«Die Capanna Alzasca ist uns ans Herz gewachsen»
02.10.2025 OberkulmBereits zum zweiten Mal amteten Katharina und Urs Eppenberger aus Oberkulm eine Woche lang als ehrenamtliche Hüttenwarte auf der Capanna Alzasca hoch über dem Maggiatal. Im Besitz der Sektion Locarno wird die SAC- Hütte von freiwilligen Equipen wochenweise betreut. Die ...
Bereits zum zweiten Mal amteten Katharina und Urs Eppenberger aus Oberkulm eine Woche lang als ehrenamtliche Hüttenwarte auf der Capanna Alzasca hoch über dem Maggiatal. Im Besitz der Sektion Locarno wird die SAC- Hütte von freiwilligen Equipen wochenweise betreut. Die Warteliste für diese Aufgabe ist lang.
Was für ein Auftakt! Der Hüttenweg zur Capanna Alzasca (1734 m ü. M.) im Valle del Soladino beginnt spektakulär. 380 Meter führt eine der schönsten Flusshängebrücken der Schweiz bei Someo über die Maggia. Über vier Pylonen laufen die Tragseile. Je 107 Meter Spannweite haben die drei längsten Brückenteile. Luftig und schwankend gehts los. Weit unterhalb der Gitterroste tost nach tagelangen Regenfällen die wilde Maggia. Der grösste Teil ihrer ausgedehnten Kiesbänke ist überschwemmt. Ja nicht schaukeln, geht mir durch den Kopf. Alles geht gut, das Brückenende naht. Doch bald gilt es, von Stein zu Stein trockenen Fusses das anschliessende Auengebiet zu überqueren.
René Fuchs
Der steile Aufstieg ins Valle del Soladino sorgt darauf für Abhilfe. Aberhunderte von Steinstufen gilt es in Serpentinen hochzusteigen. Der aufkommende Sonnenschein lässt den feuchten Bergwald dampfen. Wahrlich im Schweisse des Angesichts sind auf kurzer Distanz über 500 Höhenmeter zu bewältigen. Die Treppen nehmen kaum ein Ende. Weit angenehmer zeigt sich der Weg ab der Alpe Soladino. Lichte Lärchenwälder wechseln sich mit Weideflächen und schmucken oder zusammengefallenen Steinhäusern ab. Esel und Rinder säumen hie und da den Weg. Noch ein letzter Anstieg und die gemütliche Wanderhütte hoch über dem Maggiatal ist erreicht.
Der Traum
1955 wurde die Alphütte mit Dependance von der Sektion SAC Locarno übernommen und in mehreren Schritten ausgebaut. Sie bietet von Ende Mai bis Oktober eine Übernachtungsmöglichkeit mit Halbpension für zwanzig Bergbegeisterte. Der Schutzraum für zwölf Personen ist das ganze Jahr durch geöffnet. Vielfach sind die Zustiege teils auf in Stein gehauenen historischen Alpwegen: sei es von den Dörfern Someo, Vergeletto, Cevio aus oder von der Capanna Ribia über die «La Bochèta di Dòia». Ein besonderer Anziehungspunkt ist der malerische Lago d’ Alzasca, eine halbe Stunde Fussmarsch von der Hütte entfernt.
Der Traum, selbst einmal Hüttenwarte zu sein, hat sich für Katharina und Urs Eppenberger 2024 auf der Capanna Alzasca erstmals erfüllt. Ihrer Bergbegeisterung treu hatten sie ein Jahr zuvor im Sommer vor einer Italienreise hier auf einer Wandertour übernachtet. «Wir wurden von den beiden einheimischen Hüttenwarten herzlich willkommen geheissen», erinnert sich Katharina Eppenberger (62). «Es waren nicht viele Gäste da und so hatten sie Zeit, uns über ihre Arbeit zu berichten und die Hütteneinrichtung zu zeigen.» Als sie von der wochenweise abwechselnden Hüttenbewartung durch Freiwillige sprachen, sprang der Funke. «Das wäre doch was für uns», erinnert sich Urs Eppenberger (63), selbst Präsident der Sektion des SAC Homberg.
Gesagt, getan. Kurz entschlossen meldete sich das Paar beim Hüttenchef an. Ende Mai 2024 folgte ein zweitägiger obligatorischer Hüttenwartkurs vor Ort. Noch türmten sich Schneemassen vor dem Eingang. In gemütlicher Runde konnte die Inbetriebnahme der Turbine, der Notstromgruppe, der Wasserversorgung, der Küche samt dem Reservationssystem an die Hand genommen und instruiert werden. Um die zwanzig ehrenamtliche Zweierteams sind hier in der Sommersaison wochenweise im Einsatz. Über die Hälfte kommen aus der Deutschschweiz. Die Tessiner Küche ist für alle aber eine Herzensangelegenheit.
Die Feuerprobe für die Beiden
Die Vorfreude, aber auch die Anspannung, war für die Eppenbergers im Juli 2024 gross. Wie würden sie erstmals solch eine Woche als Hüttenwartpaar meistern? Der Kollegenkreis fand es gar mutig. Doch am ersten Tag war die Capanna Alzasca trotz Regenwetter ausgebucht. «Wenn wir diesen Tag schaffen, kann uns nicht mehr viel passieren», sagten sich die beiden. «Nach zwei Versuchen gelang am Übergabetag der dritte Kuchen hervorragend im Gasbackofen», schmunzelt Katharina Eppenberger. Dank der Bestellliste der Vorgänger mangelte es auch nicht an frischen Produkten wie Salat, Gemüse oder Brot. Alle zwei Wochen ist dafür ein Helikopterflug eingeplant. Das Hüttenvirus ergriff die beiden.
