Wache in einen anderen Dorfteil gelockt
05.08.2021 Region, KolumneDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nachdem ...
Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nachdem Matter im Freiamt beinahe gefasst worden wäre, kehrte er nach Muhen zurück, wo er sich wieder unbehelligt bei der Familie Lüscher im Spenglerhäuslein einnistete. Nach Matters eigenen Angaben haben die Lüschers Tag und Nacht für ihn Wache gestanden, sodass er sich vor jeder Hausdurchsuchung hinten hinaus in den nahen Wald in Sicherheit begeben konnte. Solche Treue und Aufopferung durfte natürlich nicht unbelohnt bleiben. Bald berichtete die im Land herum hausierende Frau Lüscher Matter, sie hätte ausspioniert, dass im Hause des Geflechthändlers Jakob Häfeli in Egliswil Geld liege. Matter machte sich schnurstracks auf, dieses Geld zu holen. Dieser Einbruch in Egliswil vom 14. auf den 15. April 1853 erfolgte mit solcher Kaltblütigkeit und Frechheit, dass sich ein detaillierter Bericht geradezu aufdrängt.
Nachwache weggelockt
Matter langte um 1 Uhr nachts vor dem Hause des Häfeli an, nachdem er die wegen ihm ausgestellte, regierungsrätlich angeordnete Extra-Nachtwache durch Pfiffe in einen andern Dorfteil gelockt hatte. Durch das geöffnete Fenster stieg Matter in die Küche, machte hier Licht und betrat mit der brennenden Kerze die Nebenstube, welche dem Häfeli und seiner Frau als Schlafkammer diente. Hier trat er ans Bett und zündete den beiden ins Gesicht, um festzustellen, ob sie wirklich schliefen, ging dann zum Schreibpult an der gegenüberliegenden Wand. Dort öffnete das mittlere «Gehalt», entnahm diesem ein «Druckli» und aus dem Druckli einen Geldbeutel mit 152 Franken Inhalt. Frau Lüscher scheint also eine Meisterin im Spionieren gewesen zu sein. Dieses Geld war denn aus Sicht Matters auch für die Lüschers bestimmt. Er suchte deshalb, ob nicht auch für ihn etwas zu ergattern wäre. Neben dem Bett des Häfeli hing ein Apothekerkästchen. Matter öffnete dieses und nahm eine Flasche Branntwein als Beute mit. Nun begab sich Matter in den Gang hinaus, um durch die Haustüre, vor welcher er seine Schuhe hingestellt hatte, aus dem Hause zu verduften.
Mittlerweile aber hatten die zwei Extra-Nachtwächter die wahre Fährte des geheimnisvollen nächtlichen Pfeifers entdeckt. Das Licht im Hause von Häfeli zu ungewohnter Stunde hatte ihre Aufmerksamkeit erregt; sie waren herbeigelaufen und sahen eben durch das offene Küchenfenster einen Unbekannten in den Hausgang verschwinden. Sie liefen nun zur Haustüre und als Matter diese von innen öffnen wollte, hielten die Wächter dieselbe von aussen zu. Ihre Methode, um den raffinierte Einbrecher in flagranti zu erwischen. Matter ging deshalb in das Schlafzimmer zurück, öffnete dort das Fenster und schwang sich in den Garten hinaus, zum Entsetzen des durch den Lärm inzwischen aufgewachten Ehepaars Häfeli.
Als die Wächter endlich merkten, dass Matter nun aus dem Fenster entkommen sei, liefen sie vor die Schlafkammer, worin Häfeli laut um Hilfe rief. Unterdessen ging Matter ums Haus herum, nahm seine Schuhe bei der Haustüre wieder zu Handen und machte sich schleunigst Richtung Seon davon. Bald darauf verschwand Matter ins Elsass und man hörte bis im Sommer nichts mehr von ihm.
Mit gut gefülltem Geldbeutel zurück
Im Juli tauchte Matter wieder im auf und zwar wie immer, wenn er aus dem Elsass kam, bestens gekleidet und mit gut gefülltem Geldbeutel. Zeugen berichteten, Matter habe wie ein Pfarrer ausgesehen, mit schwarzem Rock und schwarzem Hut und er hätte ganze Stangen Fünfliber bei sich gehabt. Einer sagte vor Gerichte aus, er haben 2½ Zoll hoch Fünffrankenthaler in Matters Beutel gesehen. Matter meinte dazu ironisch, dann habe man eben offenbar seinen Beutel ganz genau gemessen. Wieder war das Spenglerhäuslein im Schwabistal sein Standquartier. Von hier aus machte er seine Visiten bei Verwandten und Bekannten, denen er reichlich gekauftes Backmehl, Fleisch und Wein anbot. Solange er Geld hatte, verschmähte er das Diebeshandwerk. Der Herr aus dem Elsass mit den umgänglichen Allüren eines bessern Kaufmanns hatte das nicht mehr nötig.
Einbruch beim Gemeindeammann
Bezeichnend für Matters damalige Haltung ist folgender Vorfall: Es war ihm bekannt geworden, dass der frühere Gemeindeammann von Muhen, Spezereihändler Käppeler, in seinem Korpus eine Zeitung mit Matters Signalement und der Beschreibung eines Einbruchs bei Junker von Diesbach im Schloss Liebegg, sowie eine Fotografie Matters, aufbewahre. Der erwähnte Einbruch war Matter aber fälschlich zu Lasten gelegt worden, Matter wollte sich davon selbst überzeugen. Er stieg nachts durch eine eingedrückte Fensterscheibe in den Laden ein, brach die Kasse auf, nahm die Zeitung heraus und las sie beim Kerzenschein. Die Fotografie steckte er ein, das Geld liess er liegen! Obwohl alt Ammann Käppeler genau wusste, wem dieser Streich zuzuschreiben war, machte er keine Anzeige in Aarau. Hierüber befragt, gab er zur Antwort, es sei ihm geschäftlich sehr schlecht bekommen, dass er einmal tätig mitgeholfen habe, den Matter zu verhaften. Das halbe Dorf meide seither seinen Laden, es sympathisierten überdies mehr als zwei Drittel der Muhener mit Matter. Dieser rühmte später selber, «der alte Ammann und seine ganze Familie seien sehr brave Leute gewesen und würden ihn nie verraten haben». Hausdurchsuchungen bei den Matterfreunden blieben derweil ergebnislos. Matter hatte nämlich seine Taktik des sich Verbergens geändert. Er hielt sich nicht mehr in den armen, sondern nun in den reichen Bauernhäusern von Muhen auf, jedoch ohne Mitwissen der Bewohner. Er hatte das nächtliche Einschleichen zu einer regelrechten Kunst entwickelt, die ihn vor den immer schärfer werdenden polizeilichen Fahndung sicherte. Für die Versorgung mit Proviant sorgten allerdings nach wie vor die Lüschers.

