Eine Glückswelle gelungener Geschichten
28.05.2025 Region, HallwilEs begann mit lebhaftem Stimmengewirr und endete mit solchem. In den Stunden dazwischen drehte sich alles um eines der schönsten Themen überhaupt, um Bücher. Eine Momentaufnahme.
grh. Kurz vor 18 Uhr, auf der MS Brestenberg bei der Schifffahrtsgesellschaft, ...
Es begann mit lebhaftem Stimmengewirr und endete mit solchem. In den Stunden dazwischen drehte sich alles um eines der schönsten Themen überhaupt, um Bücher. Eine Momentaufnahme.
grh. Kurz vor 18 Uhr, auf der MS Brestenberg bei der Schifffahrtsgesellschaft, Boxen, Mikros und Kabel sind dank Monique und Emiliano Cecuta platziert. Langsam trudeln die Bibliothekarinnen aus Beinwil am See, Birrwil, Fahrwangen, Hitzkirch, Hochdorf, Meisterschwanden, Sarmenstorf, Seengen und Seon ein. In kleinen Teams fangen sie an, die Platznummerierung mit Etiketten zu kennzeichnen, Apéroschalen vorzubereiten und Programme zu verteilen. Es bedarf nicht vieler Worte, nach zwölf Literaturschiffahrten sitzt jeder Handgriff. Währenddessen machen sich die Autoren Simon Libsig und Jan-Philipp Sendker mit dem Schiff vertraut. Luzia Stettler wird für das Mikrofon «verkabelt».
Eine knappe Stunde später legt das Schiff ab und macht sich auf Richtung Seerose. «Ich bin gespannt, ob die Schlange ebenso dicht ist wie bisher», sagt Simone Huber, die in Birrwil und Meisterschwanden tätig ist. «Denn durch das neue Reservationssystem weiss ja jeder, wo er sitzt. Die Eroberung des Tisches fällt weg.» Und so zeigen sich denn auch die Wartenden am Steg entspannter als in den Jahren zuvor.
Begeisterung fürs Lesen
Noch ein kleines bisschen Nervosität bleibt bei Luzia Stettler übrig. Viele kennen ihre Stimme von SRF-Literatursendungen wie «Buchzeichen», «Trio Literal» oder «52 Beste Bücher». Für ihr Engagement, die Lust am Lesen in die breite Bevölkerung zu bringen, hat der Schweizerische Buchhändler- und Verlegerverband sie 2011 zum «Schweizer Buchmensch des Jahres» gewählt.An diesem Abend stellt sie ein paar ihrer Lieblingsentdeckungen der vergangenen Monate vor.
Sie startet mit «Halbinsel» von Kristine Bilkau. Es ist die Geschichte zweier Frauen. Annett, Ende 40, hat Tochter Linn nach dem Tod ihres Mannes allein grossgezogen. Doch die junge Umweltvolontärin bricht während des Vortrags an einer Tagung zusammen. Sie kommt zur Erholung nach Hause ans nordfriesische Wattenmeer. Die geplante Woche reicht nicht aus. «Irgendwann bekommt Annett einen Anruf. Das Tagungshotel meldet sich, will einen Schaden bezahlt bekommen. Es tauchen viele Fragen auf. Als Leserin will ich wissen, ob Linn gelogen hat. Und wenn ja, warum - überhaupt finden die zwei Vertreterinnen unterschiedlicher Generationen zusammen?» Luzia Stettlers Hände haben schnell aufgehört zu zittern. Stattdessen gestikuliert sie lebhaft. Die Begeisterung für die mitgebrachte Lektüre hat das Publikum nach wenigen Sätzen angesteckt.
Die Inspiration der Realität
Weltenwechsel. Jan-Philipp Sendker war viele Jahre Amerika- und Asienkorrespondent beim Stern. Er hat Burma, China und Japan bereist, nimmt die Länder als Handlungsorte seiner Romane. Als er beschreibt, wie viel Recherche in jedem seiner mittlerweile acht Romane steckt, fragt man sich: Wie entsteht aus all diesen Eindrücken eine Geschichte? Jan-Philipp Sendker schildert: «Eigentlich gehe ich einem Phänomen nach und die Menschen dahinter befreien mich von meinen Vorurteilen bis ich eine Idee habe.» In dem Moment fange er an zu schreiben. «Und ich versuche darauf zu vertrauen, dass der Weg, den die Figuren nehmen uns alle an ein gutes Ziel führt.»
Zurück aus Japan nutzen viele Zuhörerinnen und Zuhörer die Pause, um sich am Büchertisch der Wynabuchhandlung einzudecken. Doch um Viertel vor Neun lockt die Aussicht auf Simon Libsigs melodiöse Geschichten die Menschen wieder auf ihre Plätze. Der 48jährige Familienvater hat 2000 angefangen, sich in die Kunst der Poetry Slams einzuarbeiten. Seither hat er seine bewegte Sprache weit darüber hinaus entwickelt: Kolumnen, Kinderbücher, Romane, Workshops und vieles mehr. Das Faszinierende, Simon Libsig liest nicht. Er führt ein Gespräch mit seinem Publikum, das durch die vorgetragenen Geschichten immer neue Wendungen nimmt. Der Weg des Literaturschiffs führt gegen 22 Uhr zurück an den Steg der Seerose. Doch die Glückswelle gelungener Geschichten trägt die Lesenden noch an viele andere Ufer.


