Für einen Plan B reicht die Zeit nicht
15.05.2025 LeimbachÜber 100 Leimbacherinnen und Leimbacher folgten der Einladung der Gemeinde zur Informationsveranstaltung, in der die Chancen und Risiken einer im Raum stehenden Gemeindefusion erläutert wurden.
rms. Das Interesse der Bevölkerung war offensichtlich ...
Über 100 Leimbacherinnen und Leimbacher folgten der Einladung der Gemeinde zur Informationsveranstaltung, in der die Chancen und Risiken einer im Raum stehenden Gemeindefusion erläutert wurden.
rms. Das Interesse der Bevölkerung war offensichtlich grösser als erwartet. 66 Stühle hatten die Verantwortlichen der 531-Seelen-Gemeinde im Leimbacher Gemeindesaal für die Besucher bereitgestellt. Schon 10 Minuten vor Beginn der Veranstaltung waren diese besetzt. Um 19 Uhr waren dann über 100 Besucher zugegen, als Gemeindeammann Hannelore Zingg die Anwesenden begrüsste. Sie sagte, von einer Fusion sei man zurzeit noch «gaaanz weit weg», obwohl die Aussichten für die Gemeinde Leimbach nicht rosig seien und leitete rasch zum Referenten des Abends, Peter Weber, über. Dieser hatte vor ein paar Jahren als Gemeindepräsident von Wil und Mettauertal eine Gemeindefusion von A bis Z durchexerziert und danach als Experte für Gemeindefusionen bei der Beratungsfirma Hüsser Gmür + Partner angeheuert. Seine Aufgabe in den letzten Wochen war es, die Grundlagen hinsichtlich der angedachten Fusion zwischen Leimbach und Reinach zusammenzutragen. Die Resultate seiner Recherchen aus Leimbacher Sicht sollten nun an diesem Abend präsentiert werden.
Viel Erfahrung des Experten
Peter Weber beschrieb mit verständlichen Sätzen, allerdings in einem horrenden Tempo, seine Erkenntnisse, welche er auf rund 30 Folien zusammengefasst präsentierte. Aufgrund seiner Beratertätigkeit konnte er in vielen Fällen auf Praxisbeispiele aus bereits durchgeführten Fusionen verweisen. Das machte seine Ausführungen lebendig und nachvollziehbar. Zunächst ging Weber auf die Eckwerte ein und bereits da fiel dem Experten ein wichtiges Detail auf: «Die Gemeindeverwaltung ist gut aufgestellt und kompetent. Aufgrund der tiefen Einwohnerzahl sind die Nettoverwaltungskosten höher als in Gemeinden mit deutlich höheren Einwohnerzahlen. Reinach AG als Beispiel hat bei 9\'500 Einwohnern Nettoverwaltungskosten von 263 Franken pro Einwohner gegenüber 895 Franken in Leimbach.» Die Ortsbürgergemeinde, die vor allem für die Forstwirtschaft zuständig ist, könnte aufgrund der aktuellen Zahlen vorerst so weiterbestehen. Es stelle sich aber die Frage, was passiert, wenn im Forstbetrieb aargau-Süd, der auch den Leimbacher Forst bewirtschaftet, grössere Anschaffungen nötig würden.
Schon mehrfach mit Reinach verbunden
In vielen Bereichen arbeitet Leimbach schon jetzt eng mit Reinach und – teilweise in Verbunden – mit weiteren Gemeinden zusammen. Diese Zusammenarbeit funktioniert gut. Gerade im Bereich der Kreisschule Reinach-Leimbach (Kindergarten und Primarschule) habe man derzeit eine für Leimbach ideale Lösung. Weber durchleuchtete aber auch Bereiche wie die Raumplanung oder den Finanzplan, wo vor allem bei der Investitionsplanung und den Spezialfinanzierungen der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung ein Raunen durch den Saal ging. «Es wäre wohl möglich, dass Leimbach ohne Fusion weiterbestehen könnte, aber dann bräuchte es einen Steuerfuss von vielleicht 150 Prozent», rechnete Weber vor. Schwer verdauliche Kost in einer Gemeinde, deren Steuerfuss bei derzeit 122 Prozent liegt.
Starke Überschuldung droht
Die Situation in der Gemeinde Leimbach kann, gemäss Experte Weber, als schwierig eingestuft werden. Der Finanzplan zeigt auf, dass es in den nächsten Jahren zu einer starken Überschuldung kommen werde. Zudem seien einige Investitionen vor allem in den Werken in den vergangenen Jahren aufgeschoben worden, so dass hier ein Investitionsstau entstanden sei. Die Besetzung der Gemeinderatsmitglieder gestaltete sich in den vergangenen Jahren schwierig, ob das in Zukunft besser wird, dürfe bezweifelt werden.
