Streiflicht
18.01.2024 Region, KolumneErwachsen
Als Kind wollte ich eigentlich gar nie erwachsen werden. Selber kochen, Rechnungen bezahlen und freiwillig aufräumen tönte nicht wie ein wirklich guter Plan. Schon damals sagte Pippi Langstrumpf: «Lieber kleiner Krummelus, niemals will ich werden ...
Erwachsen
Als Kind wollte ich eigentlich gar nie erwachsen werden. Selber kochen, Rechnungen bezahlen und freiwillig aufräumen tönte nicht wie ein wirklich guter Plan. Schon damals sagte Pippi Langstrumpf: «Lieber kleiner Krummelus, niemals will ich werden gruss». Und ich erschrecke heute noch jedes Mal, wenn ich sehe wie der kleine Oskar aus dem Film «Die Blechtrommel» mit seinem weit aufgerissenen Mund gegen die Welt der Erwachsenen protestiert. Mir gefällt allerdings der Gedanke, dass der Bub selber entschieden hat, ob er erwachsen werden will oder nicht. Wahrscheinlich würden sich heute noch viele Kinder dagegen entscheiden, Panzer wären dann aus Marzipan und Kriege könnte man einfach aufessen, die Erwachsenen würden in Grund und Boden gelacht. Kinder an die Macht! − wie es Herbert Grönemeyer 1986 besang. Wussten Sie übrigens, dass sich laut einer Studie Frauen bei der Partnerwahl wünschen, ihr Zukünftiger möge «das Kind im Manne» noch nicht verloren haben, wohingegen eine andere Studie besagt, dass sich Frauen oft deshalb trennen, weil der Mann sich «nicht erwachsen benehmen kann».
Wie man es macht, ist es nicht recht und man kann es drehen und wenden wie man will: Erwachsen sein ist anstrengend und kompliziert. Das Pflichtenheft umfasst zweiundfünfzig Kapitel mit Benimmregeln, Anforderungsprofilen und einem Fortpflanzungsauftrag. Sobald man älter wird muss man mehr Verantwortung übernehmen, höhere Krankenkassenprämien bezahlen, länger arbeiten und man kennt plötzlich den Unterschied zwischen Urologen und Proktologen. Blödeln ist verpönt, Partymachen bis 4 Uhr eine Tortur. Dazu kommt der ewige Leistungsdruck und das permanente besser sein müssen als alle anderen – und wenn es nur darum geht, schneller durch zu brettern als der Schleicher da vorne, der doch tatsächlich mit 49,9 herumgurkt. Das Leben als Erwachsener ist eine ständige Jagd nach Trophäen und Anerkennung − dabei weiss doch jeder: Einmal ist man der Hund, ein andermal das Bein, das Rennen ist lang und s’letsche Hömmli het keni Säck.
Als Kind wollte ich eigentlich gar nie erwachsen werden. Selber kochen, Rechnungen bezahlen oder freiwillig aufräumen. Im Grunde hat sich daran bis heute nichts geändert.
Remo Conoci
