Eine Gegenrechnung von Lüschers
12.08.2021 Region, KolumneDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Eines ...
Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Eines schönen Morgens im Frühsommer 1853 ging Matter zwischen 4 und 5 Uhr von Muhen weg und schlenderte am Rütihof vorbei nach Gränichen.Von dort ging er den Schürberg hinan und stieg jenseits in den Seonerwald hinunter. Am Weg zum Ellenberg traf er einen der jungen Richner vom Refenthal beim Bandhauen, der ihn aber nicht erkannte. Matter liess sich von Richner den Weg nach Retterswil zeigen, worauf er ihn zu einem Schoppen in die dortige Pinte einlud. Es mochte ungefähr zwei Uhr nachmittags gewesen sein, als sie dort einkehrten. Die Wirtsleute waren draussen beim Heuen, nur die Magd und zwei Kinder sorgten für die Gäste. Es war heiss, man hatte Durst und, weil sich die Magd nicht gerade spröde zeigte, kam Matter bald richtig in Schwung.
Inzwischen war auch der Wirt Fischer nach Hause zurückgekehrt, und da er einen so noblen Gast in der Wirtschaft vorfand, der mit den Talern in der Tasche klimperte, wollte er den Mann noch etwas schröpfen. Er sprach also vom Kegelschieben. Matter liess sich dies nicht zweimal sagen und in kurzer Zeit hatten die drei 15 Flaschen à 8 Batzen herausgekegelt, die sie auf Kosten Matters tranken. Um 5 Uhr kamen die Heuer heim und der Wirt stiftete ihnen die übliche «Heuerlöse». Matter lud die Mädchen zum Trunk ein, was diese nicht abschlugen, denn es war inzwischen bekannt geworden, der feine Herr mit den Spendierhosen sei der reiche Holzhändler Siebenmann aus Aarau.
Fideler Abend
Der Wirt hatte nämlich Matter gefragt, warum er über Land gegangen sei. Matter sagte, er habe dem Junker von Liebegg Holz abgekauft, worauf der Wirt meinte: «Dann seid ihr gewiss der Siebenmann vonAarau».Matter brauchte nur noch «ja» zu sagen, um sich ganz respektabel zu tarnen. Natürlich imponierte er den Heuermädchen. Und es wurde ein fideler Abend. Als die Mädchen gegangen waren, steckte sich Matter den «Heuermaien» auf den Hut und ging mit einigen Burschen in die Eigengewächswirtschaft hinüber, wo er – nach eigener Aussage - «wieder so eine Kuh war und die Zeche bezahlte, und zwar Flaschenwein für 10 oder 20 Franken». Weinselig geriet Richner mit einem gewissen Fäs aus Oberkulm in Streit. Wirt Fischer wehrte die beiden ab und Matter fuchtelte mit einer Pistole dazwischen,«er habe da dann schon noch etwas parat, wenn Fäs nicht Frieden geben wolle».Worauf man schliesslich in Minne auseinander ging. Matter kehrte mit Fischer in die Pinte zurück. Hier fragte er einen Huggenberger von Seon, ob er ihm nicht um 5 Batzen den Weg ins Refenthal hinüber zeigen wolle. Die Magd Fischers hielt Matter jedoch zurück, «er solle doch bei ihr bleiben, der Herr Siebenmann könne ja in ihrer Kammer schlafen, der Wirt sei so «voll», dass er nichts merke, er müsse nur ein wenig warten, bis sie Brotteig gemacht habe für morgen.» Matter war das Schäferstündchen recht und er legte sich auf die Kunst, bis der Teig geknetet wäre. Die Magd schob ihm noch ein Kissen unter den Kopf, worauf Matter dann allerdings einschlief und zwar so fest, dass er erst am Morgen um zirka 3 Uhr erwachte. Hinter dem Tisch auf einer Bank schlief der Wirt, den er jetzt ganz gut hätte bestehlen können, was er aber nicht tat. Er sei kein gewöhnlicher Schelm, so Matter später.
Da sich die Magd, enttäuscht über den ungalanten Herrn Siebenmann, in ihrer Kammer eingeschlossen hatte, zog es Matter vor, «nun nicht mehr länger zu säumen» und sich auf den Heimweg nach Muhen zu machen.
