Ich und Jodeln?!
28.05.2025 KöllikenMein Besuch für die Reportage «Blickwechsel» ist beim Jodlerklub Kölliken. Nebst dem normalen Gesangstraining bereiten sich die 15 Sängerinnen und Sänger zurzeit auf das Eidgenössische Jodlerfest 2026 in Basel vor. Ein Abend, der mir wortwörtlich ...
Mein Besuch für die Reportage «Blickwechsel» ist beim Jodlerklub Kölliken. Nebst dem normalen Gesangstraining bereiten sich die 15 Sängerinnen und Sänger zurzeit auf das Eidgenössische Jodlerfest 2026 in Basel vor. Ein Abend, der mir wortwörtlich einen Blickwechsel ermöglichte.
jaf. Bereits bei der Vorstellung, dass ich mich im Jodeln versuche, ziehen sich meine Mundwinkel automatisch nach oben. Es ist eine Musikrichtung, mit der ich zuvor fast keine Berührungspunkte hatte. Bis auf die Kindheitserinnerung, als mein Vater in einer immensen Lautstärke zuhause seine Gesangstimme mit einem Jodel geschmeidig hielt und ich mir genierlich dachte: «Papa, musst du denn das ganze Quartier besingen?»
Ich muss zugeben, etwas voreingenommen bin ich. Denn bis jetzt habe ich den Jodel stets mit einer etwas älteren Generation, eben zum Beispiel mit der meines Vaters, verknüpft und somit dem traditionellen Gesang ehrlicherweise nie nähere Beachtung geschenkt.
Nun, umso neugieriger bin ich auf den Besuch beim Jodlerklub Kölliken. Als mir Markus Hiltmann, Vizepräsident des Jodlerklubs, bei der Terminabsprache in einer E-Mail schreibt: «Wir sind schon auf deine Gesangsstimme gespannt.», kommt in mir ein erstes peinlich berührtes Gefühl hervor und ich bereite mich schon mental darauf vor, dass ich mich womöglich «zum Affen» machen könnte.
Ich lege die Karten auf den Tisch
Mit gemischten Gefühlen fahre ich Richtung Kölliken. Obwohl ich immer gerne neue Erfahrungen mache und generell keine Probleme habe, über mich selbst zu lachen, begleitet mich doch der Gedanke: «Es wäre mir lieber, wenn sie mit mir Lachen, als dass es ein peinliches Schweigen gibt, wenn ich mich beim Jodeln versuche.» Fest überzeugt von meinem Nicht-Können entscheide ich mich noch auf der Hinfahrt dazu, ihnen dies gleich am Anfang des Probesingens mitzuteilen, um eine mögliche unangenehme Situation zu entkräften.
Es gilt ernst
Entschlossen und noch in meinen Gedanken vertieft, schreite ich Richtung Aula. Plötzlich begegnet mir vor dem Eingang ein herzliches Lächeln, welches mir schlagartig jegliche aufgebaute Anspannung nimmt. Es ist Markus Hiltmann. Er teilt mir mit, dass der Jodel nicht einfach sei und die meisten erst mit einem Kurs und viel Übung wirklich jodeln können. «Du kannst mit uns im Begleitgesang mitsingen», fügt er hinzu. Ich fühle mich erleichtert. Zusammen mit Martin Erdös, dem Präsidenten des Jodlerklubs, welcher ebenfalls zu uns gestossen ist, betreten wir die Aula. Dort richten sich bereits die Sängerinnen und Sänger sowie der Dirigent Martin Flury ein. Fragende und zugleich freudige Blicke treffen mich. Markus löst die Fragezeichen auf und stellt mich kurz vor. Ich erzähle, warum ich diese Reportage mache und natürlich von meinen Gedanken, welche ich zuvor in meinem Auto hatte.
Sätze wie: «Ach was, das funktioniert schon» oder «Es soll dir einfach Freude machen» werden mir ermutigend zugesprochen. Wärmende Worte, die den bevorstehenden Abend von Beginn an unkompliziert und persönlich werden lassen.
Turnen, um zu singen
Helene Wagner-Dahinden, eine der drei Jodlerinnen, zeigt gleich auf den Stuhl neben sich und sagt: «Du kannst dich hier zu uns setzen.»
«Hier rechts von uns sind die Bassstimme 1 und Bassstimme 2, Catherine Graf, Regula Kiechle und ich jodeln und links von uns sind die Tenor 1 und Tenor 2 Stimmen», erklärt sie mir. Martin, der Dirigent, fängt gleich mit einigen Lockerungsübungen an. Wir schütteln Arme und Beine, drehen und strecken uns. Anschliessend folgen Atemübungen, wobei wir die eingeatmete Luft mit einem Impuls aus dem Bauch stossartig ausatmen. «Das ist gut, um das Zwerchfell zu lockern», erklärt Helene.
Es folgen die ersten Töne. Dabei fällt mir auf, dass Martin kein Klavier nutzt, um den richtigen Ton zu finden. «Das können nicht viele. Er ist unglaublich talentiert», sagt Helene mit einem warmen Lächeln. Sie selbst unterrichtet in Walde einen Kinderchor, erzählt sie mir im Verlauf des Abends. Dachte ich mir doch. Denn auch Helene ist nebst ihrem gesanglichen Können äusserst talentiert, mir das Singen auf eine verständliche und sanfte Weise zu erklären.
