«Zusammen sichtbare Erfolge erzielen»
17.11.2022 Leimbach, Reinach, KommentarDie Meldung hat es bis in die nationalen Medien geschafft: «Deutschpflicht auf dem Pausenplatz» titelt der «Blick», die CH-Medien sprechen von einem «Deutschbefehl». Auslöser für die Kontroverse um den richtigen Sprachgebrauch auf Pausenplätzen ...
Die Meldung hat es bis in die nationalen Medien geschafft: «Deutschpflicht auf dem Pausenplatz» titelt der «Blick», die CH-Medien sprechen von einem «Deutschbefehl». Auslöser für die Kontroverse um den richtigen Sprachgebrauch auf Pausenplätzen war ein Brief der Kreisschule Reinach-Leimbach an die Eltern, in welchem die Schulleitung um Mithilfe bittet und sich über die Gesamtsituation besorgt zeigt.
rc.Im Brief der Kreisschule Reinachsteht unter anderem, dass die Sprachkompetenz unter den Schülern abnehme und auch im Schulbetrieb eine andere Sprache als Deutsch gesprochen werde. «Das erfüllt uns mit Sorge», heisst es weiter, gefolgt von der Anordnung, dass auf dem gesamten Schulareal Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch gesprochen wird. In Nachberichten und in den Kommentarfunktionen wird das Thema kontrovers diskutiert, die Massnahme finden jedoch mehrheitlich Zustimmung. Der Eindruck, die Schulleitung habe aus dem Nichts ein radikales Verbot erlassen, ist jedoch klar zu verneinen − in unserer Region wird das Thema Integration vielschichtig angegangen, wie Gespräche mit den involvierten Personen zeigen.
«Es handelt sich nicht um ein Verbot»
Der Eindruck, es handle sich nur um ein Verbot, sei falsch, hält Gesamtschulleiter der Kreisschule Reinach-Leimbach, Hanspeter Draeyer, gegenüber dem Wynentaler Blatt fest und sagt, die Titel in den Medien seien «reisserisch, sensationshaschend und falsch» gewesen. «Wie wir eigentlich klar kommuniziert haben, handelt es sich nicht um ein ‹Verbot› sondern um eine pädagogische und begründete Massnahme.» Draeyer verweist auf die Argumente die im Brief Erwähnung finden und durchaus ebenso den Weg in die Titel hätten finden können: Man soll seinem eigenen Kind helfen Deutsch zu lernen und ihm die Chance geben, im Unterricht besser mitzukommen. Von Vorbildfunktionen ist die Rede und von Mithilfe, auf die man zähle. Umsichtig formuliert, wie man feststellen darf.
Auch den Eindruck, die Entscheidung stehe im Widerspruch mit der Integrationsarbeit im Oberwynental, lässt Draeyer nicht gelten: «Die Deutschförderung an der Kreisschule Reinach-Leimbach ist aufgrund der Bevölkerungszusammensetzung schon lange ein grosses Thema. Ich arbeite sehr eng mit Natalie Ammann zusammen». Die Leiterin von «impuls Zusammenleben» sei bei der Festlegung einer mittelfristigen Strategie beteiligt. «Wir haben in diesen Tagen ein Treffen, bei dem wir uns über die konkrete Zusammenarbeit zwischen Schule und den Angeboten der Integrationsstelle unterhalten. Dazu gehören Kurse in heimatlicher Sprache und die Pflege der Kultur.» Auch mit anderen Kulturkreisen stehe er in enger Verbindung: «Beispielsweise baue ich den persönlichen Kontakt mit den Schlüsselpersonen der Tulipan-Moschee auf und habe mich bereits ausgedehnt mit dem Imam der türkischen Moschee unterhalten. Keine Spur von Befehlen oder Verboten, unterstreicht der Schulleiter: «Alle diese Bemühungen und noch viel mehr dienen dazu, in der herausfordernden Situation bezüglich Schule, Zusammenleben, Integration, gegenseitiges Verständnis und Zusammenwirken sichtbare Erfolge zu erzielen.»
«Aufgabe der gesamten Gesellschaft»
Ähnlich tönt es bei Bruno Rudolf, der im Gemeinderat Reinach für die Bildung zuständig ist: «Wir an unserer Schule sehen uns verpflichtet, den nicht deutsch sprechenden Kindern eine möglichst gute Ausgangslage zu schaffen, damit sie sich später im anspruchsvollen Arbeitsmarkt behaupten können.» Das gehe nur, wenn sie die Sprache ihres Aufenthaltsortes beherrschen würden, hält Rudolf fest. «Es kann und darf nicht sein, dass sich Schweizer Kinder zum Beispiel albanischen Kindern und deren Sprache anpassen müssen.» Die Immigranten seien in der Schweiz willkommen, hält Rudolf weiter fest, der für die SVP im Grossen Rat sitzt: «Allerdings sollen sie sich an unsere Kultur anpassen, und nicht umgekehrt.» Auf politischer Ebene nennt Rudolf das Kernprojekt «frühe Sprachförderung», das der Regierungsrat nach seinem Vorstoss initiiert hat. «Das dreijährige Pilotprojekt ‹Deutschförderung vor dem Kindergarten› nimmt sich genau dieser Thematik an. «Wir bieten vieles an, es muss nur genutzt und angewendet werden». Der Ton, den Rudolf anschlägt ist bestimmt, aber frei von Vorurteilen. Eine gute Lösung zu finden sei schliesslich Aufgabe der gesamten Gesellschaft, sagt er.
