Business-Member stellten Weichen fürs Happy End
01.02.2024 Sport, KommentarTrotz Nervenflattern auf der Zielgeraden schafften die Red Lions erstmals seit der Gründung im Jahr 2017 den Einzug in die Playoffs – ein absoluter Meilenstein in der Klubgeschichte! Von grosser Euphorie ist allerdings wenig zu spüren. Offenbar nimmt man historische Heldentaten ...
Trotz Nervenflattern auf der Zielgeraden schafften die Red Lions erstmals seit der Gründung im Jahr 2017 den Einzug in die Playoffs – ein absoluter Meilenstein in der Klubgeschichte! Von grosser Euphorie ist allerdings wenig zu spüren. Offenbar nimmt man historische Heldentaten einfach zur Kenntnis und geht wieder zur Tagesordnung über. Schade. Dabei winkt nun die einmalige Chance, im sportlichen wie organisatorischen Bereich die Weichen so zu stellen, dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege bleibt und der Hockeyplatz Reinach weiter aufgewertet wird.
Von Albert Fässler*
«Unmöglich Scheinendes möglich machen». So hat ex-Nati-Trainer Ralph Krueger einst seine Truppe zum Sieg gegen Russland und in den WM-Viertelfinal gezaubert. Und es gibt sie immer wieder, die wundersame Auferstehung der sogenannten «Kleinen» im Sport. Die Red Lions Reinach sind da nur das jüngste Beispiel. Vorbei jedenfalls die Zeiten, in denen die Konkurrenz für das 1.-Liga-Projekt der Reinacher nur ein mitleidiges Lächeln übrig hatte und ihm ein schnelles Ende prophezeite.
«Wir haben deutlich mehr Substanz im Vergleich zum Vorjahr. Jetzt muss es definitiv ein Platz in den Playoffs sein», gab Simon Schnyder nach dem Sieg im Derby gegen die Argovia Stars (5:2) Ende September 2023 zu Protokoll.Allerdings wusste da noch keiner, dass der Kantonsrivale in der Folge zum «Kanonenfutter» der Konkurrenz werden und aus 22 Partien keinen einzigen Punkt holen würde. Wird ihnen der Platz nachträglich nicht am «grünen Tisch» geschenkt, dann war es das mit 1.-Liga-Hockey und den Derbies zwischen den Red Lions und den Argovia Stars. Die Tristesse hielt aber auch in Reinach bald Einzug und nach nur einem Sieg aus den ersten vier Spielen musste Trainer Christof Amsler seinen Garderobekasten räumen. «Er kann das spielerische Potenzial dieser Mannschaft nicht ausschöpfen», begründete Sportchef Daniel Zeber seinen Entscheid und übernahm Training wie Coaching zusammen mit dem früheren Ersatzgoalie Marc Witschi gleich selber. Die Wende zum Guten liess allerdings auf sich warten, gingen die ersten drei Partien unter dem Interimsduo doch allesamt verloren. Hatten viele aus dem Umfeld über die Eigenmächtigkeit des Sportchefs und dessen «Schneckentempo» bei der Suche nach einem neuen Trainer noch verständnislos den Kopf geschüttelt, so sah sich dieser in seiner Einschätzung der sportlichen Situation schliesslich bestätigt. Mit drei Siegen in Serie gelang im November der erhoffte Befreiungsschlag und 53 Tage nach der Entlassung Amslers konnte in Adriano Pennaforte auch ein neuer Trainer präsentiert werden. Der Rest ist bekannt.Trotz flatternden Nerven und einem stetigen Auf und Ab konnte die Playoff-Teilnahme in der zweitletzten Runde (2:1 gegen Luzern) sichergestellt werden. Und so nebenbei haben die Aargauer übrigens auch die erste Hauptrunde im National Cup 2024/25 erreicht.