Während wir die ersten Lieder singen, ich erhalte den jeweiligen Text dazu, bemerke ich, wie befreiend es ist. Auch wenn noch etwas zaghaft in der Lautstärke, bin ich inzwischen losgelöst von jeglichen Gedanken, die mir zu Beginn noch im Kopf schwirrten. Wobei ich glaube, dass es nicht nur das Singen allein ist. Vielmehr ist es die herzliche und unvoreingenommene Art in der Gruppe, welche vom ersten Moment an spürbar war.
Für einen Witz reicht es noch immer
Als nächstes ist das Lied «Es Wetter chunnt» zu üben. Mit diesem tritt der Jodlerklub am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel an. Ich pausiere. Martins Gesichtsausdruck wird etwas konkreter, wobei er selbst jetzt noch mit seinen Spässen die Runde zum Lachen bringt. Nach dem ersten Durchgang geht Martin mit den Sängerinnen und Sängern die Problemstellen durch. Zum Beispiel, wo im Stück eingeatmet werden soll, damit der nächste Ton genügend Kraft hat. Dabei ist es weniger eine hierarchische Kritik, viel mehr ist es ein gemeinsames Besprechen und Austauschen. Einige Male zeigt es Martin auch gesanglich, wie er es sich vorstellt. Ich bin beeindruckt, denn es scheint, als ob er nicht nur ohne Klavier anstimmen kann, sondern gleich alle Stimmen im Gesang und Jodel performen kann. Ein weiteres Kriterium der Jurorinnen und Juroren ist auch die genaue und klare Aussprache der Worte im Text.
Von der Gruppe erfahre ich, dass sie sich bereits in Sempach mit einer Bestnote 1 für das Eidgenössische Jodlerfest qualifiziert haben. Während sie an Gesang und Jodel feilen, ich meine Fotos mache und zuhöre, stelle ich fest, dass sich im Verlauf des bisherigen Abends meine Sichtweise auf den Jodel verändert. Es ist ein Gesang, der eine positive Stimmung in sich trägt und irgendwie ist diese ansteckend. «Mir gefällts!» Besonders die drei Jodlerinnen mit ihren klaren Stimmen imponieren mir.
Anschliessend folgt noch ein selbstkomponierter Naturjuiz von Martin. Dies ist ein Lied, welches ohne Text, also nur mit Jodel gesungen wird. Übrigens sind die gesungenen Silben je nach Region in der Schweiz unterschiedlich. Helene erzählt mir, dass sie sich, wenn nicht vorhanden, die Silben, die sie singen möchte, im Notenblatt an der gewünschten Stelle notiert.
Der Abend neigt sich langsam dem Ende zu und Helene, welche einige Tage zuvor Geburtstag hatte, darf sich ein Lied aussuchen, welches die anderen ihr vorsingen. «Das ist eine Tradition bei uns», wird mir gesagt. Voller Vorfreude wünscht sie sich «Es Wetter chunnt» von ihren Gesangkolleginnen- und kollegen.
Durstlöscher
Zum Ende der Singstunde werde ich von einigen zum «Schlusstrunk» im Restaurant eingeladen. Ich nehme die Einladung an und folge der Truppe. Im Restaurant Central angekommen, lädt Helene in Bezug auf ihren Geburtstag alle auf ein Getränk ein und wir tauschen uns in gemütlicher Runde zusammen aus. Ich möchte mir noch die letzten Notizen machen, da bemerke ich, dass ich vieles, was während des Abends in meinem Kopf herumschwirrte, noch gar nicht aufgeschrieben habe. So entstehen die meisten dieser Zeilen aus einer bereichernden Erinnerung.
Auch wenn ich mir nach wie vor sicher bin, dass ich nie eine Jodlerin werden kann, so hoffe ich doch nach diesem Abend, dass es genügend Nachkömmlinge gibt, die diesen fröhlichen Gesang noch lange weiterleben lassen. Ich fahre mit vielen neuen Erkenntnissen zufrieden nach Hause und werde beim nächsten Mal, wenn ich meinen Vater sehe, einiges für einen Austausch über den Jodel bereithalten.
«Blickwechsel»
Unsere Region hat viel zu bieten. Sei es Kultur, Sport, Soziales, Musik oder Natur. Gleichgesinnte, gleiche Bedürfnisse oder Tätigkeiten bewegen Menschen dazu, sich in Vereinen zusammenzuschliessen. Ich selbst würde mich nicht als Vereinsmensch bezeichnen, obwohl mir der Gedanke, zusammen ein Hobby auszuüben, Gemeinsames erarbeiten und erleben sehr gefällt. Das Bestehen solcher Zusammenschlüsse ist für unsere Region enorm wichtig. Wie bedauernswert es doch wäre, wenn es zum Beispiel keine Turnerabende mehr gäbe? Leider höre ich oft den Wunsch nach mehr Mitgliedern. Nun ist es an der Zeit, den Blick von innen nach aussen zu richten. Deshalb probiere ich verschiedene Aktivitäten in Vereinen und Institutionen aus, um mehr über das Vereinsleben und regionale Tätigkeiten zu erfahren.