«Mehrsprachigkeit nicht als Problem darstellen»
Dass die zu sprechende Sprache in der Schule Deutsch ist, ist auch für Natalie Ammann klar. Doch die Integrationsbeauftragte im Dienste des Regionalverbands Aargau Süd kennt beide Seiten: «Ich verstehe die Beweggründe für diese Massnahme, halte es aber für einen Fehler, Mehrsprachigkeit als Problem darzustellen.» Ammann gibt auch zu bedenken, dass Kinder – sollten sie das Deutschsprechen als Zwang erleben – es negativ bewerten könnten: «Wollen wir, dass Deutsch sprechen ähnlich beliebt wird wie Zähne putzen oder Zimmer aufräumen?». Aber ja, es brauche unbedingt einen riesigen Effort von allen Beteiligten, «damit diese Kinder früher und besser Deutsch lernen können. Wenn der frühe Sprachkontakt gelingt, ist Mehrsprachigkeit eine Chance: «Ich bin froh, dass ich sowohl von Seiten der Schule als auch von Seiten der Migrationsbevölkerung die Bereitschaft spüre, in diesen Fragen konstruktiv zusammenarbeiten zu wollen − Schlagzeilen hin oder her».
Fazit: Die Situation, wie sie sich im Oberwynental präsentiert, mit dem hohen Ausländeranteil, der auch als Gewinn betrachtet werden kann und dem Sprachproblem, das der hiesigen Kultur Schaden zufügen könnte − ist wie alle anderen Facetten allseits bekannt. Gemessen an diesen Gesprächen scheint das Oberwynental gut genug aufgestellt zu sein, um die Herausforderungen auch abseits der nationalen Schlagzeilen bewältigen zu können.
Die eine Sprache
«Seit Ende Oktober darf auf dem gesamten Schulareal der Kreisschule Reinach-Leimbach offiziell nur noch Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch gesprochen werden», so beginnt ein Artikel der Aargauer Zeitung in der vergangenen Woche. Jetzt muss ich Ihnen, bevor Sie weiterlesen, mitteilen: Ich bin in Spreitenbach aufgewachsen. In der ersten Primar sassen in meinem Schulzimmer zwei Schweizer. Das heisst, es waren neben Deutsch viele weitere Sprachen vertreten.
Ich versuche mir nun vorzustellen, wie eine solche Regel den Alltag auf unserem Pausenplatz verändert hätte. Die wenigen Sätze, die es brauchte, um «Wer hett Angst vorm schwarze Maa?» (Mir ist bewusst, dass die damalige Formulierung heute bereits auf ganz andere Weise ins Bewusstsein der Menschen getreten ist) zu spielen, hatten wir uns alle gegenseitig beigebracht. Und für das Gebrüll während des Rennens brauchten wir keine Worte. Ebenso wenig wie beim Klettern über Bäume und Steine oder beim Kaulquappen bestaunen.
Ein Moment der bewussten «Sprachkonfrontation» waren zwei neue Schüler, die direkt aus Dänemark zu uns stiessen. «Hab Acht, ob Hans-Christian versteht, was er tun soll. Wenn er es nicht versteht, erklär es ihm. Aber du musst dabei Hochdeutsch sprechen», sagte meine Lehrerin zu mir. Hochdeutsch – ausserhalb der Schule kannte ich das nur aus dem Fernsehen. Ich möchte nicht wissen, wie seltsam meine Sätze dem neuen Kameraden damals vorgekommen sein mögen. Geschweige denn die dialektische Färbung – die übrigens allen meinen Lehrern bis hinauf zur Kantonsschule eigen war. Nichts von alledem erwies sich als Hochdeutsch, wie ich nach meinem Umzug nach Karlsruhe feststellte.
Natürlich hat die Sprache einen Einfluss auf die berufliche Zukunft. Aber gilt das tatsächlich nur für Deutsch? Ist Englisch kein Aspekt? Oder je nach Berufswunsch Französisch? Italienisch? Ist ein Verbot das Mittel der Stunde, um Menschen die Bedeutung von Sprache und ihrem wichtigsten Nutzen, der Kommunikation näherzubringen? Apropos Kommunikation: Messen wir dem Miteinanderreden von Mensch zu Mensch genug Bedeutung bei? Erwachsene untereinander? Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen? Oder flüchten wir uns in den Nutzen technischer Hilfsmittel? Was tun, wenn Jugendliche sich ihren eigenen Ausweg vom Verbot suchen? Dann könnte es sein, dass es auf den Pausenplätzen plötzlich stiller wird. Denn wer nicht auf die «falsche» Sprache hingewiesen werden will, kann ja auch einfach das Handy nutzen…
Wir versprechen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wir bleiben an diesem Thema dran. Wir werden Gespräche suchen und finden − seien Sie gespannt.
Graziella Jämsä, Redaktorin