Unverschämte Ansprüche
Die Stimmung in der Spenglerhütte änderte sich nun bald. Die Lüschers fingen nämlich an, dem Matter die Gegenrechnung für Beköstigung und Unterschlupf zu präsentieren, sie drohten ihm sogar mit Denunziationen, wenn er sich weigere, ihre unverschämten Ansprüche zu befriedigen. Für die Lüschers hätte Matter nun den ganzen Aargau ausplündern können. «Sie hätten ihm das Hemd vom Leibe gezogen, wenn sie gekonnt hätten», klagte Matter später vor Gericht. Die Lüschers trugen sich nämlich mit dem Gedanken, nach Amerika auszuwandern. Deshalb nutzten sie Matters Freundschaft gehörig aus, um das nötige Geld und die notwendigste Ausstattung zusammen zu bringen. Da die Gemeinde Muhen froh war, das Gesindel aus dem Schwabistal loszuwerden, bewilligte sie der Familie Lüscher die Reisekosten und für die erste Ansiedlung 1100 Franken. Der Staat, der in jenen Elendszeiten die Auswanderung kräftig förderte, gab einen Beitrag von 255 Franken. Die Verena Lüscher im Thalacker, die auch mitreisen wollte, erhielt für sich und ihr Kind 215.76 Franken. Auch Matter musste seinen Tribut zollen. Er gab Vater Johann Lüscher 100 Franken und dem Sohn Rudolf 180 Franken an die Reisekosten. Aber auch «die Alte» wollte ihren Teil an Matters Freigebigkeit. Ihr kam es in erster Linie auf währschafte Reisekleider für sich und die sechs Kinder an und da Matter mit seinen Elsässertalern wieder einmal zu Ende war, hiess ihn Frau Lüscher einfach, «das Zeug holen, wo es zu holen sei.» Matter konnte sich dieser Logik nicht entziehen, zum einen aus Dankbarkeit, zum andern aus Furcht und aus dem Gefühl der Abhängigkeit.
So begab er sich in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli 1853 nach Kölliken und brach hier im Verkaufslokal des Fabrikanten Jakob Vogel ein. Er entwendete 1 Stück Sarcenet (graues Baumwolltuch); 3 Stück Hemdentuch;1 Stück blauen und 1 Stück roten Kölsch 140 und 2 Stück Baumwolle, im ganzen 400 Ellen (240 Meter) Stoff, also genug, um ein ganzes Frauenregiment einzukleiden. Matter brachte das «Zeug ins Spenglerhaus, aber jetzt hatte er von Lüschers genug und er vermied von nun an die nicht sehr uneigennützigen Freunde im Schwabistal.
Diese rächten sich wiederum an Matter, indem sie seine hauptsächlichsten Aufenthaltsorte aus letzter Zeit verrieten. Eine plötzliche Hausdurchsuchung hatte nämlich die schon zu Röcken, Blusen, Schürzen und Hemden zerschnittenen Stoffballen zu Tage gefördert. Nach kurzer Gerichtsverhandlung in Kulm war Frau Lüscher wegen Hehlerei zu einem halben Jahr Zuchthaus verurteilt worden. Vor ihrer Wegführung nach Aarburg, wo bereits einer ihrer Buben «sass», denunzierte sie nun Matter; sie könne auf Ehre versichern, dass er bei dem Götz Bernert, der in Mittelmuhen wohne, seinen Unterschlauf habe. Götz Bernert sei früher auch schon in Amerika gewesen und wolle jetzt wieder dahin gehen und den Matter mitnehmen. Als man aber bei Götz Bernert Nachschau hielt, war Matter verschwunden. Es heisst, er sei durchs Kamin geflüchtet, als er das Chaislein des Amtmanns vorfahren sah, womit man den gefesselten Dieb nach Aarau ringen wollte.
Die Familie Lüscher verliess die Schweiz am 31. August. Da sich die Abreise wegen des Schiffskurses nicht hinausschieben liess, wurden Frau Lüscher und ihr Sohn von Aarburg polizeilich nach Basel gebracht, bevor sie ihre Strafe verbüsst hatten. Nach dem Auswanderungsprotokoll des Bezirksamtes Aarau reisten die Eltern Lüscher, 6 Kinder, Maria Müller und deren Kind sowie Verena Lüscher und deren Kind in die neue Welt. Man hat von ihnen hierzulande nichts mehr vernommen. Matter hatte sich inzwischen wieder ins Elsass begeben und sich bis Mitte September in den Schmugglerdörfern entlang der Schweizer Grenze herumgetrieben.

