«Besuche» in Aarau und Lenzburg
19.08.2021 KolumneDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nach der ...
Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nach der Auswanderung der Lüschers aus Muhen nach Amerika, worüber in der letzte Folge berichtet wurde, begab sich Matter wieder ins Elsass. Dort trieb er sich in den Schmugglerdörfern entlang der Schweizergrenze herum. Sein einstiger Spiessgeselle Andreas Kemar war wohl in Frankreich oder Deutschland verhaftet worden, denn Matter begegnete ihm nirgends. Dafür hängte er sich an andere üble Gesellen, vor allem mit dem Juden David Kym aus Belfort und einem gewissen Höh von Dermenach betrieb Matter Schmuggel von Basel nach Mülhausen. Wie Kemar war Kym in seiner Heimat nur als Schmuggler bekannt, Einbrüche beging er nur jenseits der Grenze auf Schweizerboden.
Er hatte einen starken Körperbau und war ein Meister seines Fachs. Mit ihm reiste Matter Mitte September auf gewohnten Pfaden nach Aarau. In der Nacht vom 26. auf den 27. begaben sie sich in die Igelweidgasse, überstiegen dort die Gartenmauer der Liegenschaft Frei-Sauerländer, sprengten mit blossen Händen einen mit Eisenblech beschlagenen und mit starken eisernen Haken versperrten zweiflügeligen Fensterladen auf und drückten die Fensterscheiben zum Ladengeschäft ein. Hierauf kletterte Kym durch das geöffnete Fenster hinein, während Matter draussen Wache stand. Kym öffnete gewaltsam die Schreibpulte, und da sich darin kein Geld vorfand, erspähte er in einem Seitenkabinett die Geldkiste der Firma, die er aufsprengte und aus derselben ein Säcklein mit 100 Franken erbeutete; Matter erhielt davon 47 Franken. Hierauf gingen sie wieder ins Elsass
Mitte Oktober 1853 verabredete Matter mit Kym und Höh einen Einbruch bei Herrn Handelsmann Rohr in Lenzburg. Als Kym nämlich Matter eines Tages befragte, ob er irgendwo in der Schweiz einen Ort für einen lukrativen Einbruch wisse, erinnerte sich Matter, dass ihm im Zuchthaus in Baden ein anderer Gefangener gesagt hatte, im Handelshaus Rohr sei immer Geld vorhanden, das leicht zu behändigen sei. Der besagte Gefangene war ein gewisser Brühl von Basel, der Rohr als Reisender einer Firma kannte. Er hatte noch nach seiner Entlassung ausstehende Gelder seiner früheren Firma aus Rache für sich einkassiert und durchgebracht.
Kym reiste sofort nach Lenzburg und kaufte in besagtem Laden Zigarren, bei welcher Gelegenheit er die Lokalitäten ausspionierte. Drei Wochen später, am 31. Oktober, mieteten die beiden Elsässer in Birsfelden eine Chaise, Matter war zu Fuss vorausgegangen und wurde bei der Saline Schweizerhall aufgeladen. Gemächlich fuhren die drei Spiessgesellen über die Staffelegg und mitten durch Aarau nach Lenzburg. Nachts um 11 Uhr kamen sie bei den Fünflinden an, wo Matter bekanntlich später hingerichtet wurde. Dort schlugen sie einen Pfahl ein, banden das Pferd daran, hingen ihm einen gefüllten Habersack vor das Maul und begaben sich ins Städtchen zum Hause des Händlers Albert Rohr. Dort versuchten die drei zunächst den Fensterladen gegen das Rathausgässchen aufzubrechen, indem sie ihn mit einem Windelbohrer anbohrten. Da das nicht rasch genug ging, schlugen sie eine Glasscheibe in der Haustüre ein. Kym, der die längsten Arme hatte, stellte sich auf einen Wurzelstock, den Matter aus einem benachbarten Schopf herbeischaffte, langte durch die Öffnung und tastete innen nach dem Türschloss. Er hatte Glück: der Schlüssel befand sich im Schloss, er brauchte nur umgedreht zu werden und die Türe stand offen. Höh hielt nun draussen Wache. Matter und Kym sprengten drinnen die Türe zum Laden und brachen die darin befindlichen zwei Schreibpulte auf. Dem einen entnahmen sie die Portokasse sowie eine silberne Taschenuhr mit doppelter silberner Schlangenkette, die dem Lehrling Jakob Gautschi gehörte. Im andern Pult fanden sie den Schlüssel zur Geldkiste, die sie öffneten und ihres Inhaltes beraubten; es fielen den Dieben rund 2100 Franken in die Hände.
Um halb zwei Uhr waren sie wieder bei den Fünflinden, wo sie das Fuhrwerk zurückgelassen hatten. Ruhig band er das friedlich in seinem Habersack kauende Rösslein los, stieg zu den Gefährten in die Chaise und fuhr mit ihnen auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren, ins Fricktal zurück. In Mumpf verliess er die beiden Komplizen. Im Hardwald bei Birsfelden versteckte er das mitgenommene Brecheisen und begab sich dann auf Umwegen wieder ins Elsass. In Habsheim traf sich Matter wieder mit Kym und Höh, um mit diesen den Raub brüderlich zu teilen.

