Landjäger Ammann «sitzt» wegen Matter
26.08.2021 KolumneDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nach dem ...
Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nach dem Einbruch bei Händler Albert Rohr in Lenzburg am 31. Oktober 1853 begab sich Matter im Elsass in Sicherheit. Anfang Dezember traute er sich wieder über die Grenze. Zunächst ging er zu seinem Bruder, Samuel Matter, Lehrer in Wittinsburg, der ihn aber von seinem Haus wies. Bernhart versteckte sich jedoch drei, vier Tage im Dorf seines Bruders und reiste dann mit einem Lohnkutscher von Birsfelden nach Aarau. Bei Metzger Hässig, in der Nähe des Polizeipostens, verliess Matter das Gefährt und begab sich schnurstracks in die Metzgerei, wo er ein halbes Dutzend gekochte «Magenwürste und ein Dutzend grüne Landjäger» kaufte. Dann begab er sich nach Suhr.
Matter als heimliches Idol
Auf der Landstrasse holte er einen Mann ein, mit dem er sich auf ein Gespräch einliess, in welchem Matters Heldentaten Gegenstand waren. Nicht ohne Behagen vernahm der flüchtige Dieb, was man im Volke über seine Gaunereien und Streiche dachte und wie er zum heimlichen Idol der Habenichtse wurde. Als der Mann ihn fragte, ob er den Matter denn auch kenne, wäre er mit der Wahrheit beinahe herausgeplatzt. Aber dann blieb Matter aus Vorsicht bei seinem Inkognito und fragte umgekehrt, ob er denn den Matter kenne. Zu seinem Erstaunen bejahte dies der Unbekannte. Er habe gerade gestern Abend mit Matter in der Herberge zu Teufenthal getrunken und gespielt. Woran er denn den Matter erkannt habe? Sehr einfach: Dem Mann, mit dem er in der Herberge gesessen, sei beim Bezahlen eine ganze Handvoll Geld auf den Boden gefallen. Er habe aber nur gelacht und sei fortgegangen, ohne sich die Mühe zu nehmen, das Geld aufzuheben. Das könne doch niemand anders als der Matter gewesen sein.
So war also das Renommé, dessen sich Matter im Volk erfreute: Ein Tausendsassa, dem die Geldquellen unerschöpflich flossen, ein Teufelskerl, der sich der sauer verdienten Batzen nicht zu achten brauchte. War er Goldmacher? Stand er mit dämonischen Geldscheissern im Bunde? Solche Legenden kursierten nämlich inzwischen ebenfalls in der Bevölkerung.
So reich wie Napoleon
Matter war glücklich über den sonderbaren und unverdienten Nimbus. Besonders viel hielt er darauf, dass man ihn als reichen Mann einschätzte. In Muhen plagierte er einmal gegenüber seinem Vetter Jakob, er sei jetzt so reich wie Napoleon. In den Rollen als Viehhändler Richner aus Gränichen oder als Holzhändler Siebenmann aus Aarau gefiel er sich ganz besonders, denn diese waren weit und breit als schwerreiche Käuze bekannt. Freilich, über die Herkunft des Geldes hatte der phantasielose Matter eine nüchternere Erklärung als das wundergläubige Volk; danach befragt, war seine stereotype Auskunft: «Die reichen Herren «hausen schon für mich.»
Bei der Weberei in Suhr trennte sich Matter von seinem gesprächigen Begleiter. Er schlich sich in die Scheune von Hansjörg Kyburz und blieb dort auf dem Heu bis zum anderen Morgen.
