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19.08.2021 Kommentar, KolumneWunder
Je mehr wir wissen, desto mehr erkennen wir auch Zusammenhänge. Für die Menschen in der Antike und im Mittelalter waren bereits Phänomene wie Blitz und Donner unerklärlich. Unterdessen sind uns die Naturgesetze vertraut und wir ...
Wunder
Je mehr wir wissen, desto mehr erkennen wir auch Zusammenhänge. Für die Menschen in der Antike und im Mittelalter waren bereits Phänomene wie Blitz und Donner unerklärlich. Unterdessen sind uns die Naturgesetze vertraut und wir wissen, dass sich beim Unwetter elektrische Ladungen austauschen. Da braucht es keinen Gott zur Erklärung. Wir können viele Abläufe und Ereignisse wissenschaftlich erklären, die früheren Generationen geheimnisvoll und magisch erschienen. Auch die starken Regenfälle der letzten Woche und die Hitzewelle in Südeuropa haben offenbar erklärbare und leider auch menschliche Ursachen.
Haben Wunder in unserem von der Naturwissenschaft geprägten Denken noch Platz? Ist der Wunderglaube nicht längst in Verruf geraten?
Umgangssprachlich mag das Wunder zwar da und dort noch vorkommen. Manchen Menschen scheint ja alles «wunderbar». Es mag auch vorkommen, dass jemand im Rückblick auf einem Unfall berichtet, er oder sie sei «wie durch ein Wunder» verschont geblieben. Im Blick auf manche menschlichen Errungenschaften lesen wir manchmal vom «Wunder der Technik»! Negativ, ja bedrohlich gemeint scheint wohl die Redewendung gemeint zu sein: Der da wird noch «sein blaues Wunder erleben»! Doch in unserem Alltagsverständnis ist das Wunder weitgehend verschwunden.
Was machen wir also mit all den Wundern in der Bibel? Was machen wir mit Jesus, der offenbar ein grosser Wundertäter war? Bei ihm gibt es übrigens keine «blauen Wunder», sprich Strafwunder. Alle seine Taten haben ausschliesslich heilende Wirkung. Wir können Wunder erklären oder umdeuten. Das wurde schon oft getan. Beispiel: Jesu Gang über das Wasser (Matthäus 14,22 – 33). Es sei «Bodennebel über dem See Genezareth» gelegen (im Ernst, aus einem Kommentar), bzw. Steine unter der Wasseroberfläche (als Ausgangslage für manche Witze). Oder wir können das Ganze bildlich zu verstehen, als Metapher. Darin ein Bild des Gottvertrauens zu sehen, ist sicher nicht falsch. Doch das Besondere an Wundern bleibt, dass sie geschehen sind und, wie im obigen Fall, mehrfach bezeugt wurden.
Ein Wunder sei ein «übernatürliches» Phänomen, heisst es seit dem 19. Jahrhundert, bzw. seit der Begriff Natur im heutigen Sinne in Gebrauch ist. Ich bin nicht sicher, ob Wunder zwingend voraussetzen, dass die Naturgesetze ausser Kraft gesetzt sind. Doch es scheint Ereignisse zu geben, die höchst unwahrscheinlich sind. Die Entstehung des Lebens selbst scheint mir übrigens ein solches Ereignis. Könnten wir sagen, das Wesen eines Wunders bestehe darin, einen glücklichen Zwischenfall, eine überraschende Wende zum Guten darzustellen, ein Geschehen also, das den lückenlosen Zusammenhang der Welt durchbricht? Können wir glauben, dass Wunder die göttliche Gegenwart hienieden erfahrbar machen?
Im Neuen Testament sind Wunder Zeichen des kommenden Reiches Gottes. Naiv wäre, auf ein Wunder zu hoffen, das uns aus einer (oft selbstverschuldeter) misslichen Lage erlöst. So wird uns Gott nicht aus der Klimakrise befreien, da müssen wir schon selbst einsichtig und tätig werden. Doch Momente, bei denen sich alles wunderbar ineinander fügt, unerwartet und unverdient, die gibt es. Kennen Sie nicht auch solche Wunder?
Andreas Pauli, Pfarrer, reformierte Kirchgemeinde Beinwil am See