Für Gemeinden wird’s schwierig
Die grössten Risiken liegen in der Besetzung der Behörden sowie in der Grösse der Gemeinde Leimbach. Gemeinderäte benötigen genügend Zeitressourcen, welche in kleineren Gemeinden meistens nicht adäquat abgegolten werden. Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für kleine Gemeinden ist eine gute Vernetzung in die kantonale Verwaltung als auch in die Politik. Dies bedingt, dass Gemeindeammännern sowie der Verwaltungsleitung genügend bezahlte Zeit zur Verfügung gestellt wird, um diese Vernetzung aufzubauen. Gerade auch in Verbänden sind es meistens die Gemeindepräsidien von grossen Gemeinden, welche im Vorstand sitzen und die Weichen stellen.
Klare Empfehlung
Aufgrund der von Hüsser Gmür + Partner erhobenen und ausgewerteten Daten und Fakten werde der Gemeinde Leimbach die vertiefte Prüfung eines Zusammenschlusses mit anderen Gemeinden empfohlen. Aufgrund der Nähe zu Reinach als auch der bereits sehr intensiven Zusammenarbeit, dränge sich die Prüfung eines Zusammenschlusses mit der Gemeinde Reinach auf. Der 18-seitige Grundlagenbericht kann von der Website der Gemeinde Leimbach heruntergeladen werden.
Rege Diskussionen
Anschliessend an die Ausführungen von Peter Weber standen er und der Gemeinderat für Fragen Red und Antwort. Und die liessen nicht lange auf sich warten. Etwa, was denn Reinach dazu bewegen könnte, einer Fusion zuzustimmen. «Leimbach wäre eine hübsche Braut», meinte Weber mit Verweis auf die gut aufgestellte, kompetente Verwaltung und die hohe Steuerkraft. Wie denn die Werte des Bräutigams Reinach aussehen, wollte ein Votant wissen. So weit sei Weber aber noch nicht, für Reinach würde nun ein ebensolcher Grundlagenbericht erstellt. Dieser sei aber zurzeit noch in Entstehung.
Wasser steht bis zum Hals
Offensichtlich lag die Frage im Raum, ob denn auch andere Gemeinden für die Fusion mit Leimbach in Frage kämen oder überhaupt angeschaut worden seien. Weber gab zu bedenken, dass aufgrund der Nähe, der bereits bestehenden Zusammenarbeit in vielen Bereichen und nicht zuletzt aufgrund des spürbaren gegenseitigen Vertrauens Reinach schon die beste Wahl sei. Der Leimbacher Vizeammann Benno Woodtli führte aus, dass man mit dem Fusionsbedarf ein Problem laut ausgesprochen habe, was sich andere Gemeinden erst hinter vorgehaltener Hand zuraunten. Aber man sehe in Leimbach, dass dringender Handlungsbedarf bestehe. «Uns steht das Wasser bis zum Hals.» Was der Plan B sei, falls die Fusion mit Reinach scheitern würde, wollte jemand wissen. Woodtli machte klar, dass man zum jetzigen Zeitpunkt keine Ressourcen für einen Plan B habe. Peter Weber konnte viele Bedenken abfangen, indem er erklärte, dass die genauen Bedingungen für die Fusion gemeinsam erarbeitet und der Fusionsvertrag schliesslich von beiden Gemeinden an der Urne abgesegnet werden müsste. Für Heiterkeit sorgte ein Gast mit der Bemerkung: «Ich bin nach 30 Jahren in Reinach nach Leimbach umgezogen. Ich muss jetzt nicht wieder in Reinach landen.»
Wie geht es weiter?
Zum Schluss orientierte Gemeindeammann Zingg, dass als nächster Schritt eine Projektorganisation geschaffen werde, in der Leimbach und auch Reinach gleichwertig vertreten seien. Gleichzeitig rief sie alle dazu auf, mitzuarbeiten und sich in den Prozess einzubringen. Es seien drei Büros angefragt worden, um die Gemeinden bei der Fusion zu begleiten. Die Offerten stünden aber noch aus. Und voraussichtlich würde der Projektierungskredit in beiden Gemeinden Ende dieses Jahres zur Abstimmung kommen. Hannelore Zingg dankte den Anwesenden für die umwerfende Beteiligung und überreichte dem Referenten Peter Weber ein Päckli – Leimbacher – Kirschstengeli, wie sie betonte.