Zu Besuch bei Frau Ammann
In der Frühe wanderte Matter über den Berg nach Seon. Ungefähr um 7 Uhr begab er sich in das Haus, wo eine gewisse Anna Ammann-Hafner wohnte. Dort klopfte er und die über den frühen Besuch erstaunte Frau öffnete die Türe. Er fragte sie, ob sie die Ehefrau des ehemaligen Landjägers Ammann sei, der jetzt in der Festung Aarburg eine Strafe abzusitzen habe. Als sie dies bejahte, fragte er sie, warum Ammann eigentlich ins Zuchthaus gekommen sei. Da Matter ein gewinnendes Wesen zur Schau trug, sauber rasiert war und sehr proper daher kam», fasste die Landjägersfrau Vertrauen und erzählte dem Fremden in Kürze, was ihrem Manne begegnet war:
Landjäger Ammann von Kölliken hatte an einer Streife auf Matter teilgenommen. Da der Polizei bekannt war, dass der flüchtige Dieb scharf auf Weiber sei, wurde Ammann beauftragt, in «Weiberkleidern» auf der Landstrasse zwischen Holziken und Muhen Matter abzupassen. Ammann wurde nun von zwei nächtlich heimkehrenden Burschen als Mann erkannt und, da er ihnen in dieser Vermummung verdächtig vorkam, geneckt und verfolgt.
Bei dem sich entspinnenden Streit schoss Ammann auf einen der Burschen namens Bolliger und verletzte diesen so schwer, dass er andern Tags starb. Der Landjäger hatte sich über seine voreilige Handlung vor Gericht zu verantworten. Er behauptete, Bolliger habe sich einige Zeit entfernt, sei dann aber plötzlich wieder mit einem Regenschirm erschienen, den er in der Dunkelheit für ein Gewehr gehalten habe. Als Bolliger mit dem Schirm auf Ammann eindrang, habe er sein Leben für gefährdet geglaubt und sei dem unvermeidlich scheinenden Schusse mit einem Schuss aus seinem Dienstrevolver zuvorgekommen. Der Begleiter Bolligers behauptete jedoch, Ammann habe den Bolliger ohne weiteres für den gesuchten Matter gehalten, weil dieser sich dem verkleideten Polizisten genähert habe, um festzustellen, ob in den Weiberröcken tatsächlich eine Frau oder doch ein Mann stecke, worauf Ammann kurzerhand auf den vermeintlichen Matter schoss. Das Gericht erkannte auf Überschreitung erlaubter Notwehr und verurteilte Ammann zu anderthalb Jahren «Festung Aarburg». Matter hörte sich diese berührende Geschichte aufmerksam an und fragte die Landjägersfrau, wie es nun ihrem Mann in Aarburg gefalle. Frau Ammann wusste nichts zu erwidern als, es werde ihm «denk» gefallen, wie es einem in Aarburg gefallen könne, worauf der Matter sagte, er wisse schon, wie es dort sei. Dann habe der sonderbare Mensch nur gelacht, dem Knaben des Ammann ein Zweifrankenstück gegeben und sei dann schleunigst davongegangen.
Frau Ammann vermutete nun, der Fremde könnte Matter gewesen sein. Sie lief zu ihrem Vormund und erzählte diesem von der frühmorgendlichen Begegnung. Der Vormund holte Matters Bildnis herbei, in welchem Frau Ammann unzweifelhaft den seltsamen Besucher erkannte.
Barbara Matter nicht zu Hause
Von Seon begab sich Matter nach Staufen, um seine hier seit einem Jahr wohnende geschiedene Frau zu besuchen. Es gelang ihm jedoch nicht, sie zu sehen. Sie war nach Lenzburg zur Arbeit gegangen und Matter wagte nicht, sie dort am heiterhellen Tag aufzusuchen. Es scheint fast, als ob Frau Matter von der damaligen Matterbegeisterung in Lenzburg profitiert hätte. Sie hatte seit ihrer Entlassung aus der Strafanstalt bei einer angesehenen Lenzburger Familie Aufnahme gefunden und sich hier rasch einen grossen Kundenkreis als Näherin geschaffen.
Enttäuscht darüber, dass er sie nicht treffen konnte, trieb sich Matter noch fünf Tage in der Gegend von Muhen herum, wo er sich wieder in den angeseheneren Häusern versteckte. Matter hat seine Frau übrigens nie wieder gesehen. Schliesslich kehrte er mit dem Transportwagen, der täglich von Luzern nach Basel fuhr, ins Elsass zurück. Dort blieb er bis Ende Dezember 1853.
