Deutliches Ja zu «Ehe für alle»
30.09.2021 Abstimmungen/WahlenDie Eheschliessung zwischen schwulen und lesbischen Paaren wird Realität: Nach einem emotionalen Abstimmungskampf haben knapp zwei Drittel der Stimmenden die «Ehe für alle» gutgeheissen. Ebenso deutlich Schiffbruch erlitten hat die «99-Prozent-Initiative» der ...
Die Eheschliessung zwischen schwulen und lesbischen Paaren wird Realität: Nach einem emotionalen Abstimmungskampf haben knapp zwei Drittel der Stimmenden die «Ehe für alle» gutgeheissen. Ebenso deutlich Schiffbruch erlitten hat die «99-Prozent-Initiative» der Juso.
fk. Das Ergebnis zur «Ehe für alle» war im Aargau praktisch identisch mit dem gesamtschweizerischen. Bei einer Beteiligung von 53 Prozent sagten 64,05 Prozent der Stimmenden Ja zur Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Sämtliche Bezirke stimmten der Vorlage zu.
Weit weniger deutlich war mit 52,8 Prozent die Zustimmung im Bezirk Kulm. 733 Stimmen gaben schliesslich den Ausschlag zugunsten der «Ehe für alle». Dürrenäsch, Gontenschwil, Leutwil, Schlossrued, Schmiedrued und Zetzwil lehnten die Änderungen im Zivilgesetzbuch ab. Am deutlichsten Nein sagten die Stimmenden in Dürrenäsch mit knapp 57 Prozent. Die Stimmbeteiligung betrug 49,8 Prozent.
Das Kulmer Ja ist bemerkenswert und zeugt von einem gesellschaftlichen Wandel in den vergangenen zwei Jahrzehnten. 2005 hatte Kulm als einziger Bezirk die eingetragene Partnerschaft für Schwule und Lesben abgelehnt. 12 der 17 Gemeinden hatten die Vorlage damals verworfen.
Ein «schwarzer Tag» für die Gegner
Nach dem deutlichen Ja der Stimmbevölkerung wird die zivile Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Zudem erhalten lesbische Ehepaare Zugang zur Samenspende. Die Befürworter feierten das Abstimmungsergebnis als «historischen Tag» und als «wichtigen Meilenstein für die Rechtsgeschiche der Schweiz». Es sei ein Ja für die längst fällige Gleichstellung, die Familienvielfalt und den Schutz der Kinder.
Die Gegner bezeichneten das Ja als «schwarzen Tag für das Kindeswohl». EDU, SVP und EVP, die die «Ehe für alle» bekämpften, störten sich insbesondere an der mit der Vorlage verknüpften Samenspende für lesbische Paare. Diese ebne das Terrain für ein «fatales Gesellschaftsexperiment und führe zu gesetzlich geförderter Vaterlosigkeit».
Ein konkreter Effekt der Annahme der «Ehe für alle» werde zudem sein, dass die Gewissensfreiheit von Zivilstandsbeamten und in naher Zukunft wahrscheinlich auch von Pastoren und Pfarrern bedroht sein werde, befürchtet die EDU. Sie würden voraussichtlich dazu gezwungen werden, gegen ihre Überzeugung gleichgeschlechtliche Paare zu trauen.
Kinder hätten ein Recht auf Vater und Mutter, hält die EVP fest. Bei der Fremdsamenspende durch gleichgeschlechtliche Paare werde jedoch der Vater des Kindes vorsätzlich gesetzlich aussen vor gelasssen, so die Partei.
«99-Prozent-Initiative» chancenlos
Wuchtig bachab geschickt haben die Stimmberechtigen die Initiative «Löhne entlasten, Kapital gerecht besteuern». In der Schweiz sagten 64,9 Prozent der Stimmenden Nein zur «99-Prozent-Initiative» der Juso im Aargau gar 70,1 Prozent.
Im Bezirk Kulm setzten 72,7 Prozent der Stimmende ein Nein auf den Stimmzettel. Über 30 Prozent Ja-Stimmen gab es nur in Beinwil am See, Burg und Teufenthal. Am stärksten war die Ablehnung in Holziken und Leimbach.
Mit ihrer Initiative wollten die Jungsozialisten, dass Einkommen aus Kapital künftig ab einem gewissen Schwellen eineinhalb Mal so hoch besteuert werden. Die Erträge sollten an tiefere und mittlere Einkommen verteilt werden. SP, Grüne, EVP und Gewerkschaften unterstützten das Begehren.
Die grosse Mehrheit der Stimmbevölkerung misstraute jedoch der Umverteilung und wollte sich nicht auf auf Experimente mit ungewissem Ausgang einlassen. Die Juso waren mit dem Anspruch angetreten, die soziale Ungleichheit und mehr Verteilungsgerechtigkeit zu schaffen – zugunsten der 99 Prozent, die nicht zu den reichsten zählen. Entsprechend enttäuscht waren sie über den klaren Abstimmungsausgang. Sie hatten sich ein bessres Ergebnis erhofft. Immerhin, tröstete sich die Jungpartei, sei es gelungen, die Diskussion über eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes in Gang zu bringen.
