zingg die erste im Dorf war, die Kondome im Angebot hatte. «Es sind oft lustige Details, die alle zum Lachen bringen», schmunzelt die Geschäftsführerin. Isidor Keller und Ramona sind sich einig: «Sie war wohl einfach eine gute Seele.»
Der berühmte Kuchen
Die Reise in die Vergangenheit ist Isidor Keller zu verdanken. Es gibt wohl keinen anderen, der eine solch beachtliche Sammlung über die Dorfgeschichte hat, wie der pensionierte Dürrenäscher. Mit immensem Engagement und viel Freude erhält er ein grosses Stück Dorfkultur und Historie in Erinnerung. Doch nicht nur seine Sammlung, auch die Geschichten, die er zu erzählen weiss, nehmen die Menschen mit auf eine Zeitreise. Isidor Keller erinnert sich: «Das Zingg Trudi war wie eine Tante für mich. Sie ging mit meiner Mutter zusammen zur Schule und war unserer Familie sehr nah.» Die Ladenbesitzerin war in der Region für ihren selbstgemachten Kuchen bekannt. Besonders der Rhabarberkuchen soll bei den Kunden beliebt gewesen sein. Dazu fällt Isidor Keller gleich noch eine Geschichte ein. Mit einem Schmunzeln im Gesicht erzählt er: «Als jemand nach dem Geheimrezept fragte, antwortete Trudi Zingg: Ich gehe morgens immer mit dem Nachthafen zum Rhabarbergewächs.» Danach habe die Nachfrage an ihren Kuchen ziemlich nachgelassen. Ob dies stimme, wisse er natürlich nicht, fügt er noch hinzu.
Noch heute in Gebrauch
Früher sei das Haus sehr schlecht isoliert gewesen, erinnern sich Ramona Haller und Isidor Keller. Als die Coiffeurin den Salon übernahm, waren nicht selten Eisblumen im Innenbereich am Schaufenster. «Wir mussten erstmal die Haarföhne laufen lassen, damit wir überhaupt anfangen konnten zu arbeiten», erzählt die Geschäftsführerin mit einem Gesichtsausdruck, als würde sie sich gerade an den Frost zurückerinnern. Genauso kalt wie es im Gebäude werden konnte, war im Sommer die Hitze eine Herausforderung. Isidor Keller erzählt mit hochgezogenen Augenbrauchen: «Zu Zingg Trudis Zeit hatte sie im Sommer zwei Wassersprinkler auf dem Dach. Diese liefen den ganzen Tag. Hier drinnen hörte man wie es auf dem Dach rieselte und plätscherte, aber es war schön kühl.» Aus der Zeit von Trudi Zingg sind heute noch wenige Einzelheiten im Gebäude. Zum Beispiel bewahrt das Flair-Team ihre Haarfarben in einem Regal aus der damaligen Zeit auf.
Das Ende einer Ära
Nachdem der Volg in Dürrenäsch seine Filiale aufmachte, liess der Umsatz im «Kultlädeli» stark nach und Trudi Zingg musste ihren Laden aufgeben. Danach arbeitete sie bei der Sager AG am Empfang. Sicherlich war dies kein einfacher Moment, insbesondere, wenn man zuvor solch einen starken Sozialkontakt hatte, findet Isidor Keller. Denn auch der Historiensammler und die leidenschaftliche Coiffeurin schätzen ihren fest verankerten Sozialkontakt mit den Mitmenschen und können nur allzu gut nachfühlen, wie es Trudi Zingg in dieser Situation womöglich ergangen sein muss.
Immer wieder neu
Auch jüngere Generationen interessieren sich für Ausstellung. Denn wer weiss, vielleicht ist ja der Grossvater auf einem Foto zusehen? Nicht selten werden dafür die Eltern mit zum Schaufenster gebeten. Und genau das war auch das Ziel von Ramona Haller und Isidor Keller, ein Austausch zwischen Generationen. Dafür bietet der Blick ins Schaufenster reichlich Gesprächsstoff. Zum Beispiel sind im Schaufenster Fotos zu entdecken, auf denen neben unverpackten Lebensmitteln geraucht wird. Heute unvorstellbar, versetzt es besonders die jüngeren Besucher ins Staunen. Die Ausstellung wird noch mindestens bis Ende Jahr bleiben. Dazwischen wird Isidor Keller einige der Ausstellungsstücke auswechseln. Wer weiss, was es noch alles zu entdecken geben wird. Die Besucher dürfen also gespannt bleiben.
Janine Flückiger


