Verwechslungen und Irrungen rund um Matter
23.09.2021 KolumneDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
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Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Während des Katz- und Mausspiels zwischen Bernhart Matter und den aargauischen Polizeibehörden, in den Tagen bevor Matter Ende Dezember 1853 wieder ins Elsass flüchtete, haben sich manche Intermezzi abgespielt, die zum Teil eines gewissen Humors nicht entbehren. Zunächst in Lenzburg:
Zum Beispiel um einen gewissen Johannes Seiler, genannt Malchus, von Beruf Küfer: Dieser soll in der Pintenwirtschaft in der Burghalde in Lenzburg sechs neue eidgenössische Fünfliber herumgezeigt haben. Dies kam Albert Rohr gerüchteweise zu Ohren, und da Malchus ein armer, mehrfach ausgepfändeter Schlucker war, vermutete Rohr sogleich in Seiler den Urheber eines Einbruchs in sein Geschäft. Ausserdem behauptete sein Lehrling, er habe am Sonntag vor dem Einbruch zwei Brüder von Malchus im Rathausgässchen stehen sehen, als gerade im Büro Geld gezählt wurde. Die beiden seien durch den Silberklang aufmerksam geworden und hätten verdächtig durchs Fenster hereingeschaut. Man vermutete nun, Matter sei durch einen dieser Brüder Seiler, von denen man schon früher munkelte, sie seien mit ihm in Verbindung, auf das Geld im Hause Rohr aufmerksam gemacht worden. Malchus soll den Windelbohrer geliefert und Wache gestanden haben. Im «Lenzburger Wochenblatt» vom 5. November 1853 wurde unverblümt auf die «Ortskenntnis der Täter und somit auf einheimische Diebe» hingewiesen. Das Bezirksamt ordnete eine Hausdurchsuchung bei Malchus an, aber «ausser arm seligem Hausrat fand sich nichts Verdächtiges vor – weder Geld noch ein in Frage kommender Centrumsbohrer». Malchus wurde so mit vom Bezirksamt in Ruhe gelassen. Doch dieser wurde nun seinerseits dem Bezirksamt aufsässig und verlangte in einer Klageschrift wegen einer unschuldigen Hausuntersuchung» volle «Salifaktion». Nachfolgend das «eigenwillig formulierte» Schriftstück im Wortlaut:
Hochgeachter Herr Präsident. Hochgeachte Herren
Vergangenen Freitag ist mir das Haus untersucht worden. Da zur Hausuntersuchung sind gekommen, der Polizeipräsident wie der Herr Amtsschreiber und dann der Amtsweibel und der Landjäger Schatzmann.Als ich sie freiwillig doch unschuldiger Art die Hausuntersuchung habe vornehmen lassen. Und sie in meiner Wohnung beim geringsten nichts gefunden haben als was ich mit Fleiss und Arbeit erworben habe. Und aber solche Unternehmung kann ich nicht leiden! den ich bin an Leib und Seel sehr stark gekränkt. Und ich in meiner ganzen Lebenszeit solche Unternehmung nicht habe erleben wollen. Dass solches Vornehmen hat vorgehen müssen bin ich nicht Schuld daran, und ich wollte auch wissen woher die Sache komt. Und als ich zum zweiten mahl an das Hochgeachtete Bezirksamt geschrieben habe, und den Kläger um Salifaktion und mit sammt gesetzlicher Entschädigung verlangt habe, und noch gar keine Antwort erhalten habe. Und ich wollte die Sache auch haben, und woher es rühren tut. Und wer mich in das Unglück hat stürzen wollen und es ihnen nicht gelungen ist weis ich jetzt nicht;Was schon seit längerer Zeit hin und wieder vorgegangen und noch vorgehen kann ist mir unbekannt; und habe auch mit niemanden keinen Umgang in der Nacht, und tue es auch icht. Und was das Hochgeachte Bezirksamt gesucht hat weis ich auch nicht. Aber wann Sie ungerechte Sachen gefunden hätten so hätten Sie mich gerade abgefasst; nun Gott sei mir grosser Dank, das ich nichts solches in meiner Wohnung habe und das Bezirksamt kann noch manchmal kommen so finden Sie dennoch nichts, ich mag leben so lang ich will und kan so will ich in meiner ganzen Lebenszeit nichts ungerechtes und leide auch nichts. mein Wunsch verlangt das ich den Kläger und Salifaktion schriftlich bald bekommen werde.