Business Club wichtiger denn je
Wer wie einst Buchhalter Nötzli alle bisherigen Ergebnisse unter die Lupe nimmt, macht die erstaunliche Feststellung, dass die Red Lions mit Witschi/ Zeber an der Bande mehr Punkte als mit den beiden Lizenztrainern sammelten. Die genauen Zahlen dazu: Amsler (4 Spiele, 3 Punkte), Witschi/ Zeber (11 Spiele, 18 Punkte), Pennaforte (7 Spiele, 10 Punkte). Letzterem winkt immerhin die Chance, seine Bilanz im Playoff gegen den HC Prättigau-Herrschaft (Start am 6. Februar, siehe Kasten) weiter aufzupolieren. Auf der Suche nach den Baumeistern der Saison 2023/24 ist Daniel Zeber zweifellos die wichtigste Figur. Als verantwortlicher Sportchef zahlte er dem Vorstand das in ihn gesetzte Vertrauen mit Zins und Zinseszinsen zurück, holte mit Cédric Maurer, Jan Mosimann und Simon Pfister echte Verstärkungen nach Reinach. Ganz im Sinne des Leistungsdenkens musterte er gleichzeitig auch Spieler aus, die aus seiner Sicht höheren Anforderungen nicht mehr genügten. Eine andere Geste spricht ebenfalls für ihn: Um das vorgegebene Budget einhalten zu können, verzichtete Zeber freiwillig auf die ihm zugesicherte Aufwandentschädigung.
Das eigentliche «Filetstück» in Reinach ist allerdings der Business Club und da ging Roger Faes (Inhaber Wyna-Garage) mit leuchtendem Beispiel voran. Wenn die Stimmung nach unerwarteten Niederlagen ins Negative zu kippen drohte, überraschte der frühere SC-Reinach-Goalie das Team mehrmals mit einem Pizza-Plausch und fand zudem die passenden Worte in seinen Ansprachen. Das wiederum motivierte auch Kollegen zu freiwilligen Spenden. Dass die «Wiederbelebung» des Game Winner Clubs (10 Franken Prämie pro Punkt, zahlbar nur bei Erreichen der Playoffs) mit rund 20 Teilnehmern auf Anhieb gelang und dadurch einige tausend Franken in die strapazierte Klubkasse fliessen, ist ein erfreulicher Nebeneffekt.
Vorstand mit Steigerungspotenzial
Die aktuelle Ausgangslage ist ein Steilpass, um sich in naher Zukunft weiter zu verbessern und den Besten anzunähern. So jedenfalls sieht es die ambitionierte Planung des Sportchefs vor. Mittelfristig sieht Zeber den Klub gar in der höchsten Amateurklasse. Weil das trotz bescheidenen Entschädigungen zweifellos mehr statt weniger kostet, müsste auch der für die Finanzen verantwortliche Vorstand mindestens zwei Gänge hochschalten, seine persönlichen Beziehungen einbringen und vor allem auch selber Teil der Mittelbeschaffung sein. Oder aber, er holt Verstärkungen an Bord, öffnet die Türen und verhilft so dem 1.-Liga-Projekt zum endgültigen Durchbruch. Aufschub duldet es allein schon aus zeitlichen Gründen keinen mehr.
Somit heisst es: Jetzt oder nie die Chance beim Schopf packen! Das mögliche Potenzial ist jedenfalls riesig, aber es setzt Herz, Leidenschaft und Kampfgeist aller Involvierten voraus. Den so wichtigen Business Club müsste man stärken, indem jedes Mitglied in seinen Kreisen ein neues Mitglied rekrutiert. Aufgabe des Vorstandes ist es, primär die wichtigste aller Baustellen in der Geldbeschaffung endlich zu schliessen und geeignete Personen zu finden, die Verantwortung übernehmen. Als aussenstehender Kritiker mit Insider-Kenntnissen staunt man auch über die Tatsache, dass im Vorstand offenbar niemand für die Kommunikation zuständig ist. Die interne Bewerbung der Heimspiele läuft über die sozialen Kanäle (dank dem Sportchef) zwar perfekt, steckt extern aber total in den Kinderschuhen, womit man der Chance auf zusätzliche Matcheinnahmen gleich selber im Wege steht. Und es passt ins Bild, dass die Red Lions Reinach seit nunmehr sechs Monaten nicht mal mehr über eine aktualisierte Webseite verfügen.
*Albert Fässler war in der Gründungszeit der Red Lions Ressortleiter Sponsoring und Marketing und verteidigte das Projekt gegenüber zahlreichen skeptischen Voten, beispielsweise der Argovia Stars, deren Sportchef Heinz Leuenberger damals von einem Desaster sprach, das sich in Reinach anbahnen würde. Fässler war bis 2020 auch für die Kommunikation der Red Lions verantwortlich und schreibt heute noch gelegentlich Hintergrundartikel für das Wynentaler Blatt.