Das Fazit am Ende der Hüttenwoche war klar: «Wir kommen wieder.» Für dieses Jahr buchten sie die letzte Septemberwoche zur vermeintlich besten Wanderzeit. «Uns gefällt es in den Bergen und alle Gäste, die hierhin kommen, haben körperlich etwas geleistet», sagt Urs Eppenberger anerkennend. Um bestens vorbereitet zu sein, nahm der Elektroingenieur diesen Frühling erneut am Hüttenwartkurs der Sektion des SAC Locarno teil. Als wenn er gewusst hätte, was auf sie warten würde…
Sorgenvolle Gesichter
Beim diesjährigen mehr als vierstündigen Aufstieg zur Hütte wurden sie kurz vor dem Ziel vom nahen Älpler auf der Corte di Fondo zu einem Kaffee eingeladen.Wiedersehen macht Freude und umso mehr, als von ihm tags darauf ein Korb Steinpilze vor die Hütte gestellt wurde. Doch am Sonntagabend sorgte die Natur für sorgenvolle Gesichter. Blitze am Laufmeter erhellten die Nebelschwaden, riesige Wassermassen prasselten nieder. So, dass weder die Turbine noch die Wasserversorgung oder die Internetverbindung funktionierten. «Wir waren von der Aussenwelt abgeschlossen», sinniert Katharina Eppenberger. Tags darauf galt es die Schäden zu beheben, Filter zu wechseln und die Internetverbindung neu aufzugleisen. Zum Glück gelang es. Doch das schlechte Wetter liess die nächsten beiden Tage keine Gäste hochkommen.
«Eingebettet in der Natur ist für mich die Reduktion auf die Grundbedürfnisse ein Teil des Hüttenlebens», sagt der Oberkulmer weitsichtig. «Man muss nicht jede Minute des Lebens füllen», doppelt seine Frau nach. Auch bei schönem Wetter gibt es der Weglänge wegen keine Tagesgäste. «So hat man auch etwas Zeit für sich. Für ein Bad im See, um Pilze zu sammeln, kleine Touren zu unternehmen oder ein Buch zu lesen.»
Beinahe hätte es mit dem Besuch des «Wynentaler Blattes» nicht mehr geklappt. Zu schlecht waren zuerst die Wetterprognosen, bis ein meteorologischer Hoffnungsschimmer doch noch auftauchte. Im Wechselspiel von Sonne und Wolken konnte der Reporter hochsteigen. Herzlich war der Empfang, verlockend die frisch gesammelten Steinpilze in der Küche und magisch eine sich sonnende zusammengerollte Aspisviper auf einem Stein unterhalb der Hüttenterrasse. Mit ihrem kantigen Kopf, dem gedrungenen Körper, dem schwarzen Zickzackmuster und dem markanten Überaugenschild ein Blickfang. An Beutetieren wird es ihr hier nicht mangeln. Unübersehbar steht an der Tür der Dependance: «Türe schliessen, es sei denn, du willst dein Bett mit einer Maus teilen.»
«Obwohl wir eigentlich Ferien haben, ist diese Hüttenwoche für uns kein Stress», sagt Katharina Eppenberger. «Für uns ist es schon wie ein Daheim», doppelt ihr Mann nach. Obwohl sie beide nicht Mitglieder der Sektion des SAC Locarno sind, fühlen sie sich emotional stark mit der Hütte verbunden. Auch sorgen die dankbaren Gäste vornehmlich aus der Deutschschweiz, Deutschland, Holland bis nach Kanada für anregende Gespräche und wertvolle Begegnungen.
Der Gruss aus der Küche mit gerösteten Brotscheiben und aufgelegten Steinpilzstreifen ist lecker. Ebenso ist das folgende Nachtessen mit «Rüeblisuppe», Rotkabis, Teigwaren mit Tessinerwurst und zum Abschluss mit einer feinen Linzertorte köstlich. Wir sind mit zwei deutschen jungen Studentinnen auf Wandertour wetterbedingt nur zu fünft in der Hütte. Umso familiärer ist der Austausch über Gott und die Welt.
«Grand beau» heisst es noch am Morgen. Die nächsten Regenwolken kommen aber bestimmt. Mit einem grossen Dank verabschiede ich mich beim Hüttenwartpaar Eppenberger. Am Wochenende werden sie wie letztes Jahr von einem Zürcher Paar abgelöst. Im Dezember erfahren sie den Zeitpunkt ihres nächstjährigen einwöchigen Hütteneinsatzes. Die Vorfreude ist gross. Mit einem bereits angefüllten Erfahrungsrucksack lässt es sich leichter die anspruchsvolle Aufgabe angehen. Doch eines ist gewiss: Vieles ist planbar, aber die Natur ist immer stärker.
Ein langer Abstieg bis nach Cevio im oberen Maggiatal steht mir nun bevor. Auf dem abwechslungsreichen Weg geht mir ein Sprichwort nicht mehr aus dem Sinn: «Die Berge scheiden das Wasser, aber bringen die Menschen zusammen.» Wie wahr!