Lenzburg, den 14ten Dezember
Der unterzeichnete. Achtungsvoll verharre. Johannes Seiler Küffer.
Johannes Seiler wurde sowohl vom Bezirksamt als auch vom Bezirksgericht mit seiner Klage abgewiesen. Aber da er, als Mann von Ehre, sehen wollte, «ob sie könen machen mit mir was sie wollen», und da seither angeblich «mein Credit und Arbeit abnahm und ich mit Betrübnuss der Zeit entgegen hare, wo diesselbe gänzlich stocken wird», petitionierte er beim Präsidenten des Grossen Rates, «hauptsächlich in Beziehung auf Satisfaktion und Entschädigung». Sowohl Stil als Handschrift weisen darauf hin, dass sich inzwischen ein federgewandter Freund der Sache des Malchus angenommen hatte. Mit welchem Erfolg geht nirgends aus den Akten hervor.
Ein Intermezzo bildete sich auch um den mysteriösen Kapuziner Fäsch aus Rixheim im Elsass, der wegen seiner Ähnlichkeit mit Matter und einem falschen Umhängebart «allerlei Krähwinklereien zwischen Konstanz und Basel» erleben musste. Fäsch war auf einer Missionsreise begriffen und trug seinen falschen Bart, allerdings mit der bischöflichen Erlaubnis, weil ihm wegen einer Hautkrankheit kein eigener Bart wuchs. In einem Pfarrhaus im Thurgau, wo er gastfreundlich aufgenommen war, machte die Köchin die Entdeckung, dass der «ehrwürdige Bart des Paters» künstlich sei und berichtete hierüber schleunigst dem Landjäger. Als dieser herbeikam, hatte sich der Kapuziner jedoch schon wieder von seinem Gastgeber verabschiedet. Er war hierauf in St. Gallen gesehen worden, ohne dass man etwas Verdächtiges an ihm fand. Einem Zeitungsschreiber war inzwischen die Geschichte mit dem falschen Bart zu Ohren gekommen, und er setzte diese in die «St. Galler Zeitung» mit der Bemerkung: «Es steht sehr zu vermuten, dass dieser Pseudokapuziner niemand anders gewesen ist, als der weitberüchtigte Bernhart Matter. Wenigstens hat der wirkliche Matter in jüngster Zeit ähnlich vermummt auch St. Gallen und Umgebung besucht, ohne jedoch von einer löblichen Polizei belästigt zu werden.» Diese Notiz machte die Runde in Dutzenden von Schweizerblättern und brachte den reisenden Kapuziner Fäsch in nicht geringe Verlegenheit
Das «Lenzburger Wochenblatt» vom 3. Dezember 1853 berichtete: «… das durch seine Reise vom Bodensee bis Basel und durch viele Schweizerblätter wider Willen berühmt gewordene Individuum übernachtete auf seiner Durchreise auch in einem hiesigen Gasthaus. Durch den ihm vorangegangenen Zeitungslärm aufmerksam gemacht, lies der Wirt den ehemaligen Kostherrn Matters, den Gastgeber zum Jammertal (Gefangenenwart Halder) herbeiholen, um den Ankömmling zu verifizieren. Wirklich fand nun dieser auch mit Ausnahme der Nase und der eher zum Schreiben als zum Minieren eingerichteten weissen Hände etwas Matterliches an dem sonst fidelen Kapuziner, dem es übrigens nicht unbekannt war, für wen man ihn halte.»
Am 1. Dezember 1853 berichtete der «Schweizerbote»: «Der Pseudo-Kapuziner, welcher nach der St. Galler-Zeitung in Konstanz sich herumtrieb und von dem vermutet wurde, dass er der berüchtigte Matter sein möchte, ist gestern auch in Aarau gesehen und von der Polizei arretiert worden. Da derselbe, ausser dem bewussten falschen Bart, nichts Verdächtiges auf sich trug, mit einem förmlichen zutreffenden Pass versehen war und sich als ein Bruder aus dem Elsasss gültig auswies – so wurde er nach kurzem Verhör der Haft entlassen und einfach polizeilich über die Grenze begleitet.»
Als man später Matter ausforschte, ob er auch einmal in der Ostschweiz, gewirkt» habe, lachte er laut heraus. Befragt, warum er lache, gab er zur Antwort: «He, ich muss lachen, weil es hiess, ich sei im Thurgau als Kapuziner herumvagiert. Aber ein solches Kalb bin ich nicht, dass ich in der auftälligsten Tracht und mit einem falschen Haarfotzel im Gesicht unter den Leuten herumlaufe.»
Bei der Fahndung auf Matter ging viel kostbare Zeit verloren durch die zahlreichen Einbrüche, die sich bei näherer Untersuchung nicht als «Matterarbeit» erwiesen. Dessen Technik war so bezeichnend und stereotyp, dass sie selbst dem Volk auffiel und dass die Geschädigten in vielen Fällen mit Sicherheit Matter als den Urheber des Schadens bezeichnen konnten.
Über seine Technik äusserte Matter selbst: «Wenn ich in Häusern einbrach, so öffnete ich alle Türen, damit ich nötigenfalls immer irgend einen Weg zur Flucht hatte. Vor allem die gewöhnlich von innen verschlossenen Haustüren. Den Eintritt ins Haus verschaffte ich mir meistens durch Eindrücken von Läufterli, Aushängen von Schiebfenstern, Aufreissen von Fenster- und Felläden oder durch Ausbohren von Türen. Ich arbeitete immer mit der Hand, also ohne Benutzung von Schlüsseln und Dietrichen; ich verachtete diese; dagegen habe ich oft ein Brecheisen zum Aufsprengen verwendet. Ich benutzte gewöhnlich ein Licht, Kerzen und Wachsstöcke.» Gerade diese letztere Angabe ist ein besonderes Charakteristikum der «Matterarbeit». Die Wachstropfen im heimgesuchten Haus wiesen Spuren von Matters Weg; angebrannte Zündhölzer lagen gewöhnlich in den Küchen, Stuben und Kellern auf Hurden, Möbeln und Treppen herum. Die klein gebrannten Kerzenstumpen liess Matter an irgend einem unmöglichen Ort stehen. Ein weiteres Merkmal war das mit grosser Kraft und ersichtlich ohne Hilfsmittel ausgeführte «Abworgen«, Abdrehen, Aulwägen, Zerbiegen und «Zermorgsen» von Eisenteilen an Fensterladen und Türen. Es war eine etwas mehr dreiste, zynisch-freche als roh-gewalttätige Art, sich den Weg zum fremden Gut zu bahnen; Riesenkräfte, die nicht ausgeklügelt boshaft, sondern eher ungeschlacht zupackend zerstören und darum den Schwachen nicht beleidigen, sondern ihn erstaunen machen.
Die Technik war vielen bekannt. So ist es zu erklären, dass von rund elf Einbrüchen in Matters «Revier», sechs nach Art ihrer Ausführung Matter zugeschrieben werden müssten, dass aber Matter später vor Gericht für diese Einbrüche sein Alibi einwandfrei nachweisen konnte. Es handelte sich um Einbrüche ins Pfarrhaus Ammerswil, ins Schloss Liebegg des Herrn von Diessbach, ins Postbureau Baden, in die Gemeindeschreiberei Suhr, bei Nussbaum und Gysi in Aarau und in die Apotheke in Reinach.

